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01.04.2016

Diva wider Willen

Zum Tod von Zaha Hadid


Sie war berühmt, berüchtigt und polarisierte: Zaha Hadid schüttelte keine gefälligen Allerweltsgebäude aus dem Ärmel. Sie eckte an – und das selbst mit kugelrunden Blobs. Fünf Monate nach ihrem 65. Geburtstag ist die Grande Dame des zeitgenössischen Bauens überraschend in Miami verstorben. Ein Nachruf.

Von Norman Kietzmann


Die Nachricht verbreitete sich gestern Nachmittag wie ein Lauffeuer. Sie klang unwirklich: Die wichtigste Architektin dieses Planeten ist mit nur 65 Jahren verstorben? Kurz darauf bestätigte sich, dass Zaha Hadid am Donnerstag in Miami einem Herzinfarkt erlag, wo sie sich zur Behandlung einer Bronchitis-Erkrankung in einem Krankenhaus aufhielt. Die Schnelligkeit der Reaktionen zeigte vor allem eines: Die gebürtige Irakerin war keine gewöhnliche Baumeisterin. Sie hat eine gesamte Generation von Architekten und Designern geprägt – ganz gleich ob sie sich mit ihrem Stil anfreunden mochten oder nicht.

„Die Welt der Kultur hat einen Fahnenträger auf dem Gebiet der Architektur verloren“, ließ Peter Palumbo, Vorsitzender der Pritzker-Preis-Jury, in einem Statement verlauten. 2004 erhielt Zaha Hadid als erste Frau die höchste Auszeichnung der Branche, die sie zeitlebens aus den Fängen des rechten Winkels befreien wollte. Anfangs mit dynamisch verzerrten, zackigen Formen, die die papiernen Utopien von El Lissitzky betongegossene Wirklichkeit werden ließen. Später wurde ihre Sprache mit der Digitalisierung der Werkzeuge immer organischer. „Ich denke, dass die Komplexität und die Dynamik des heutigen Lebens nicht mehr hineinpassen in die einfachen platonischen Gitter und Kuben des industriellen Zeitalters. Wir haben heute mit sozialen Diagrammen zu tun, die um einiges komplexer sind und eine neue Architektur der Fluidität und Dynamik erfordern“, erklärte die Vordenkerin aller Blobs.

Zaha Hadid hat polarisiert. Man mochte ihre Gebäude. Oder man mochte sie nicht. Sie ließen niemanden gleichgültig. Widerstand hat die Tochter aus wohlhabendem Hause bereits während ihres Studiums an der Londoner Architectural Association erfahren: „Vor allem im zweiten Jahr hatte ich eine fürchterliche Zeit wegen meiner Professoren. Sie haben mich eingesperrt in einen Raum, um mir zu sagen, dass ich es nicht schaffen werde. Ich meine, ich habe mein Land verlassen, bin nach England gezogen, habe eine englische Schule besucht. In Amerika hätte man sie dafür wahrscheinlich ins Gefängnis gesteckt. Aber alles in allem war es auch eine gute Zeit, weil ich Gelegenheit hatte, meinen eigenen Weg zu finden“, erinnerte sich Zaha Hadid.

Und genau das hat sie gemacht. Sie kämpfte sich als Außenseiterin durch. Gegen alle Vorurteile, gegen alle Kritiken. Zaha Hadid war keine Opportunistin, die sich dem Geschmack von Bauherren oder Politikern fügte. Sie vertrat eine Haltung, die herausstach aus den postmodernen Stilblüten der Achtzigerjahre und ihr selbst in der einflussreichen MoMA-Ausstellung Deconstructivist Architecture (1988) eine schillernde Sonderrolle einbrachte. Bauen durfte sie danach noch nicht. Erst 1993, im Alter von 43 Jahren, konnte sie mit der Feuerwache auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein die Umsetzbarkeit ihrer Ideen unter Beweis stellen. Mit dem BMW-Werk in Leipzig (2004), dem Phaeno Science Center in Wolfsburg (2005) und dem Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts in Rom (MAXXI, 2009) erlangte Zaha Hadid schließlich weltweit Bekanntheit.

Doch mit jeder neuen Jury-Prämierung und jedem fertig gestellten Bauwerk wuchs der Neid. Schließlich boten die immer exzentrischeren Formen ein Maximum an Angriffsfläche. Je runder der Blob, desto freigiebiger konnte die gesamte Branche ihren Frust ablassen. Natürlich hat die inflationäre Wiederholung derselben Ideen die Sache nicht besser gemacht. Was als Experiment des Außergewöhnlichen begann, wurde einer zunehmenden Gewöhnlichkeit preisgegeben. Doch gilt dasselbe nicht auch für viele Kollegen? Wer beschwert sich darüber, dass Norman Foster oder Richard Rogers überall dieselben schnittigen Glaskästen abwerfen? Und wer beschwert sich über die monotonen Raster-Stäbchen-Fassaden, die vor allem im deutschsprachigen Raum die Innenstädte zukleistern? Sind die nicht ein viel größerer Skandal als ein neuer Blob?

Als Zaha Hadid gestern im Alter von 65 Jahren verstarb, war sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie hätte noch 20 Jahre weiterbauen können, genau wie die meisten ihrer prominenten Kollegen. Und sicherlich wäre das eine oder andere interessante Spätwerk zu erwarten gewesen. Die Geschicke von Zaha Hadid Architects werden seit den Neunzigerjahren maßgeblich vom Büropartner Patrik Schumacher mit geprägt. Unter seiner Leitung werden die Projekte zu Ende geführt werden, die sich derzeit im Bau befinden. Die Frage, wie es danach weitergehen soll, bleibt offen. Schließlich ist bislang kein Architekt und keine Architektin dieses Kalibers inmitten seiner/ihrer produktivsten Phase aus der Bahn geworfen worden. Kann ein Multi-Milliarden-Dollar-Büro einfach aufhören?

„Für mich geht es in der Architektur vor allem darum, angenehme und stimulierende Räume für alle Aspekte des sozialen Lebens zu schaffen. Ich denke, man muss die Menschen durch Architektur einen flüchtigen Blick in eine andere Welt geben, sie mit neuen Ideen begeistern und erregen“, sagte Zaha Hadid einmal. Ganz gleich ob man zu ihren Befürwortern oder Gegnern zählt – der Ausblick in eine andere Welt ist ihr zweifelsohne gelungen.


Norman Kietzmann schreibt für Designlines, BauNetz, DAMn°, Handelsblatt und viele andere Magazine – er hat Zaha Hadid in den Jahren 2007 bis 2011 mehrfach interviewt.


Zum Thema:

Gerade erst mit der RIBA Goldmedaille ausgezeichnet, feierte die Königin der Blobs am 31. Oktober 2015 ihren 65. Geburtstag. Ein Interview mit Zaha Hadid in der Baunetzwoche#429

Beim BBC-Interview hat sie mitten im Gespräch aufgelegt, uncube durfte in Ruhe mit ihr sprechen. 70 Seiten Hadid im uncube magazine No. 37: Zaha


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Zaha Hadid, Foto: Brigitte Lacombe

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Vitra Feuerwache in Weil am Rhein, Foto: Christian Richters

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Serpentine Sackler Gallery in London, Foto: Luke Hayes

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