Eröffnung auf Raten
Erster Festakt für die fertige Elbphilharmonie
Von Stephan Becker
Salamitaktik heißt die politische Strategie, die wahren Kosten eines Projekts in nur kleinen Scheibchen mundgerecht zu servieren – meist aus Sorge, die ganze Wahrheit könne die Öffentlichkeit „überfordern“, wie es gerne heißt. Der Planungs- und Bauprozess der Elbphilharmonie, mit ihrer längst legendären Preissteigerung von 77 auf 789 Millionen Euro ein unverdaulicher Riesenbrocken, ist ein Paradebeispiel für diese Taktik. Wie passend, dass die Salamitaktik nun mit einer Eröffnung auf Raten weitergeht. Am vergangenen Montag war die offizielle Schlüsselübergabe des Gebäudes von Herzog & de Meuron (Basel). Heute wird dann die sogenannte Plaza zwischen dem alten Kaispeicher und dem neuen Gebäudeteil mit einem Festakt eröffnet, und auch das Hotel nimmt den Betrieb auf. Ab morgen darf schließlich die Öffentlichkeit nähertreten und nicht zuletzt auch die Gastronomie erobern. Der Konzertbetrieb startet feierlich am 11. und 12. Januar 2017.
Noch über 12.000 Mängel seien allerdings zu beheben, so das Hamburger Abendblatt, wobei die Zeitung das offiziell ausgegebene „nur“ in süffisanten Anführungszeichen druckte. Trotzdem haben Medienlandschaft wie Öffentlichkeit inzwischen auf allgemeines Wohlgefallen umgeschaltet. Schon die ganze Woche über waren überall mehr oder weniger enthusiastische Lobeshymnen zu lesen, insbesondere Die Zeit und Der Spiegel, beide in Hamburg ansässig, taten sich dabei hervor. Letzterer sprach vom „Bauwerk der Mutigen“, schwelgte im „Luxus über dem Konzertsaal“ oder freute sich über die Lichtinstallation des Hochtief-Konzerns, der das Wort „Fertig“ in den Fenstern aufleuchten ließ. In der „Zeit“ wiederum spürte man „Wellen der Zuversicht“ und erklärte ausführlich, warum die 12.000 Mängel nach der Faustregel der Häuslebauer – ein Mangel pro Quadratmeter – bei 120.000 Quadratmetern Nutzfläche zu vernachlässigen sind. Ein kleiner Feuerwehreinsatz aufgrund starker Staubentwicklung beim letzten Feinschliff konnte da ebenso wenig die Vorfreude trüben wie die dissonanten Töne, die in manchen Online-Foren noch immer zu lesen sind.
Jetzt wird es also Zeit für die Hanseaten, ihr neues Wahrzeichen in Besitz zu nehmen – und sich noch einmal daran zu erinnern, dass die viele Aufregung um die Elbphilharmonie vielleicht auch ein Plädoyer für mehr Gelassenheit bei Großprojekten sein kann – Gelassenheit wohlgemerkt, nicht Fahrlässigkeit, wie man sie von anderen Großbaustellen im Land sehr wohl kennt. Mit einer reinen Bauzeit von unter zehn Jahren und einem Quadratmeterpreis von etwa 6.500 Euro ist das Vorhaben jedenfalls angesichts der technischen Herausforderungen und politischen Querelen ziemlich glimpflich über die Bühne gegangen. Zum Vergleich: Das Kanzleramt in Berlin hat auf den Quadratmeter gerechnet fast das Doppelte gekostet – und das war vor vielen Jahren.
Ein Happy End? Es sieht so aus, jedenfalls waren die ersten 10.000 Tickets für die Plaza schon nach wenigen Stunden vergeben, und sowohl der frühere Bürgermeister Ole von Beust, der das Projekt 2003 auf den Weg gebracht hatte, als auch die beiden Initiatoren des Projekts, Alexander Gérard und Jana Marko, sind zufrieden. Auf Einladung des Akustikers Yasuhisa Toyota durfte das Ehepaar bei der ersten Probe prüfen, ob sich ihre große Idee schließlich bewähren wird. Und Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die in einer Arbeitsgemeinschaft mit Hochtief bis zuletzt an der Ausführung beteiligt waren, gaben schließlich ihre finale Zustimmung, die im Jargon der Planungsverantwortlichen fast etwas despektierlich als „HdM-Label“ bezeichnet wird. Und die Architektur? Endgültige Aussagen sind sicherlich noch keine zu treffen, wahrscheinlich wird es sogar Jahre brauchen, um zu verstehen, was für ein seltsamer Hybrid aus verschiedenen Funktionen und Trägerschaften, aber auch gestalterischen Zeitschichten da in Hamburg entstanden ist.
Das gilt auch für das Vorhaben als solches, das wie kein anderes Projekt der jüngeren Zeit die verführerische Kraft von fein gerenderten Visualisierungen beweist. Ganz ohne Wettbewerb und letztlich auch ohne Notwendigkeit, einfach nur mit einer starken Idee und ein paar Bildern, gelang es Gérard und Marko, eine ganze Stadt zu verzaubern. Und jetzt steht das fertige Gebäude tatsächlich an der Elbe – für nicht wenige ein kühner Traum, der Realität geworden ist.
Fotos: Iwan Baan, Michael Zapf, Maxim Schulz, Jörg Modrow, Oliver Heissner, Sophie Wolter
Die Elbphilharmonie ist nicht nur eines der langwierigsten Bauvorhaben der jüngeren Gegenwart, sondern auch eines der ersten Gebäude solcher Größenordnung, dessen Entstehungsprozess fast vollständig auf BauNetz dokumentiert ist – von der ersten Idee 2003, über die frühe Unterstützung der Architektenschaft bis zum Baubeschluss 2005; weiter mit der umfassenden Überarbeitung von 2006, zum Bauvertrag, zur Abstimmung und Grundsteinlegung, und schließlich mit dem Richtfest 2010 zum ersten Höhepunkt, gefolgt von der finalen Bewältigung der Querelen samt dem neuen Fahrplan bis zur Fertigstellung – und im Januar 2017 geht es weiter mit dem Saal und der Akustik.
www.elbphilharmonie.de
Ich hätte echt nicht gedacht, dass das so praktiziert werden würde im hohen Norden. Insofern rudere ich ein gutes Stück weit zurück. Dennoch bleibt ein fader Geschmack oder das komische Gefühl, dass solche Leuchtturmprojekte Gelder an anderen Stelle abziehen bzw. Geld für mglw. dringendere Projekte eben nicht zur Verfügung steht. Seien es fehlende Betreuungseinrichtungen für Kinder, seien es andere Sozielleistungen des Senats. Beispiel Stuttgart 21: Derzeit wird drauf los gebaut ohne ein genehmigtes Brandschutzkonzept - und die Infrastruktur der Bahn im Ländle (B.-W.) liegt andererseits an Boden und wird auf absehbare Zeit auch dort bleiben müssen. Baukosten: Nach oben offen. Jetzt wäre es eine durchaus interessant Frage: (Wann) bekommen sozial Benachteiligte bei der Bahn AG ähnlich subventionierte Eintrittskarten nach dem Vorbild der Elbphilharmonie??
Hatte erst jetzt Zeit, die Kommentare zu lesen und habe folgendes recherchiert: https://www.elbphilharmonie.de/de/ticketinformationen#ermaessigungen
Die Bereitschaft zu dieser Summe ist und war mit diesem Projekt verbunden, dies kann man in Frage stellen und kritisieren, aber einen Rohbau für 300 Mio €; hätte man nicht behalten und parallel 400-500 Mio in andere Projekte gesteckt. Hamburg ist und bleibt Kaufmannsstadt und möchte sich international zeigen, alles andere ist derzeit Sozialutopie und Träumerei.
Weil sie subventioniert ist und man daher in der Elbphilharmonie Spitzenkonzerte für weniger als 20 Euro besuchen kann? Oder, wenn wir den Bau mal ausklammern: Weil man in Kassel für weniger als 10 Euro in die Oper gehen kann? Was soll denn Ihrer Meinung nach eine Karte für Falstaff oder Mahlers Fünfte kosten?