Kantonspolizei als Sonnenfänger
Verkehrsstützpunkt in Chur von Comamala Ismail Architectes
Hier fängt die Polizei die Sonne ein: Was man auf den ersten Blick für einen Demonstrationsbau eines Photovoltaik-Herstellers halten mag, ist der neue Verkehrsstützpunkt der Kantonspolizei in Chur. Da sich die Bauherrschaft des Kantons Graubünden ein Netto-Null-Gebäude wünschte, hielten Comamala Ismail Architectes (Delémont/Biel) ihren siegreichen Wettbewerbsentwurf so reduziert und optimiert wie möglich. Logisch, dass dabei ein einfacher Würfel entstand. Seine ausgestellten PV-Flügel geben ihm aber beinahe etwas Pagodenartiges.
Der Ansatz des Hauses ist vergleichbar mit einem Umbau von C.F. Møller am Zürichsee. Von der Bergkulisse mal abgesehen, handelt es sich hier am westlichen Rand von Chur nur nicht gerade um einen attraktiven Bauplatz, eingezwängt zwischen Gewerbeflächen, Fahrspuren und Wendeschleifen. Für einen Verkehrsstützpunkt der Polizei ist die Lage an der Autobahnauffahrt allerdings ideal. Die Architekt*innen ließen den Großteil der länglichen Parzelle frei für Parkplätze und Manövrierflächen. Das Raumprogramm verpackten sie im Sinne eines optimalen A/V-Verhältnisses kompakt im viergeschossigen Volumen über rund 2.700 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Die Gesamtkosten belaufen sich auf umgerechnet gut 10,7 Millionen Euro (BKP 1–9).
Auch wenn das Gebäude sich äußerlich wie ein Holzbau gibt, besteht doch die Konstruktion aus Stahlbeton. Comamala Ismail verwendeten für dessen Herstellung in einem nahen Werk Rheinschotter aus dem Baugrubenaushub. Ferner hätten sie darauf geachtet, den Beton effizient einzusetzen, schreibt das Büro. Es gibt möglichst wenige tragende Bauteile – Kerne, schlanke Stützen in der Fassade und Decken – und das Material bleibt ohne Verkleidung. Sämtliche Installationen laufen Aufputz. So dient der Beton als Speichermasse und die thermisch aktivierten Bereiche als Heizkörper. Die Tiefgarage erhielt statt einer betonierten Bodenplatte einen Asphaltboden.
Ziel all dessen war die Zertifizierung mit Minergie-A-Eco. Dieser Standard verbietet beispielsweise Holzschutzmittel oder schädliche Klebstoffe in Innenräumen. Die nichttragenden Trennwände und Ausfachungen bestehen daher aus ungebrannten Lehmsteinen, was das Raumklima und zusammen mit Deckensegeln und Vorhängen die Akustik begünstigt. Knapp 60 Prozent Treibhausgasemissionen habe das Planungsteam so eingespart.
Netto-Null ist damit aber noch nicht erreicht. Um die verbaute Energie zu kompensieren, braucht es Überschüsse aus der Energieproduktion. Die PV-Module an Fassade und Dach produzieren jährlich über 100 Megawattstunden Energie – viermal mehr Energie als der Gebäudebetrieb benötigt, berichten die Fachplaner*innen. Man rechnet mit einer Amortisierung der grauen Energie bis 2050. „Dass dieses Gebäude ein Kraftwerk ist“, soll die Fassade denn auch unmissverständlich kommunizieren. Auf allen vier Seiten – auch gen Norden – kragen Furnierschichtholzknaggen aus und tragen die rahmenlosen PV-Elemente, die als Low-Tech-Sonnenschutz dienen und gleichsam Sonnenenergie verstromen. (mh)
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- Comamala Ismail Architectes
- Team Architektur:
- Diego Daza, Louane Erard, Véronique Heissler, Oriana Locatelli, André Paca, Cornelius Thiele
- Bauleitung:
- Andreas Lütscher Baumanagement
- Bauingenieur:
- ZPF Ingenieure
- Elektroplanung/Fassadenplanung/Photovoltaik:
- Pro Engineering
- Brandschutz:
- Balzer Ingenieure
- Bauphysik/Akustik/Nachhaltigkeit Netto-Null/Minergie-A-Eco:
- Grolimund + Partner
- QS Brandschutz Fassade:
- Pirmin Jung Schweiz
- Bauherrschaft:
- Kanton Graubünden
- Fläche:
- 2.711 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 9.800.000 € BKP 1–9
Das Projekt ist Teil der Publikation Made of Solar, die Photovoltaik auf erfrischend ästhetische Weise ins Bild rückt.
Mehr zu Photovoltaik-Fassaden bei BauNetz Wissen











