Sanierung oder Neubau?
Debatte um das Opernhaus Düsseldorf
Das denkmalgeschützte Opernhaus in Düsseldorf ist dringend sanierungsbedürftig. Doch eine Machbarkeitsstudie favorisiert einen Neubau. Ist dies das richtige Signal?
Von Katrin Groth
Man scheint sich entschieden zu haben in Düsseldorf: Ein Neubau muss her! Nachdem vergangene Woche nach zweijähriger Prüfung die Machbarkeitsstudie zur Zukunft der Deutschen Oper am Rhein veröffentlicht wurde, spricht sich unter anderem Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) für einen Neubau aus: „Aus meiner Sicht scheint ein Neubau größere Chancen und Möglichkeiten für die Zukunft der Düsseldorfer Oper bereitzuhalten als eine Sanierung.“ Stimmt der Stadtrat zu, soll Ende des Jahres über den Standort entschieden und anschließend ein Architekturwettbewerb ausgelobt werden. Ein neues Opernhaus als Leuchtturm für die ganze Stadt, davon träumt der OB.
Handlungsbedarf besteht, und zwar dringend. Die Haustechnik ist desolat, das Dach marode, Brandschutz und Statik erfordern immer wieder Arbeiten. 18 Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren in den Bau an der Heinrich-Heine-Allee gesteckt. Zuletzt wurden im Foyer Stützen eingezogen, da das Dach in diesem Bereich nicht mehr tragfähig ist. Ausfälle des Bühnenaufzugs sorgten schon mehrfach für Vorstellungsabsagen. Kurz: Das Gebäude am Hofgarten ist sanierungsbedürftig. Hinzu kommt, dass es den Ansprüchen eines intensiven und modernen Repertoirebetriebs nicht mehr genügt, da vor allem die Rangier- und Lagerflächen zu gering bemessen sind. Der Bühnenraum ist zu klein, es gibt Probleme mit der Akustik, Proberäume wie der fürs Ballett liegen über die ganze Stadt verteilt.
Im März 2019 war daher die kommunale Verwaltung vom Rat der Stadt mit einer Machbarbarkeitsstudie beauftragt worden. Dabei galt es, drei Varianten – Sanierung, erweiterte Sanierung und möglicher Neubau – auf ihre Verhältnismäßigkeit und Zukunftsfähigkeit zu prüfen. Die Basis der Untersuchung lieferte das mit der Oper erarbeitete Nutzerbedarfsprogramm, das unter anderem eine zusätzliche Seitenbühne, die Einrichtung einer Studiobühne und Platz für Proberäume vorsieht.
Ergebnis: „Die vorläufigen und ausschließlich auf dem aktuellen Wissenstand beruhenden Kostenrichtwerte bewegen sich zwischen mindestens 457 Millionen Euro für die Basissanierung und bis zu mindestens 716 Millionen Euro für einen Neubau im Hofgarten“, heißt es in der Studie. Im Falle einer Sanierung wären auch noch Kostensteigerungen einzukalkulieren, werden viele Probleme doch erst während des Umbaus sichtbar. Auch wären Eingriffe in den Hofgarten, Düsseldorfs bekannteste Grünanlage, wohl unvermeidbar. Als abschreckendes Beispiel dürfte zudem die komplizierte Sanierung der Kölner Oper dienen. Dort sind die Kosten von ursprünglich anvisierten 253 Millionen Euro explodiert und könnten im schlimmsten Fall auf 900 Millionen steigen.
Bei einem Neubau hingegen würden die Risiken laut Prüfer*innen geringer ausfallen und vor allem der Raumbedarf befriedigt werden. Statt 16.000 Quadratmetern Nutzfläche heute oder 22.500 Quadratmetern in der Sanierungsvariante wären es bei einem Neubau 33.000 Quadratmeter. Dabei wäre der Neubau an alter Stelle die teuerste Variante mit 716 Millionen Euro, weil zusätzlich eine Interimsspielstätte nötig wäre. An anderer Stelle kämen noch Grundstückskosten zu den kalkulierten 636 Millionen Euro Baukosten hinzu – wenn es nicht zu einem Grundstückstausch kommt, wie ihn Jan Hinnerk Meyer vom ortsansässigen Büro Meyer Architekten/Projektschmiede anregt. Der Architekt, der sich von Anfang an in der Diskussion engagierte und einen Neubau favorisiert, hat bereits mehrere Varianten visualisiert. Sein Favorit ist ein multifunktionales Haus am einstigen Standort des Warenhaus Kaufhof am Wehrhahn. Andere Entwürfe beziehen zusätzlich das an den Kaufhof angrenzende Karstadtgebäude mit ein oder schlagen wie RKW Architektur+ (Düsseldorf) einen Neubau am Rheinufer vor. Für den Bestandsbau solle stattdessen eine Alternativnutzung gefunden werden, so Meyer.
Alles scheint klar: Düsseldorf bekommt ein neues Opernhaus. Oder etwa doch nicht? Nein, denn ganz so einfach ist es nicht. Das Haus steht nämlich seit 1994 unter Denkmalschutz. Zur Begründung hieß es einst, dass es vor dem Hintergrund der damaligen kontroversen Architekturdiskussion „zu einem Zeugnis der Theatergeschichte und des Wiederaufbaus geworden“ sei. 1875 als Stadttheater Düsseldorf eröffnet, war das Gebäude während des Zweiten Weltkrieges zerstört und noch während des Krieges provisorisch wiederaufgebaut worden. Der Zuschauer- und Foyerbereich wurde später abgerissen, das Opernhaus 1956 nach Plänen von Paul Bonatz, Julius Schulte-Frohlinde und Ernst Huhn neu errichtet. Allerdings wurden der Oper, kritisieren Denkmalschützen, über Jahre die notwendigen Investitionen vorenthalten. Und plötzlich kann das Gebäude gleich ganz weg?
Auch im Hinblick auf die aktuelle Debatte um Klimaschutz, den nachhaltigen Einsatz von Ressourcen und befürchtete Abrisswellen – erst gestern veröffentlichte ein Aktionsbündnis einen Forderungskatalog nach mehr Sanierungen – scheint die Düsseldorfer Vorentscheidung fragwürdig. Dazu kommt: Das Opernhaus in Duisburg, das Teil des Verbunds Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg ist, steht vor ganz ähnlichen Problemen. Dort sind vor allem Dach und Fassade sanierungsbedürftig.
Baustelle Oper, das Thema der BAUNETZWOCHE#559.
Der "Sanierungsstau" auch in diesem Bereich sollte auch hier nicht darüber hinwegtäuschen, dass das kollektive Gedächtnis der Nachkriegszeit nach WK 2 und der Ressourcenverbrauch, Stichworte: "CO2", "graue Energie" etc. eigentlich das ist, was hier gegenüberzustellen ist. In Anbetracht des Spiels von Landes- und Bundesbürgschaften, mit denen die berühmten "Kostenexplosionen" bei "Großprojekten der öffentlichen Hand" von meist relativ ahnungslosen, aber federführenden Politikern durchgewunken werden, auf Kosten der SteuerzahlerInnen wird das Ganze nochmals dubioser. Wenn dann die Opernkarte wesentlich verteuert wird, dann ist auch der allgemeine Bildungsauftrag hinfällig. Die Menschen, Bürger sollten aber an Bildung und Kultur teilhaben können. Sie wollen nicht einfach verdeckt zahlen für wachsende, verdeckt von ihnen unterstützte Chancen- und Bildungsungleichheit. In einem demokratisch strukturierten und geführten Gemeinwesen ist dies ihr gutes Recht. Die Stadt, die Polis ist da nur ein kleiner Teil des Staates. Dennoch bilden sie und das Quartier darin die überschaubare Einheit des Gemeinwesens ab. In jeder Staatsform: Republik, Monarchie, Demokratie. Oligarchie und Tyrannis / Diktatur als wesenhafte Erscheinungen darin will ich hier einmal bewusst nur am Rande erwähnen. Schönen Sonntag.
Schönes Wochenende.
Diese Untersuchungen sind von hintergestern. Wir können uns diese Art von Ex und Hopp umwelt- und ressourcentechnisch nicht mehr leisten, seien sie auch noch so viel günstiger gerechnet. Und seit wann werden Kostenschätzungen von Neubauten eingehalten? Und wann werden Neubaukosten endlich adäquat Altbaukosten gegenüber gestellt? Zudem entstehen Kostensteigerungen in der Altbausanierung oft durch unmäßige Anforderungen an den Bestand, sei es in konstruktiver oder brandschutztechnischer oder - vor allem - haustechnischer Art. Als im Moment Sanierender erlebe ich ständig, wie 100 Jahre alte Konstruktionen ohne rücksicht auf Verluste auf einen vermeintlichen "heutigen Stand" getrimmt werden sollen, die bis dato wunderbar auch ohne diesen funktioniert haben. Ohne ständige Beschwerden der Nutzer, ohne Feuerbrünste und Teileinstürze. Also wünsche ich mir von den Verantwortlichen und den Nutzern des Hauses, ihre Ansprüche in Demut zu überprüfen, ob sie denn wirklich so sehr unabdingbar sind. Man arbeite MIT dem was da und nicht DAGEGEN. Das bauliche Mängel behoben werden müssen ist klar (warum diese vermutlich existieren wurde ja schon beleuchtet). Das fehlende Räume für mittlerweile entstandene Nutzungen ergänz werden müssen: Genau für solche Fingerübungen gibt es Architekten. Also gebt Euch Mühe! Erkennt, was Ihr für einen Schatz habt! Und poliert ihn, anstatt ihn wegzuwerfen! Danke.