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24.02.2023

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Nicht kaputtschreiben!

Zur Pseudodebatte um die Kölner Zentralbibliothek


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Seit mehr als einem Jahrzehnt diskutiert Köln über seine Zentralbibliothek. Sie ist in einem brutalistischen Haus aus dem Jahr 1979 untergebracht. Vor kurzem forderte Bürgermeister Ralph Elster gar den Abriss und Neubau – allen beschlossenen Planungen zu den bereits in die Wege geleiteten Sanierungsarbeiten zum Trotz.

Von Uta Winterhager

Es dauert. Bereits über zehn Jahre lang plant man in der Rheinmetropole an der Zukunft der Zentralbibliothek, die das Stammhaus ihrer Stadtbibliothek ist. Zunächst sollte nur die Fassade der Zentralbibliothek saniert und energetisch ertüchtigt werden, inzwischen ist eine Generalsanierung des gesamten Hauses geplant und beschlossen. Die darin liegende Chance, das Nutzungskonzept neu zu denken, wurde erfreulicherweise erkannt und genutzt.

Dass eine Bibliothek viel mehr sein kann als nur eine Bücherausleihe, wird in Köln bereits praktiziert. Inhaltlich macht die Institution Stadtbibliothek, die ein Dutzend Häuser bespielt und rund 2,4 Millionen Nutzer*innen pro Jahr hat, vieles richtig. 2015 wurde sie zur Bibliothek des Jahres gewählt, ihre Leiterin Hannelore Vogt zur Kulturmanagerin des Jahres. Welches Potential in einem solchen Angebot liegt, wird im Stadtteil Kalk seit 2018 bereits im Kleinen getestet. Statt den Bestand nur mit Gaming Stations zu verjüngen, machte der niederländische Architekt und Creative Guide Aat Vos die dortige Stadtteilbibliothek zu einem maßgeschneiderten öffentlichen Wohnzimmer. Sie wurde zu einem Ort, der kostenfrei oder mit einem geringen Monatsbeitrag Teilhabe ermöglicht, Chancen bietet und auf Begegnung mit Menschen und Themen ausgerichtet ist.

Genau das, im Maßstab entsprechend größer, hätte man nun bei der Zentralbibliothek gerne noch einmal. Eine Planung liegt vor. Sie stammt von MARS Interieurarchitecten (Rotterdam) und Pell Architekten (Köln). Das Haus liegt im Kulturquartier am Neumarkt. Nachbarn im gleichen Block sind das Rautenstrauch-Jost-Museum, die Kunst-Station Sankt Peter, das Museum Schnütgen und die Volkshochschule. Der Bibliothek – deren Architektur ebenso schlicht wie markant ist (Sichtbeton und rote Fensterelemente) – wünschte man einen Platz in der ersten Reihe. Die Architekten Franz Löwenstein und Franz Lammersen dachten bei der Planung der 1979 eröffneten Bibliothek modern. Sie zerlegten das große Volumen in fünf vier- bis achtgeschossige Quader, deren Gefüge mit Schaufenstern im Erdgeschoss Anschluss im öffentlichen Raum sucht.

Während man die Generalinstandsetzung seit dem Baubeschluss 2018 diskutiert und weiter plant, wird die Liste der Maßnahmen entsprechend länger und komplexer. Folglich steigen auch die Kosten. 2018 standen sie bei 81 Millionen Euro, neue Zahlen werden derzeit erstellt. Doch noch hat die Stadt alles im Griff, die ersten Magazine sind bereits in das Interim in der Hohen Straße gezogen. Zum Baustart mit einem Generalunternehmer fehlte nur noch die Entscheidung des Stadtrates, die nun von März auf Mai vertagt wurde.

Doch plötzlich tritt Bürgermeister Ralph Elster (CDU) auf und fordert den Abriss, warnt mit Verweis auf die gestiegenen Kosten der Opernsanierung (674 Millionen Euro) vor dem finanziellen Risiko. In den Lokalmedien findet er Unterstützung für einen Neubau. Seine Forderung: der „großartige Inhalt verdiene auch eine großartige Architektur“. In seinen Augen kann nur ein Neubau „großartige Architektur“ sein.

Da platzte Reinhard Angelis (Vorsitzender des BDA Köln) der Kragen. In einem Offenen Brief an Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) gewandt, schildert er seine Sorge, dass „das Gebäude vermittels unsachlicher Argumentation kaputtgeschrieben werden“ soll. Er widerlegt Elsters Argumente und fordert die Umsetzung der auf politischen Beschlüssen beruhenden Planung sowie eine angemessene Gestaltung des öffentlichen Raumes. Gerade wenn Köln das selbstgesteckte Ziel der Klimaneutralität bis 2035 erreichen wolle, scheine „die aktuelle Debatte völlig aus der Zeit gefallen“.

Die Empörung des BDA ist nachvollziehbar, denn der vielstimmige Ruf nach der Bauwende ist längst auch außerhalb der Architekturblase zu hören. Der Frust, den diese „Pseudodebatte“ ausgelöst hat, ist verständlich. Das einzig Gute daran ist die damit geschaffene Plattform, die sich ganz wunderbar dazu eignet, noch einmal sehr deutlich darzustellen, warum auch ein intelligent sanierter Bestandsbau großartige Architektur ist.


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Kommentare

3

Jan | 27.02.2023 13:40 Uhr

Erhalten und Sanieren

Es ist es phantastischer Bau, der umbedingt erhalten werden muss.
Ein Stück Stadt- und Nachkriegsgeschichte.
Und was macht es schon, wenn es mehr kostet. Es ist ja nur Geld; was an anderer stelle für weitaus weniger sinnvolle Zwecke verpulvert wird als den Erhalt von Baudenkmalen.

2

Hinrich Schoppe | 24.02.2023 16:08 Uhr

Gut gebrüllt...

...und hoffentlich hört jemand zu.

Damit dieser - pardon - dämlichen Selbstdarstellerei der in die politische Verantwortung gehievten Mitmenschen Einhalt geboten wird.
Da versucht sich mal wieder einer zu profilieren und konterkariert damit jahrelange Arbeit.
Mal davon abgesehen, dass diese viel zu lange dauert und damit solchen Adepten die Steilvorlage bietet einzuhaken. "Selbst schuld" bin ich fast versucht zu rufen.
Also: Ich hoffe, einer der wirklich Verantwortlichen hat den Allerwertesten in der Hose und drückt das Ding jetzt durch, wie es ist.
Bestenfalls setzt er oder sie sich mit AiF-Vertretern oder ähnlich gelagerten vernunftbegabten Menschen zusammen und überlegt, welchen Unsinn an haustechnischer und sonstiger energetischer Ertüchtigung (und ich rede nicht von allfälligen Brandschutzgegrusel) man getrost zum Donnerdrummel schicken kann, um damit Geld für z.B. GUTE BÜCHER oder BILDUNG zu gewinnen.
Der Bauherr hat durchaus weitreichende Vollmachten, oftmals hanebüchene Vollmachten NICHT einhalten zu müssen oder schlau zu umgehen. Wenn er oder sie sich denn mal traut. Und damit nicht nur politisch verantwortlich handelt.
Danke.

1

peter | 24.02.2023 15:52 Uhr

die opern-sanierung ist der supergau

verständlich, dass man bei so einer komplexen sanierung kein finanzielles risiko mehr eingehen möchte.

 
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Zentralbiliothek in Köln. Foto: CEphoto, Uwe Aranas

Zentralbiliothek in Köln. Foto: CEphoto, Uwe Aranas

Zentralbiliothek in Köln. Foto: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Zentralbiliothek in Köln. Foto: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Visualisierung Innenraum Gastronomie (Mars Interieurarchitecten, Rotterdam & Pell Architekten, Köln)

Visualisierung Innenraum Gastronomie (Mars Interieurarchitecten, Rotterdam & Pell Architekten, Köln)

Visualisierung Innenraum Bibliothek (Mars Interieurarchitecten, Rotterdam & Pell Architekten, Köln)

Visualisierung Innenraum Bibliothek (Mars Interieurarchitecten, Rotterdam & Pell Architekten, Köln)

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