Amen zur Natur
Zu Besuch auf der Architekturtriennale in Oslo
Amen zur Natur
Zu Besuch auf der Architekturtriennale in Oslo
Die neunte Architekturtriennale in Oslo stellt die Frage, welchen Stellenwert die Natur in der gebauten Umwelt einnimmt. Zwischen Materialkonzepten und Zukunftsvisionen zeigt sie, wie eng ökologisches Bauen mit politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungen verknüpft ist. Denn ob ein Umdenken gelingt, hängt davon ab, welche Prioritäten gesetzt werden.
Mal sind es 35, mal 40 Prozent. Doch sie fallen immer wieder bei der neunten Architekturtriennale in Oslo: Zahlen, die aufzeigen, dass mehr als ein Drittel der weltweiten CO₂-Emissionen auf die Bauindustrie zurückgeht. Bekannt ist das längst, dringlich bleibt es trotzdem. Dass Architekt:innen und Fachplanende in der Verantwortung stehen, wird zunehmend deutlich. Ebenso deutlich ist aber, dass ein grundlegender Wandel weit über die eigene Disziplin hinausgehen muss – in die Politik und in die Wirtschaft.
Das Motto der diesjährigen Triennale kehrt die gewohnte Perspektive deshalb unter dem Titel „What if Nature Comes First?“ um und zielt auf ein Gedankenexperiment ab: Was wäre, wenn nicht die Ökonomie den Vorrang hätte und die Regeln bestimmte, sondern die Natur? So utopisch und unrealistisch die Vorstellung zunächst klingen mag, so konkret, wenn auch teils sehr spezifisch und kleinteilig, fallen die Antworten der 32 internationalen Beiträge aus.
Das Motto der diesjährigen Triennale kehrt die gewohnte Perspektive deshalb unter dem Titel „What if Nature Comes First?“ um und zielt auf ein Gedankenexperiment ab: Was wäre, wenn nicht die Ökonomie den Vorrang hätte und die Regeln bestimmte, sondern die Natur? So utopisch und unrealistisch die Vorstellung zunächst klingen mag, so konkret, wenn auch teils sehr spezifisch und kleinteilig, fallen die Antworten der 32 internationalen Beiträge aus.
Veränderte Rahmenbedingungen
Kuratiert wurde die diesjährige Ausgabe von der norwegischen Landschaftsarchitektin Line Ramstad. Eigentlich hätte die neunte Triennale, nach der Edition von 2022, bereits 2025 stattfinden sollen. Doch der Wechsel in der Leitung dauerte länger als erwartet, und die angespannte wirtschaftliche Lage der Architekturbranche erschwerte die Finanzierung. Um die Qualität zu sichern und die Organisation langfristig stabiler aufzustellen, verschob der Vorstand die Eröffnung um ein Jahr. Auch im Umfang blieb die diesjährige Ausgabe bescheidener: Das Programm konzentrierte sich auf zwei Wochen – in früheren Ausgaben waren es fünf bis elf.
Die Ausstellung und ein Großteil der zugehörigen Veranstaltungen fanden in der transformierten Sofienbergkirche statt. Seit 1877 steht sie auf einer kleinen Anhöhe in einem Stadtpark. Heute dient sie als Kultur- und Nachbarschaftszentrum und passt damit unmittelbar zum diesjährigen Motto. Auch die Ausstellungsgestaltung folgt dem Anspruch, Ressourcen zu schonen: Holzkonstruktionen tragen die Exponate und sind so angelegt, dass sie sich demontieren und weiterverwenden lassen.
Pragmatisch ist die Ausstellung in vier Kategorien gegliedert. „Materials“ thematisiert die Auswahl regionaler und nachhaltiger Baustoffe, um Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung zu reduzieren. „Structures“ zeigt, wie sich bestehende Gebäude erhalten, umbauen und weiterverwenden lassen, anstatt sie abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen. Wie dieser Ansatz in der Praxis aussehen kann, veranschaulicht der bereits vielfach ausgezeichnete Umbau Thoravej 29 von Pihlmann Architects in Kopenhagen. „Territories“ richtet den Blick auf Architektur und Stadtplanung, die sich an natürlichen Gegebenheiten orientieren und Ökosysteme in den Mittelpunkt stellen.
Kuratiert wurde die diesjährige Ausgabe von der norwegischen Landschaftsarchitektin Line Ramstad. Eigentlich hätte die neunte Triennale, nach der Edition von 2022, bereits 2025 stattfinden sollen. Doch der Wechsel in der Leitung dauerte länger als erwartet, und die angespannte wirtschaftliche Lage der Architekturbranche erschwerte die Finanzierung. Um die Qualität zu sichern und die Organisation langfristig stabiler aufzustellen, verschob der Vorstand die Eröffnung um ein Jahr. Auch im Umfang blieb die diesjährige Ausgabe bescheidener: Das Programm konzentrierte sich auf zwei Wochen – in früheren Ausgaben waren es fünf bis elf.
Die Ausstellung und ein Großteil der zugehörigen Veranstaltungen fanden in der transformierten Sofienbergkirche statt. Seit 1877 steht sie auf einer kleinen Anhöhe in einem Stadtpark. Heute dient sie als Kultur- und Nachbarschaftszentrum und passt damit unmittelbar zum diesjährigen Motto. Auch die Ausstellungsgestaltung folgt dem Anspruch, Ressourcen zu schonen: Holzkonstruktionen tragen die Exponate und sind so angelegt, dass sie sich demontieren und weiterverwenden lassen.
Pragmatisch ist die Ausstellung in vier Kategorien gegliedert. „Materials“ thematisiert die Auswahl regionaler und nachhaltiger Baustoffe, um Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung zu reduzieren. „Structures“ zeigt, wie sich bestehende Gebäude erhalten, umbauen und weiterverwenden lassen, anstatt sie abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen. Wie dieser Ansatz in der Praxis aussehen kann, veranschaulicht der bereits vielfach ausgezeichnete Umbau Thoravej 29 von Pihlmann Architects in Kopenhagen. „Territories“ richtet den Blick auf Architektur und Stadtplanung, die sich an natürlichen Gegebenheiten orientieren und Ökosysteme in den Mittelpunkt stellen.
Grundsätzlicher wird es in der Kategorie „Systems“. Hier geht es um die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen, die sich verändern müssen, damit ökologische Belange bei Planungs- und Entscheidungsprozessen einen höheren Stellenwert erhalten. Es ist womöglich die wichtigste Kategorie, denn letztlich sind es die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger, die bestimmen, wie wir bauen. Forderungen und Ideen allein reichen jedoch nicht aus – entscheidend ist, ob sie sich in veränderte Rahmenbedingungen und Maßnahmen übersetzen lassen.
Norwegischer Naturschutz
Die Frage nach nachhaltigem Bauen ist längst eine globale. Norwegen nimmt dabei eine interessante Position ein. Geprägt von eindrucksvoller Landschaft und starkem Naturbewusstsein, steht das Land in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zwischen Naturschutz und der Abhängigkeit von Öl und Gas. Auch in Oslo sind die Grenzen der Stadtentwicklung geografisch klar markiert: auf der einen Seite der Wald, auf der anderen der Fjord. Doch wie in vielen Metropolen wird Wohnraum zunehmend knapp und der Druck auf die verbliebenen Naturräume wächst.
Norwegischer Naturschutz
Die Frage nach nachhaltigem Bauen ist längst eine globale. Norwegen nimmt dabei eine interessante Position ein. Geprägt von eindrucksvoller Landschaft und starkem Naturbewusstsein, steht das Land in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zwischen Naturschutz und der Abhängigkeit von Öl und Gas. Auch in Oslo sind die Grenzen der Stadtentwicklung geografisch klar markiert: auf der einen Seite der Wald, auf der anderen der Fjord. Doch wie in vielen Metropolen wird Wohnraum zunehmend knapp und der Druck auf die verbliebenen Naturräume wächst.
Entsprechend konkret sind viele der gezeigten Projekte auf den norwegischen Kontext bezogen. Vor der Sofienbergkirche steht ein kleines Saunahaus, dessen Holzkonstruktion und bunte Farbgebung einen Kontrast zum Kirchenbau bilden. Die „Open Sauna“ wurde vom Oslo Badstuforening betrieben, dem städtischen Saunaverein mit beachtlichen 22.000 Mitgliedern. Zum Saunieren gehört in Skandinavien traditionell auch der anschließende Sprung ins kühle Nass. Doch die Wasserqualität des Oslofjords hat sich in den letzten Jahren drastisch verschlechtert. Während das Wasser vielerorts noch zum Baden geeignet ist, gerät das marine Ökosystem zunehmend aus dem Gleichgewicht. Seegraswiesen und Tangwälder gehen zurück, die Bestände einiger Fischarten sind auf historische Tiefstände gesunken.
Hier setzt ein Pilotprojekt des Saunavereins an, das in Zusammenarbeit mit Transborder Studio und dem norwegischen Meeresforschungsinstitut NIVA entwickelt wurde. Seit etwa einem Jahr wird eine modulare Unterwasserkonstruktion aus Holz erprobt, auf der Seegras und Zuckertang wachsen sollen. Mit Blick auf die Wasserfläche und die 174 Kreuzfahrtanläufe, die Oslo im Jahr 2025 verzeichnete, wirkt das Vorhaben allerdings wie ein Tropfen auf den heißen Stein.
Hier setzt ein Pilotprojekt des Saunavereins an, das in Zusammenarbeit mit Transborder Studio und dem norwegischen Meeresforschungsinstitut NIVA entwickelt wurde. Seit etwa einem Jahr wird eine modulare Unterwasserkonstruktion aus Holz erprobt, auf der Seegras und Zuckertang wachsen sollen. Mit Blick auf die Wasserfläche und die 174 Kreuzfahrtanläufe, die Oslo im Jahr 2025 verzeichnete, wirkt das Vorhaben allerdings wie ein Tropfen auf den heißen Stein.
Verschiedene Maßstäbe
Neben dem Schutz bestehender Naturräume und der Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme setzt ein Ansatz an der Ressourcennutzung selbst an: Materialien wiederzuverwenden, statt neue Rohstoffe zu verbrauchen. Die entsprechenden Beiträge auf der Architekturtriennale präsentieren das Konzept in verschiedenen Maßstäben.
Das kürzlich wiedereröffnete Designmuseum in Gent zeigt, wie sich Ziegel ressourcenschonender herstellen lassen. Statt gebrannt werden sie gepresst und aus städtischem Bauschutt gefertigt. Für das Bauprojekt wurde eigens ein entsprechender Stein entwickelt, von dem letztlich 82.000 Stück produziert wurden. Die Verfahren von ungebrannten Ziegeln selbst ist nicht neu, international wird intensiv an alternativen Herstellungsprozessen und der Wiederverwertung von Baumaterialien geforscht. Entscheidend ist hier weniger die technische Innovation als vielmehr ihre Anwendung in größeren Dimensionen.
In kleinerem Maßstab und noch eher im Bereich der Materialforschung bewegt sich die Grinham Research Group. Sie untersucht die Herstellung von Dämm- und Fassadenplatten aus recycelter Schafwolle. Etwa die Hälfte der Wolle wird bereits bei der Verarbeitung zu Textilien aussortiert – etwa aufgrund zu kurzer Fasern. Statt als Abfall verloren zu gehen, könnte dieses Material als Baustoff eine neue Verwendung finden. Durch chemische und mechanische Aufbereitung lässt es sich zu Paneelen unterschiedlicher Formen und für verschiedene Anwendungen verarbeiten.
Neben dem Schutz bestehender Naturräume und der Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme setzt ein Ansatz an der Ressourcennutzung selbst an: Materialien wiederzuverwenden, statt neue Rohstoffe zu verbrauchen. Die entsprechenden Beiträge auf der Architekturtriennale präsentieren das Konzept in verschiedenen Maßstäben.
Das kürzlich wiedereröffnete Designmuseum in Gent zeigt, wie sich Ziegel ressourcenschonender herstellen lassen. Statt gebrannt werden sie gepresst und aus städtischem Bauschutt gefertigt. Für das Bauprojekt wurde eigens ein entsprechender Stein entwickelt, von dem letztlich 82.000 Stück produziert wurden. Die Verfahren von ungebrannten Ziegeln selbst ist nicht neu, international wird intensiv an alternativen Herstellungsprozessen und der Wiederverwertung von Baumaterialien geforscht. Entscheidend ist hier weniger die technische Innovation als vielmehr ihre Anwendung in größeren Dimensionen.
In kleinerem Maßstab und noch eher im Bereich der Materialforschung bewegt sich die Grinham Research Group. Sie untersucht die Herstellung von Dämm- und Fassadenplatten aus recycelter Schafwolle. Etwa die Hälfte der Wolle wird bereits bei der Verarbeitung zu Textilien aussortiert – etwa aufgrund zu kurzer Fasern. Statt als Abfall verloren zu gehen, könnte dieses Material als Baustoff eine neue Verwendung finden. Durch chemische und mechanische Aufbereitung lässt es sich zu Paneelen unterschiedlicher Formen und für verschiedene Anwendungen verarbeiten.
Grenzen des Umdenkens
Die diesjährige Triennale war kleiner als ihre Vorgängerausgaben, zeigt aber konkrete Ansätze für eine verantwortungsvollere Architektur. Noch bleibt vieles davon ein Gedankenexperiment. Denn der Widerspruch zwischen ökologischen Zielen und wirtschaftlichen Interessen besteht fort – auch in Oslo. Das Megaprojekt Fjord City verdeutlicht, wie schwierig es ist, beides in Einklang zu bringen. Die weitere Bebauung der Uferzone wirft die Frage auf, welchen Stellenwert ökologische Belange in der Stadtentwicklung tatsächlich haben.
Die diesjährige Triennale war kleiner als ihre Vorgängerausgaben, zeigt aber konkrete Ansätze für eine verantwortungsvollere Architektur. Noch bleibt vieles davon ein Gedankenexperiment. Denn der Widerspruch zwischen ökologischen Zielen und wirtschaftlichen Interessen besteht fort – auch in Oslo. Das Megaprojekt Fjord City verdeutlicht, wie schwierig es ist, beides in Einklang zu bringen. Die weitere Bebauung der Uferzone wirft die Frage auf, welchen Stellenwert ökologische Belange in der Stadtentwicklung tatsächlich haben.
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