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24.09.2018

Spaß am Kontext

Eine Begegnung mit dem SITE-Gründer James Wines


Auf Pop Art möchte sich James Wines nicht reduzieren lassen. Der Gründer der amerikanischen Gruppe SITE versteht sein Werk als Reflexion des räumlichen und zeitlichen Umfelds. Daraus entstanden in den vergangenen 50 Jahren vielfältige Projekte, zuletzt eine Lampe, die nicht mehr als ein Zeichen ihrer selbst sein will. Eine Begegnung bei Foscarini in Mailand.

Von Michael Kasiske


James Wines ist 86 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl, doch das tiefe Timbre seiner Stimme setzt sich mühelos gegen das Gemurmel der Besucher im Showroom des italienischen Leuchtenherstellers Foscarini durch. Mit der für Amerikaner typischen breiten Aussprache und den wachen Augen nimmt er sein Gegenüber ein. Eine gute Voraussetzung, denn Wines lässt sich nicht in die gewohnten Kategorien einordnen.

„Heutzutage will fast jeder Architekt Künstler sein und umgekehrt fast jeder Künstler auch Architekt,“ konstatiert er und ergänzt: „Beim Abschluss meines Studiums der Kunstgeschichte, Bildhauerei und Literatur 1956 war in Amerika beides strikt getrennt.“ Das änderte sich für Wines während der 1960er-Jahre in Italien: „Seit ich die Bauwerke des 13. oder 14. Jahrhunderts vor Augen hatte, begreife ich, dass Architektur und Kunst nicht für sich betrachtet werden können. Denn der Kontext ist der gleiche.“ Unter diesen Vorzeichen gründete Wines 1970 in New York zusammen mit Alison Sky und Michelle Stone die Gruppe „Sculpture In The Environment“ – kurz: SITE. Nach zwanzig Jahren gingen beide Künstlerinnen eigene Wege. Wines kooperiert heute projektweise mit seiner Tochter Suzan, einer Architektin.

Bröckelnde Fassaden

Das Image von SITE ist untrennbar mit den Interventionen für die Handelskette BEST verbunden, deren nüchterne Industriehallen durch ablösende Fassaden oder herausbrechende Ziegelsteine irritierten. „Mit einer ungewohnten Frivolität ging Wines gegen das allgemeine Image des Perfekten an und verband,“ so resümierte Heinrich Klotz „das werbende Zeichen des Supermarktes mit ruinösem Zerfall: eine Fiktion gegen die glatte Selbstverständlichkeit des Nichtssagenden.“

Von Heinrich Klotz, dem Gründer des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, fühlt Wines sich noch heute am besten verstanden. Zur Zeit seiner Entstehung erfuhr SITE heftige Ablehnung. Das American Institute of Architects sah die Disziplin bedroht und kündigte das Abonnement seines Blattes architectural record. „Das waren wirklich interessante Zeiten!“ schmunzelt Wines, der die Arbeiten als Teil der Rebellion seiner Generation gegen das Museum versteht: schöne Künste wurden an Orten verwirklicht, wo man sie nicht erwartet.

Leider sind die BEST-Stores tatsächlich bereits Geschichte, denn die humorvoll-kritischen Spiegelungen amerikanischen Konsums wurden nach einem Verkauf des Unternehmens Mitte der 1980er-Jahre beseitigt. Eine Neuauflage für einen japanischen Investor lehnte Wines ab. „In Japan hätten diese Gebäude eine ganz andere Bedeutung bekommen,“ meint er: „Nur in der junk world Amerikas gab es diese Spannung zwischen dem act of art und dem act of merchandising.“

Spaß am Kontext

Sich selbst nennt Wines einen „Environmental Architect“, der die Fusionen und Konfusionen zwischen Kontext und Bauwerk thematisiert. Das kann ein kultureller Kontext sein, ein psychologischer oder vergessener oder eben ein physischer Kontext wie etwa Berge. Das Verbinden des Bestehenden mit einer Idee – seien beide auch noch so disparat – ist der Spaß und auch das Glück, das Wines bei der Arbeit empfindet.

Mit begreiflichem Stolz erläutert er „Ghost Parking Lot“ von 1977, das erste große Projekt von SITE im öffentlichen Raum, bei dem zwanzig in Reih und Glied auf einem Parkplatz stehende Autos unter einer Asphaltdecke begraben wurden. Oder den „Highway 86“, einen Wettbewerbsgewinn für die EXPO 1986 in Vancouver, bei dem die Geschichte des Verkehrs anhand eines Stücks Straße mit unterschiedlichsten Vehikeln dargestellt wurde. Ebenfalls für eine EXPO entstand 1992 die „Avenue Five“, auf der schlängelnde Wasserwände für einen kühlen Ort in der Hitze Sevillas sorgten.

Und immer wieder Missverständnisse

Dem Renommee liegt zweifelsohne viel Überzeugungsarbeit zugrunde. Zum Beispiel beim Museum of Modern Art, über das Wines amüsiert erzählt: Ein Freund, der dort als Kurator tätig war, konnte den damaligen Direktor der Architekturabteilung Arthur Drexler nicht für SITE erwärmen, die in seinen Augen keine Architektur produzierten. Schließlich überwand sich Drexler und besuchte das Studio. Wines gestand ihm gleich zu Beginn, dass Ludwig Mies van der Rohe einer seiner Lieblingsarchitekten sei, woraus sich ein intensiver Austausch entspann. „Wie können Sie Mies verstehen und dann solche Arbeiten machen?“ entfuhr es Drexler schließlich. „Warum soll ich etwas machen, was Mies so wundervoll gemacht hat?“ parierte Wines und traf damit den Nagel auf den Kopf. So bekam SITE 1979 die erste Ausstellung im MoMA.

Dass sich der Blick konventioneller Architekten schwer tut mit Projekten, deren Schwerpunkt im Konzept liegt, erfuhr Wines unlängst mit „Highrise of Homes“, einem berühmten Projekt von 1981. Bei der diesjährigen Biennale in Venedig wird es im Pavillon von Luxemburg in einer Reihe von Turmhäusern präsentiert. „Das Projekt ist noch keine Architektur,“ insistiert er, „sondern liefert den Rahmen, in dem Menschen ihre eigene Identität ausdrücken können.“ Das Bild sei eher eine Collage, die mehr Zufall und weniger Ästhetik beinhaltet.

Das eingängige Konzept sollte in Japan realisiert werden, bevor dort der Immobilienmarkt zusammenbrach. Im Rückblick ist Wines froh, dass es eine Fantasie geblieben ist. Denn ein solches Gebäude gehöre in Orte wie New York, Chicago oder Berlin, wo es eine Tradition der Individualität gibt und die Menschen ihr eigenes Selbstbild im öffentlichen Raum zeigen. Wo Hochhäuser die Leute gleich machen, so Wines, wäre das Gegenteil erreicht.

Glückliches Finden im öffentlichen Raum

Gegenwärtig arbeitet der 86-Jährige im Maßstab von Straße und Stadt, da der öffentliche Raum in einer schlechten Verfassung sei, wie etwa der wenig inspirierende Millenium Park in Chicago zeige. Gerade in Gegenwart von Internet und Selfies, die den Dialog an Maschinen binden, wird Architektur als Medium der Kommunikation neu herausgefordert. „Kreiere Licht und Schatten, schaffe Überdachungen, Sitzmöglichkeiten, Wasser, lasse die Leute interagieren,“ fordert Wines: „Der öffentliche Raum muss Identität und Dichte bieten. Wobei sich Identität im glücklichen Finden ergibt, nicht durch die Steuerung des Architekten.“ Mit Genugtuung sieht Wines, der nach wie vor Vorlesungen hält, eine junge Anhängerschaft heranwachsen, die es leid ist, Architektur auf „shape making“ oder „space making“ zu reduzieren.

Und was kann zur „Light Bulb Series“ gesagt werden? Die Glühbirne als „timeless icon“ darf nicht von der LED-Technik verdrängt werden, findet Wines, denn sie sei ein Archetypus. Vielleicht sind wir nun doch bei der Pop Art angelangt, deren Protagonist Andy Warhol einst rhetorisch fragte: „Ist das Leben nicht eine Serie von Bildern, die sich verändern, während sie sich wiederholen?“


Zum Thema:

Im Jahr 2020 plant das Berliner Museum für Architekturzeichnung eine Ausstellung anlässlich des 50. Jubiläums von SITE.


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James Wines und seine Tochter Suzan Wines bei der Präsentation der Foscarini Light Bulb Series in Mailand 2018.

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Zusammen mit den beiden Künstlerinnen Alison Sky und Michelle Stone gründete Wines 1970 in New York die Gruppe „Sculpture In The Environment“ – kurz: SITE.

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Mit den spielerischen Fassadenlösungen für die simplen Boxen der Kette BEST wurden SITE in den 1970er-Jahren berühmt.

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SITEs berühmtes Projekt „Highrise of Homes“ aus dem Jahr 1981 wird bei der diesjährigen Biennale in Venedig im Pavillon von Luxemburg in einer Reihe von Turmhäusern präsentiert.

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