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05.07.2022

Buchtipp: Spiel-Räume der Demokratie

Theaterbauten in der Bundesrepublik von 1949 bis 1975


Vergangenen Herbst feierte die Deutsche Oper Berlin ihr 60-jähriges Bestehen mit einem Programm, das in erster Linie der Architektur des 1961 fertiggestellten Hauses von Fritz Bornemann gewidmet war. Im Mittelpunkt stand – neben der gestalterischen Radikalität des brutalistischen Baus – die in Saal, Foyer und zum Stadtraum hin konsequent entwickelte Idee gleichberechtigter Opernrezeption, Kommunikation auf allen Ebenen und Transparenz, kurz: modellhaft gebauter Demokratie.

Im März dieses Jahres erschien eine Publikation, die den Blick noch deutlich erweitert und auf das breite Spektrum dieses, mit rund 180 Theaterneubauten auch zahlenmäßig bedeutenden Bautyps der Nachkriegsjahrzehnte richtet: Spiel-Räume der Demokratie. Theaterbauten in der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1975 des Hamburger Architekturhistorikers Frank Schmitz. Der reich mit bauzeitlichen Fotos und Zeichnungen bebilderte und ausgezeichnet gestaltete Band basiert auf der Habilschrift des Autors und setzt sich erstmals – ausgehend von der in den 1970er Jahren einsetzenden Kritik an den öffentlich subventionierten „teuren Särgen“ – grundlegend mit dem Theaterbauboom in der jungen Bundesrepublik auseinander.

Das Leitmotiv bildet die Frage nach dem Verhältnis von Architektur und sich konstituierender Gemeinschaft. Die kommunalen Theaterbauten spielten eine wichtige Rolle im Prozess der Demokratisierung, da die Großprojekte von Aushandlungs- und Wettberwerbsverfahren begleitet wurden und nicht nur Architekten, Jurys und Bauausschüsse, sondern auch Fördervereine beteiligten und durch Spendensammlungen die Stadtgesellschaft in den öffentlichen Theaterbau einbezogen. Als Orte gemeinsamen Erlebens in den im Übrigen regelmäßig ausverkauften Häusern wurden 38 ausgewählte Theaterbauten insbesondere mit Blick auf die räumliche Organisation von Foyer, Saal und Bühne untersucht. Im Stadtraum trug die ikonische Wirkung der meist großdimensionierten, prominent platzierten Bauten in den 1950er und 1960er Jahren zur Identitätsstiftung in den von Kriegszerstörung gezeichneten Städten bei. Man glaubte an die gesellschaftsformende Kraft der Theaterarchitektur.

Als Schlüsselwerk neuer Bauformen gilt das 1956 eröffnete Theater Münster von Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau mit seinem in stereometrische Einzelkörper zergliederten Bauvolumen. Einen funktionalistischen Ansatz verfolgten auch Paul Bode und Ernst Brundig 1961 beim Staatstheater Kassel mit seinem Bühnenturm als „Baukörper der Technik“, womit sie sich gegen den Entwurf von Hans Scharoun und Hermann Mattern durchsetzten. Den 1959 ausgelobten Wettbewerb für das Essener Opernhaus gewann Alvar Aalto mit einem organisch-skulpturalen Baukörper.

International vielbeachtete Entwürfe wie Jørn Utzons Oper in Sidney oder Frank Lloyd Wrights Kalita Humphrey Theatre in Dallas wurden im Diskurs über die Erkennbarkeit der Theater als Kulturbauten aufgegriffen. Neben Funktionalität und Zeichenhaftigkeit traten Rückgriffe auf historisierende Säulenformen beim Haus der Ruhrfestspiele Recklinghausen von Felix Ganteführer und Fritz Hannes oder bei der Portalfront des Bochumer Schauspielhauses von Gerhard Graubner. Hardt-Waltherr Hämer knüpfte beim Bau des Stadttheaters Ingolstadt an alte Befestigungsanlagen an. Zu Beginn der 1960er Jahre kristallisierte sich das großflächig verglaste, hohe Foyer zum wesentlichen gestalterischen Merkmal, so beim Stadttheater Gelsenkirchen oder der Deutschen Oper Berlin.

Mittlerweile stehen die bundesdeutschen Spielstätten der Nachkriegszeit immer häufiger im Fokus von Debatten um Erhaltung und Abriss sanierungsbedürftiger Bauten, so in FrankfurtDüsseldorf oder Köln. Die umfassende und detailreiche Publikation von Frank Schmitz wird wohl ab jetzt die architekturgeschichtliche Grundlage aktueller und künftiger Kontroversen bilden.

Text: Ulrike Alber-Vorbeck


Spiel-Räume der Demokratie. Theaterbauten in der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1975
Frank Schmitz
Gestaltung: Alexander Burgold
384 Seiten
Gebr. Mann Verlag, Berlin 2022
ISBN 978-3-7861-2883-0
49 Euro


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Staatsoper Hamburg, 1953-55  Foto: Wolfgang G. Schröter

Staatsoper Hamburg, 1953-55 Foto: Wolfgang G. Schröter

Theater der Stadt Bonn, 1961-65  Foto: Hans Schafgans

Theater der Stadt Bonn, 1961-65 Foto: Hans Schafgans

Theater Gelsenkirchen, 1956-59  Foto: Ernst Knorr

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