Bauen und Publizieren
Zum Tod von Rolf Rave
Mit dem bereits im März verstorbenen Rolf Rave verliert Berlin nicht nur einen Architekten, der mit markanten Bauten das Berliner Stadtbild seit den 1960er Jahren mitgeprägt hat. Sondern auch einen Publizisten, der über Jahrzehnte das Bauen in der Hauptstadt mit mehreren, legendär gewordenen Architekturführern begleitete.
Geboren wurde Rave 1936 in Potsdam als zweiter Sohn des Kunsthistorikers Paul Ortwin Rave (Direktor der Nationalgalerie in Berlin 1937–50) und der Malerin und Kunstpädagogin Maria Theresia Rave-Faensen. Die Beschäftigung mit Kunst war ihm und dem zwei Jahre älteren Bruder Jan – mit dem er zeitlebens zusammenarbeitete und der bereits 2004 überraschend verstarb – quasi in die Wiege gelegt.
Nach Zimmermannslehre, Studium an der Hochschule für bildende Künste in Berlin und Praktika bei Egon Eiermann in Karlsruhe, Werner Wirsing in München und Constantin Kitsikis in Athen gründete er 1963 zusammen mit dem Bruder die Bürogemeinschaft Jan und Rolf Rave. Anlass war der Gewinn des Wettbewerbs für das Krematorium Ruhwald.
Im selben Jahr erschien das Buch Bauen seit 1900. Ein Führer durch Berlin, das Rave mit Hans-Joachim Knöfel herausgab. Berühmt wurde die zweite Auflage aus dem Jahr 1968 mit ihrem orangen Cover und dem fett gesetzten Titel; es folgten zwei weitere Bände zu den 1970ern und 80ern sowie 2009 ein englischsprachiger Führer. Sauber geordnet, mit sicherer gestalterischer Hand konzipiert und präzise in der Auswahl setzten Rave und Knöfel nicht nur einen publizistischen Maßstab für das Format Architekturführer, sondern formulierten eine selbstbewusste Positionsbestimmung der Nachkriegsmoderne im Anschluss an die Tradition des Neuen Bauens.
Knöfel erinnerte sich später, dass das Buch auf einen Katalog von Bauten der Zwischenkriegsmoderne zurückging, den er und Rave im Studium erarbeitet hatten und der von ihrem Professor Julius Posener als Baugeschichtsprüfung akzeptiert worden war. Inspirationsquelle für die beiden sei wiederum Neues Bauen in Berlin von Heinz Johannes aus dem Jahr 1931 gewesen, auf das die beiden in der Bibliothek des Vaters gestoßen waren.
Neben der publizistischen Arbeit betrieb Rave bis 2006 ein erfolgreiches Büro, das vor allem mit seinen physisch präsenten, plastisch durchgearbeiteten und betonsichtigen Bauten in den 1960/70er Jahren bekannt wurde. Neben dem 1975 eröffneten Krematorium Ruhleben darf die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte am Fehrbelliner Platz (1967–74) als prominentestes Haus der Raves gelten – nicht zuletzt in ihrer städtebaulichen Setzung in Reaktion auf die wuchtigen Verwaltungsbauten aus der Weimarer Republik und dem „Dritten Reich“.
250 Projekte realisierte das Büro laut BDA Berlin, dem Rave seit 1967 angehörte. 2001 zog sich der Bruder aus dem Büro zurück, stattdessen stieg seine Ehefrau Roosje ein. Neun Tage vor seinem 90. Geburtstag verstarb Rolf Jochem Rave am 12. März in Berlin. Einen Monat später wurde die Abschiedsfeier begangen – selbstverständlich in seinem Erstlingswerk in Ruhleben. (gh)
Eine ganz besondere Würdigung erfuhren Rave und Knöfel im Jahr 2017, als Verena Hartbaum ihren kritischen Architekturführer Retrospektiv Bauen in Berlin seit 1975 herausgab. Hartbaum griff Konzeption und Gestaltung des Buches aus den 1960er Jahren auf und widmete ihre Publikation explizit den beiden Autoren.




