02.09.2019

Was heißt schon Original?

Nina Wiedemeyer über die Ausstellung in der Berlinischen Galerie

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Die Kuratorin der Ausstellung „original bauhaus“, Nina Wiedemeyer. Foto: Anastasia Dittmann.

Am Donnerstag, den 5. September 2019 eröffnet die Ausstellung „original bauhaus“ in der Berlinischen Galerie. Zu sehen sind Kunst und Design aus den Beständen des Bauhaus-Archivs, Leihgaben aus internationalen Sammlungen und künstlerische Positionen, die das Bauhaus-Erbe neu betrachten. Nina Wiedemeyer hat sie kuratiert.

Frau Wiedemeyer, die Ausstellung nähert sich dem Bauhaus inhaltlich: 14 Schlüsselobjekte stehen für 14 thematische Kapitel, welche die 14 Jahre der Bauhausgeschichte in Deutschland repräsentieren. Welche Geschichte mögen Sie besonders?
Nina Wiedemeyer: Eine Geschichte, die mir sehr am Herzen liegt, ist der Vorkurs am Bauhaus. Er ist ein innovatives pädagogisches Element. Wir zeigen Studienarbeiten, um zu veranschaulichen, was tatsächlich damals unterrichtet wurde und wie aktuell die Aufgabenstellungen auch heute noch sind. Eine interaktive Medienstation interpretiert die Aufgaben des Vorkurses und übersetzt sie in die digitale Zeit. Eine andere Geschichte, die relativ unbekannt ist, ist die Freundschaft zwischen Dada und Bauhaus. Hannah Höch, eine Berliner Dada-Künstlerin, sollte am Bauhaus Dessau eine Einzelausstellung bekommen, für die es schon eine Ausstellungsliste gab – aufgrund der damaligen politischen Situation kam es aber nie dazu.

Für die Ausstellung haben Sie mit Schülerinnen und Schülern
zusammen gearbeitet. Warum und wie genau sah das aus?
Das Bauhaus war vor allem eine Schule und da ging es um Vermittlung – ähnlich wie in einem Museum. Auch durch die Zusammenarbeit mit dem Vermittlungsprogramm Bauhaus Agenten wurde die Frage nach der Perspektive der Schule sehr relevant: Dass die eigentliche Kunst in der Aufgabenstellung, in der Anleitung liegt und nicht so sehr in der Zeichnung selbst – das hat mir die Augen geöffnet. Die Schülerinnen und Schüler haben unsere Arbeit begleitet und zum Beispiel die Aufgaben des Vorkurses ausprobiert. Ausgehend davon haben wir zusammen entschieden, welche Aufgaben in das Programm aufgenommen werden.

Die Entwürfe am Bauhaus sollten in Serie gehen. Ihre Ausstellung trägt den Titel „orginal bauhaus“ – kann es überhaupt so etwas wie „Originale“ geben?
Die Ausstellung setzt sich genau mit dieser Frage auseinander und beleuchtet, wie Unikat und Serie, Remake und Original in der Geschichte des Bauhauses unzertrennlich miteinander verbunden sind. Lázló Moholy-Nagy schrieb zum Beispiel 1922 unter dem Titel „Produktion-Reproduktion“ einen Text über das Verhältnis von technischen Medien und künstlerischer Arbeit. Er hatte ein besonderes Verhältnis zur künstlerischen Autorschaft: Auf das eine Original kam es Moholy nicht an, er reproduzierte die von ihm als Fotogramm bezeichneten Bilder etwa durch Reprofotografie oder Umkehrkopie. Auf der anderen Seite stritt er sich später um die Urheberschaft des Fotogramm-Verfahrens. 14 Jahren Bauhaus-Produktion stehen heute fast 100 Jahre Bauhaus-Rezeption gegenüber: Reproduktionen, Re-Editionen und Remakes haben das Bauhaus zur einflussreichsten Schule für Architektur, Design und Kunst im 20. Jahrhundert gemacht. Im Zusammenhang mit unserer Ausstellung sind die Werke von damals tatsächlich „Originale“.

Gropius, Meyer oder Mies?
Gropius war Stratege, er hat die Bauhaus-Geschichtsschreibung geprägt. Ohne ihn würden wir heute vielleicht gar nicht mehr über das Bauhaus reden. Meyer ist mit seinen sozialen Fragen heute noch relevant und Mies ist der elegante Architekt und eine ganz andere Persönlichkeit, die mich als Lehrer am Bauhaus nicht so interessiert; wir zeigen ihn in der Ausstellung als den „vorbildlichen Lehrer“, den seine Schüler kopiert haben.

Die Fragen stellte Carolin Lichtenstein.

Eröffnung:
Donnerstag, 5. September 2019, 19 Uhr
Ausstellung:
6. September bis 27. Januar 2020
Ort:
Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin

Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt des Bauhaus-Archivs und der Berlinischen Galerie. Begleitend zur Ausstellung finden ein internationales Symposium, Künstlergespräche, Workshops und Bauhaus-Filmabende statt. Es erscheinen ein Katalog und das original Bauhaus-Übungsbuch im Prestel Verlag.




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