Buchtipp: Heimat für den Architektur-Essay
Die Zeitschrift Daidalos ist zurück
Totgesagte leben länger? Im Fall der Architekturzeitschrift Daidalos ist das schon ein kleines Wunder. Immerhin wurde ihr Erscheinen vor über 25 Jahren eingestellt. Nun ist sie wieder da, als fein gestaltetes Printprodukt, das einmal im Jahr erscheint, und als Webseite, die alle Texte zu einem Wissensarchiv bündelt. Gerade ist die dritte Ausgabe erschienen. Wir sprachen mit dem Herausgeber Christoph Ramisch in der Schweiz.
Wie entstand die Idee, Daidalos neu zu beleben?
Christoph Ramisch: Als Daidalos im Jahr 2000 eingestellt wurde, riss das eine große Lücke. Generell veränderte sich damals die Medienlandschaft: Viele Anzeigen wanderten ins Netz und Redaktionen hatten für lange und rechercheintensive Texte kein Geld mehr. Das führte auch zu einer Banalisierung der Inhalte. Oft hörten Autorinnen und Autoren: Das ist zu lang, zu alt, zu intellektuell. Das bringt zu wenig Klicks. Das hat mich als Autor genervt. Ich wünschte mir eine Plattform, auf der all diese zu langen, zu anachronistischen, vielleicht auch zu abseitigen Texte landen und gelesen werden könnten. Einen Ort, an dem tiefgründige Essays nicht den herrschenden Marktgesetzen weichen müssen. Irgendwann wurde mir klar: Ich wünschte mir eigentlich so etwas wie Daidalos.
Ihr hättet für das Magazin auch einen neuen Namen wählen können, habt euch aber die Fortführung des alten Namens entschieden.
Die Idee, den alten Namen neu zu beleben, war sicherlich ebenso naiv wie größenwahnsinnig. Natürlich sind das Fußstapfen, in die wir uns da begeben, groß wie Swimmingpools. Der Name ist eher Motivation als Anspruch, Gleiches zu erreichen.
Wo siehst du die Verbindungslinien zwischen dem neuen und dem alten Daidalos?
Ein Vergleich ist schwer. Rein formal haben wir die Zweisprachigkeit übernommen, wobei wir neben deutsch und englisch unterdessen auch italienische und französische Originaltexte veröffentlicht haben. Inhaltlich liegt unser Fokus zunächst auf der eigenen Disziplin, der Architektur. Aber dann – wie beim „alten“ Daidalos – auch auf allen artverwandten Gattungen. Wir wollen dem Essay als kritischer Kunstform eine Plattform geben: frei, kritisch, unabhängig und als individuelle Äußerung unterschiedlicher Positionen und Denkweisen. Wir wollen ausführlichen Gedankengängen einen Raum geben, ohne von vornherein die Wortzahl oder das Thema zu beschränken.
Auch die wechselnden Farben und der entzerrte Takt der Veröffentlichungen erinnern vielleicht an das alte Daidalos. Früher sind die Hefte quartalsweise erschienen, heute veröffentlichen wir nur einen Essay pro Monat und einmal jährlich die Printausgabe. Entschleunigung tut uns allen gut.
Wie seid ihr organisiert?
Daidalos ist ein gemeinnütziger Verein. Im Kern sind das die Architektin Annina Meier und ich. Aber ich spreche von einem Wir, denn Daidalos, das sind die Autor*innen, die Lektor*innen, die Grafiker*innen von A Language aus Zürich. Und ein ständig wachsender Kreis von Freund*innen der Zeitschrift, die uns mit Tipps und Ratschlägen versorgen oder uns konkret bei der Arbeit mit Texten und Inhalten unterstützen.
Aktuell ist die dritte Ausgabe erschienen. Die Themenspannweite ist enorm: ein Gespräch mit Hermann Czech, ein Beitrag über Postmoderne Plattenbauten, ein Rückblick auf den internationalen Architektinnenkongress in Iran 1976, gefolgt von einer soziologischen Betrachtung der „Covid City“. Wie sucht ihr die Beiträge für eine Ausgabe aus, und wie stellt ihr diese zusammen?
Anfangs gab es kaum Vorgaben. Wir haben bewusst den Inhalt der Essays sehr offen gehalten. Kaum kuratiert. Keine redaktionellen Schwerpunkte oder Tabus formuliert. Wir wollten Daidalos erst einmal starten lassen und sehen, was den Schreibenden unter den Nägeln brennt und welche Themen von selbst aufkommen. Und so langsam lassen sich erste Spuren lesen, welche Fragen früher wie heute kursieren und wo sich thematische Verdichtungen feststellen lassen. Wenn die verschiedenen Essays beginnen, symbiotisch zu wirken, wird Daidalos zu einem Echoraum der Geschichte und gleichzeitig zu einem Seismografen für aktuelle Tendenzen und offene Fragen. Vielleicht ist das die Rolle von Daidalos: Aus altem Wissen von gestern Neues für morgen zu lernen. Das fände ich toll.
Alle Texte aus allen Printausgaben stellt ihr vollständig auf einer erfreulich werbearmen und daher sehr konzentrierten Daidalos-Webseite zur Verfügung. Wird das so bleiben?
Sag niemals nie, aber ja, das soll so bleiben. Die ganze Idee hinter der Neubelebung von Daidalos ist ja die, den Diskurs mit klugen Texten zu den unterschiedlichsten Themen zu bereichern. Dafür bietet die vollständige und kostenfreie Abbildung im Internet eine hervorragende Archivfunktion – die aber eben nur dann wirklich funktionieren kann, wenn sie vollständig und kostenfrei ist. Daidalos soll ein Wissensspeicher mit Volltextsuche sein, der weder von frustrierenden Bezahlschranken eingeschränkt noch von blinkender Werbung gestört wird. Wir sind selbst gespannt, ob das durchzuhalten ist. Aber die Vorstellung ist schön.
Zum Schluss die unbeliebteste Frage: Wie finanziert ihr das?
Das ist kein Geheimnis. Von Anfang an war klar, dass wir als Redaktion nichts verdienen. Non-Profit heißt das Zauberwort. Leider. Autor*innen, Übersetzer*innen und Lektor*innen sind bezahlt, aber die redaktionelle Arbeit geschieht aus Überzeugung und Idealismus. Anders wäre das nicht möglich.
Die Webseite soll ruhig und konzentriert bleiben, aber es gibt einen Platz, an dem Sponsoren Banner kaufen können – wobei das eher Funding ist als eine ökonomische Entscheidung der Partner. Hinzu kommen die Verkäufe der Printedition. Sämtliche Erlöse fließen in den Verein und helfen uns, zu überleben. Wer die Inhalte mag, kann sich durch einen Kauf direkt an der Finanzierung beteiligen. Ich denke, das ist eine faire Sache. Und die Hefte sind dank der fabelhaften Grafiker*innen wirklich sehr schön.
Besonders freut mich, dass ein paar Architekturbüros regelmäßige Sponsoren der Printausgabe geworden sind. Danke dafür! Ich denke, das ist ein wichtiger Fingerzeig, dass Architekt*innen ihren unabhängigen Fachdiskurs heute selbst finanzieren können – oder vielleicht auch müssen.
Die Fragen stellte Florian Heilmeyer.
Daidalos. Magazin für Architektur, Kunst und Kultur
Christoph Ramisch (Hg.)
Gestaltung (print und online): A Language
überwiegend Englisch und Deutsch
136 Seiten
Eigenverlag Daidalos, Zürich
ISBN 978-3-033-11638-2
29 Euro




