Aufregung um den Berliner Molkenmarkt
Bündnis fordert klare Entscheidung
Am Molkenmarkt kehrt erst einmal keine Ruhe ein. Nachdem die beiden Siegerentwürfe von OS arkitekter (Kopenhagen) und cka czyborra klingbeil (Berlin) sowie von Bernd Albers Architekten und Vogt Landschaftsarchitekten (beide Berlin) im Dezember 2021 ausgewählt und im anschließenden Werkstattverfahren weiterbearbeitet wurden, sorgte der ergebnislose Abschluss des Verfahrens am 13. September 2022 für viel Aufruhr. Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt hatte hierbei verkündet, dass eine Entscheidung nie vorgesehen gewesen sei.
Über dem prominent gelegenen Gebiet rund um den Molkenmarkt ziehen sich die Wolken weiter zu. Viele kritische Stimmen haben sich infolge der Geschehnisse in den letzten Tagen bereits zu Wort gemeldet. Zusätzlich erregte die Gemüter, dass eine neu gegründete Stiftung in Erscheinung trat. Die Stiftung Mitte Berlin kündigte an, sich für eine historische Rekonstruktion des Molkenmarkts einzusetzen.
Nun hat sich ein Bündnis geformt, das mit einem klaren Appell an die Öffentlichkeit tritt: In ihrem auf der Webseite Berlin-Plattform veröffentlichten Schreiben fordert das Bündnis „ein soziales und ökologisches Modellquartier am Molkenmarkt und ein klares Siegerteam aus dem Werkstattverfahren.“
Die Unterzeichner*innen – darunter zahlreiche Architekt*innen und Städteplaner*innen, aber auch Historiker*innen, Journlist*innen und Politiker*innen – sehen die Entwicklung am Molkenmarkt-Quartier, für das in dem Partizipationsverfahren Leitlinien für bezahlbare Wohnungen und kostengünstige Kulturräume entwickelt wurden, als „eine große Chance für Berlin“. Das Wettbewerbs- und Werkstattverfahren habe außerdem gezeigt, dass diese Leitlinien auch umsetzbar seien, heißt es in dem Schreiben.
Das Bündnis kritisiert die „willkürliche Beendigung des Verfahrens, die die hohen ideellen wie ökonomischen Investitionen aller an den Verfahren teilnehmenden Architekt*innen und insbesondere der Gewinner des Wettbewerbs missachtet.“ Das Verfahren müsse, heißt es weiter, wie in der Auslobung vorgesehen mit der Auswahl eines Entwurfs für die Weiterarbeit abgeschlossen, das weitere Vorgehen transparent gestaltet und die Einhaltung der Leitlinien gesichert werden.
Zu den Initiator*innen der Berlin-Plattform, auf der die Forderung gestern veröffentlicht wurde, gehören Autor Matthias Grünzig, Architektin Theresa Keilhacker, Redakteur der ARCH+ Anh-Linh Ngo, Professor für Architekturtheorie und Architekt Philipp Oswalt sowie Architekt und Stadtplaner Matthias Sauerbruch. Im Juni dieses Jahres ging die Webseite online. Erklärtes Ziel der Plattform soll „die Förderung von sozialen, ökologischen und partizipativen Ansätzen in der Berliner Stadtentwicklung“ sein. Hierfür wolle man Informationen zu aktuellen Stadtentwicklungsprojekten, Veranstaltungen, Diskussionen und Workshops bereitstellen ebenso wie Angebote zu Stadtführungen oder Videos veröffentlichen. Neben den Debatten um den Molkenmarkt geht es unter anderem um Themen wie den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ oder die Konflikte zwischen der Stiftung Humboldtforum und dem Förderverein Berliner Schloss. (dsm)
Petra Kahlfeldt stellt sich am 11. Oktober 2022 im DAZ der Öffentlichkeit und lädt zur Diskussion ein.
Ich hatte - jenseits aller stilistischen Themen, die ich mit der Dame habe - auf eine gewisse Art Grandezza und Souveränität auf Ihrer Seite gehofft. Die ich auch eigentlich von ihr kenne. Was ist da los? Vielleicht gibt es ja einen guten Grund, den wir alle nicht kennen? Wir können alle über Architektur trefflich streiten, aber es gibt Qualität, sowohl auf der einen wie der anderen Lagerseite, die allgemein anerkannt werden sollte. Diese hat jemand, der diesem Amte innewohnt anzuerkennen und umzusetzen, ob sie persönlich gefällt oder nicht. Den Sachverhalt hat jeder Architekt mehr oder weniger zu "erleiden". Mach das Beste draus! Und natürlich ruft der jetzige Vorgang die üblichen Verdächtigen auf den Plan, wen denn sonst? Die "Ewiggestrigen" - man verzeihe mir meine Polemik - werden tunlichst nichts dazu sagen und sich vermutlich die Hände reiben. Ich nenne keine Namen, auch keine der Teilnehmenden. Also: Um weiteren Schaden am Amt wie an unserer Profession allgemein abzuwenden gilt es jetzt - wie es so schön heißt - "das gilt ab sofort, unverzüglich" zurückzurudern, eine Entscheidung zu fällen und endlich die Arbeit zu erledigen, die das Amt bedeutet. Ich für meinen Teil bin es leid, mich ständig für meine Kollegen in entscheidenden Positionen rechtfertigen zu müssen. Zumal es die irgendwann wegen solcher Geschichten nicht mehr geben wird. Vielleicht aus gutem Grund. Danke
da die noch nicht einmal das können. Wer wundert sich da noch über irgendwas.
Das hinter dem Bündnis rund um die sog. 'Berlin-Plattform' dezidierte Kritiker*innen der baukulturellen oder besser: architektur- und stadtentwicklungspolitischen Agenda von Petra Kahlfeldt stecken, die sich schon gegen ihre Berufung als Senatsbaudirektorin ausgesprochen haben, ist kein Geheimnis. Und dass zu diesem Kreis auch Mathias Sauerbruch gehört, auch nicht. Das gab es also eigentlich nichts zu durchschauen, weil es sowieso jede*r weiß. Dass nun unterschiedliche kulturelle und politische Auffassungen zur Stadtentwicklung öffentlich ausgetragen werden und dass dazu auch Bündnisse und Aufrufe als Multiplikatoren zur Verbreitung der eigenen Auffassungen genutzt werden, ist doch eigentlich kein unlauterer Vorgang. Sondern Bestandteil einer pluralen Demokratie. "Öffentlichkeit" besteht ja nicht nur aus Parlamenten, Printmedien und Fernsehanstalten... Was allerdings ein unlauterer Vorgang ist: Eine Vorgabe zum Auswahlmodus eines Siegerentwurfs in einem öffentlichen und drei Jahre mit öffentlichen Geldern finanzierten Verfahren zu machen, an die man sich genau nicht mehr erinnern möchte, wenn sich in der Jury abzeichnet, das der Entwurf, den man selbst favorisiert, keine Mehhrheit bekommen wird. Genau das hat Frau Kahlfeldt aber getan. Und genau so kann sie mit einem öffentlichen Amt nicht tun. Hier hat sie nämlich in ihrer Zuständigkeit und als demokratisch legitimierte Instanz die Einhaltung der Vorgaben solcher Verfahren zu gewährleitsten. Denn wer soll es sonst tun? Mit ihrem Handeln sorgt Kahlfeldt nun nicht nur dafür, dass weiter Steuermittel verprasst werden, wo eine Entscheidung längst überfällig ist (nach ca. 30 Jahren Debatte um den Molkenmarkt). Sie demonstriert auch, was geschieht, wenn Juryentscheidungen und Wettbewerbe vollkommen der persönlichen Vorlieben und Willkür Einzelner unterworfen werden. Vor allem führt sie aber auch – und das ist viel schlimmer – öffentliche Beteiligung per se ad absurdum und schwächt damit nachhaltig das sowieso schon schwindende Vertrauen in die Möglichkeiten transparenter und demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse. Das ist tatsächlich ein politischer Skandal, gerade weil er so durchschaubar ist. Und dagegen muss politisch mobilisiert werden. Auch wenn das nur die "üblichen Verdächtigen*innen" tun, wie Sie sie verächtlich nennen.