Buchtipp: Berliner Stadtmodelle
Von der Reform des Mietshauses bis zur IBA 87
Architektonische Kontinuitäten aufzeigen, das ist publizistische Sache von Moritz Henkel, Anna Jessen und Ingemar Vollenweider. So legten sie schon bei ihrem Atlas Ruhrgebiet den Fokus auf die moderate Reform statt auf harte Brüche. Und so kann man auch den Folgeband Berliner Stadtmodelle. Von der Reform des Mietshauses bis zur IBA´87 lesen. Wieder haben die drei an der TU Dortmund lehrenden Architekt*innen dafür einen gezielt zusammengestellten Katalog an exemplarischen Gebäuden verschiedener Perioden vorgelegt – dieses Mal 15 Wohnensembles der jüngeren Berliner Stadtbaugeschichte.
Den Herausgeber*innen geht es um Vergleichbarkeit. Mit ihrer, wie sie es selbst ausdrücken, nüchternen Herangehensweise wollen sie einen ideologiefreien Blick auf Modelle städtischen Wohnens werfen – ausgerechnet im Berlin des 20. Jahrhunderts, möchte man sagen. Gelingen soll das mittels analytischer Zeichnungen, die mit Studierenden entstanden, Fotografien von Maximilian Meisse und einordnenden Essays mehrerer Autor*innen. Zudem sind jedem Fallbeispiel Kennwerte beigefügt – Flächen, GFZ, GRZ, AV-Verhältnis, Flächeneffizienz et cetera.
Das Ganze wirkt dermaßen klar und sorgfältig – man vergisst beinahe, dass es sich um eine extrem kleine Auswahl handelt. Nur 15 Projekte, die die Entwicklung des Berliner Wohnungsbaus vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre nachzeichnen wollen, müssen zwangsläufig Leerstellen haben. Beispielsweise die zwischen 1910 und 1933 entstandenen Siedlungen der Berliner Moderne. Henkel schreibt dazu in seiner Einleitung, „sie wurden absichtlich nicht aufgenommen, denn sie waren als bewusster Gegenentwurf zum Städtischen gedacht.“
Denkt man an stadtbildprägendes Bauen in Berlin, so Henkel weiter, kämen zunächst die gründerzeitlichen Mietshausquartiere in den Sinn. Dank heute geringerer Belegungsdichte und moderner Sanitäranlagen hätten sie nicht nur ihr einstiges Stigma als „steinerner Sarg“ längst abgelegt. Vielmehr gelte der Gründerzeitblock als „Idealtyp europäischer Wohnarchitektur, der keine neuen Typologien mehr erfordere, da ‘es besser ohnehin nicht gehe’ (Hans Kollhoff)“. Viele ihm zugeschriebene Eigenschaften (wie Nutzungsvielfalt, Dichte, Parzellierung, Hierarchisierung in öffentliche und private Räume) könnten als bestimmende Referenzen für zeitgenössische urbane Quartiere dienen. Was Kollhoff und Tobias Nöfer ja erst kürzlich auf dem Tempelhofer Feld versucht haben.
Es sei aber „der Blick aus dem etwas düsteren Berliner Zimmer in den tatsächlich steinernen, verschatteten, kaum genutzten Hinterhof“, der Henkel und seiner Mitstreiter*innen dann doch dazu bewegt habe, nach „behutsamen und wohlüberlegten Verbesserungen“ für den Wohnungsbau nach der gründerzeitlichen Mietskasernenstadt zu suchen – eben von der Reform des Mietshauses Ende des 19. Jahrhundert bis zur Internationalen Bauausstellung 1987.
Dabei legen die Autor*innen ihren Fokus auf die Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten, die sich in den verschiedenen Wohntypen ausmachen lassen. So beschreibt Peter Eingartner, wie etwa Alfred Messel das gründerzeitliche Mietshaus demokratisierte, indem er bei seinen Bauten nicht länger zwischen Vorder- und Hinterhaus unterschied. Durch bessere Verteilung der Baumassen seien zudem, trotz nur geringfügig eingebüßter Dichte, luftigere Hofe entstanden. Über die Reformblöcke der Frühmoderne, den Systemwettstreit zwischen Ost und West in 1950er/60er Jahren (dessen Bauten im Hansaviertel bzw. an der Weberwiese, so Eva Maria Froschauer, ebenfalls auf bereits erprobten Grundrisstypen aufbauten) und den Massenwohnungsbauten wie dem Märkischen Viertel oder der Siedlung Rollberge geht es bis hin zur Kritischen Rekonstruktion von Josef Paul Kleihues und den postmodernen „Fuchs-Geistern“ in den 1980er Jahren.
Text: Maximilian Hinz
Berliner Stadtmodelle. Von der Reform des Mietshauses bis zur IBA´87
Moritz Henkel, Anna Jessen, Ingemar Vollenweider, Lehrstuhl Städtebau, TU Dortmund (Hg.)
312 Seiten
Verlag Kettler, Dortmund 2026
978-3-98741-222-6
48 Euro
In den knapp 100 Jahren Berliner Stadtbaugeschichte, die dieses Buch abdeckt, spielt auch der kommunale Wohnungsbau immer wieder eine Rolle. Die Hauptrolle hat er in unserer BauNetz WOCHE #674, die zurück ins Berlin der 2010er Jahre blickt.



