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12.02.2018

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Mit dem Cadillac nach Glienicke

Zum Tod von Johannes Uhl (1935–2018)


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Von Karsten Schubert

Er war ein Original, wie es sich nur im geteilten Berlin der Sechziger- und Siebzigerjahre entfalten konnte: Der Architekt Johannes Uhl – heute überwiegend bekannt als Erbauer des Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ) am Kottbusser Tor – war eine schillernde Persönlichkeit, die ebenso wie sein Werk nur schwer zu fassen und nirgendwo einzuordnen ist. Uhl wurde 1935 im Saarland geboren und kam nach seinem Studium in München, wo er auch Vorlesungen von Romano Guardini und Hans Sedlmayr hörte, 1957 nach Berlin. Am Samstag Abend ist er in Berlin gestorben.

Uhl, der die Brüche liebte, geriet nach der Phase der Kritischen Rekonstruktion durch die IBA 1987 und die Stimmann-Ära fast in Vergessenheit, obwohl die Lückenschließung zu seinen Hauptbauaufgaben zählte. In den letzten Jahren aber erlebte er eine wahre Renaissance der Aufmerksamkeit. Die Architekturgalerie am Weißenhof zeigte 2014 in der Ausstellung „Über die Zeichenhaftigkeit der Skizze“ seine eigenwilligen Zeichnungen. Und zwei Filme thematisieren Entstehungsgeschichte wie geistigen Hintergrund des Neuen Kreuzberger Zentrums: „Gebaute Bewegung“ (2014) von Knut Klaßen, Carsten Krohn und Karsten Schubert sowie „Kobuto“ (2016) von Peter Behrbohm und Masen Khattab. Die veränderte Sichtweise auf das Kottbusser Tor und andere Bauten der frühen Siebzigerjahre brachten Uhl zurück in die Diskussionsrunden. Studierende der Technischen Universität und der Universität der Künste in Berlin erlebten ihn zuletzt immer häufiger in Gesprächen, als Gastkritiker und auf Führungen. 
 
Uhl war begnadeter Zeichner, Cadillac-Fahrer, Jazz-Fan, Professor an der Universität Stuttgart (1971–2015), ausgewiesener Kenner Karl Friedrich Schinkels und Peter Behrens’ – und baute ganz nebenbei eine große Anzahl an Wohnungen und Industriebauten, überwiegend in Berlin. Legendär waren sowohl seine Kurse im Aktzeichnen als auch seine regelmäßigen Exkursionen in die Mauerstadt. Einen Höhepunkt bildete dabei der Autokonvoi nach Glienicke, angeführt von seinem 1960er Cadillac (oder, bei schlechtem Wetter, dem 1976er), gefolgt von studentischen R4 bis Ford Fiestas (die allesamt eine Tankfüllung spendiert bekamen, dass auch ja niemand mit der Bahn anreiste…). In Glienicke dann die Offenbarung: Transformation, Varianten, morphologische Reihen – „Nichts muss so sein, jede Form weist auf einen anderen Schritt hin, erfüllt nie sich selbst, weist immer über sich hinaus.“ Johannes Uhl stand inmitten dieses Arkadiens der Architektur, mit einem vielsagenden Wippen von einem Fuß auf den anderen, einem vieldeutigen, von Schmunzeln begleiteten Schweigen und sagte: nichts – und doch alles, viel mehr jedenfalls, als man je selbst begreifen würde.

Uhl entdeckte Glienicke bereits zu seiner Zeit als Assistent bei Oswald Mathias Ungers an der TU Berlin, zeigte diesem auf Spaziergängen das Gesehene, überließ ihm seine Vorlesungsbilder. Ungers (dessen Sohn Simon an Uhls nicht realisiertem Kammermusiksaal am Kottbusser Tor mitzeichnete) begriff nicht nur, sondern machte daraus in öffentlichkeitswirksamen Publikationen die „Thematisierung der Architektur“.

Uhl dagegen suchte weiter mit jedem neuen Bau, vermied die Wiederholung wie das Schema, nutzte die Zeichnung und die Improvisation und baute „gegen die Erwartung gekämmt“. Die Uhlschen Bauten sind entworfen in der „Geheimsprache der Architektur“, die er vor Schinkels Schauspielhaus ebenso wie vor dem Eckfenster des Erweiterungsbau des Deutschen Historischen Museums von I. M. Pei zu enthüllen pflegte. Eine Geheimsprache ist es, weil nur Architekten sie verstehen können, die einmal Details und Ansichten gezeichnet haben. Ihr Inhalt ist Mehrdeutigkeit, Ambivalenz, Offenheit. Geschrieben haben darüber Colin Rowe, Robert Venturi und andere. Uhl hat darüber gesprochen, mit Vorliebe am Beispiel von Schinkels und Behrens’ Berliner Bauten – und hat sie gezeichnet, immer wieder gezeichnet. Noch im Krankenhauszimmer baute er seinen Zeichentisch auf, um seine Vorstellung einer wiedererstehenden Bauakademie zu Papier zu bringen. Die Wettbewerbsarbeit hat er noch abgegeben.

Fotos: Carsten Krohn, Knut Klaßen


Zum Thema:

Anlässlich des Todes von Uhl haben die Filmemacher Knut Klaßen, Carsten Krohn und Karsten Schubert ihren Film Gebaute Bewegung für einige Wochen auf Vimeo freigegeben.

Die Trauerfeier findet am 28. Februar, 11 Uhr in der Kapelle auf dem Friedhof Grunewald, Bornstedter Strasse 11-12, 10711 Berlin statt.


Kommentare

5

Frieda Schneider | 15.02.2018 15:41 Uhr

Abschiedsfeier

Alle sind herzlich eingeladen, Abschied vom Zeichner, Dozenten und Architekten Uhl zu nehmen.

Die Trauerfeier wird am Mittwoch, den 28.2. um 11 Uhr
in der Kapelle auf dem Friedhof Grunewald,
Bornstedter Strasse 11 - 12, 10711 Berlin
stattfinden.
(S-Bahnhof Halensee, wenige Parkmöglichkeiten.)

Bitte benachrichtigen Sie, wenn möglich, Freunde und Weggefährten.

Es wird keine Blumen dafür aber viele Zeichnungen geben.
Und ein wenig Jazz...

4

Miriam Decker | 14.02.2018 20:38 Uhr

Viel mehr als Architektur...

..hat er uns Studenten vermittelt, nämlich eine Haltung, großzügig, großmütig, mit Freude an der Sache, nie lamentierend, immer positiv aus eigener Kraft, Scheissegal, was die anderen sagen. Ich werde ihn vermissen.

3

Dr. Walter LANNER, A-3351 WEISTRACH | 13.02.2018 17:55 Uhr

Tod von "Uhle-Vodda"

Für seine Persönlichkeit war prägend, dass er ein Humanist war. Dies verdankt er seiner jesuitischen Erziehung im Jesuitenkolleg Stella Matutina in Feldkirch (Vorarlberg Österreich).
Dort, bei den Schweizer Jesuiten, haben wir 1955 gemeinsam maturiert (Abitur).
1995 zum 40-Jahr Jubiläum hat er seine Mitschüler nach Berlin eingeladen und mit seinem kreativen Wissen ein wenig für Architektur begeistert.

2

Jörg Pampe | 13.02.2018 14:55 Uhr

Verwandlung

Für uns Studenten war Anfang der 60er die Verbindung Uhl + Ungers ideal. Wir haben von Beiden gelernt !!! Mit Mathias Ungers haben wir auf Augenhöhe gesucht und entdeckt, mit Johannes Uhl wurden wir vor Fragen gestellt und mußten die Antworten selber finden. Bei Beiden war der Kontext die herausfordernde Aufgabe. Das waren Prozesse. Und wir haben gezeichnet. Im Zeichnen sichtbar gemacht. Ich habe bei Johannes Uhl das thematische Zeichnen gelernt.

1

Salumnus | 12.02.2018 18:23 Uhr

De mortui nihil nisi bene,

also eher nichts sagen. Hab ihn als unterhaltsam erlebt. Allerdings: Die Bilder sprechen für sich. Berlin hält eine Menge aus. Friede seiner Asche.

 
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Johannes Uhl, 2013

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Neues Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor, Berlin 1969–74

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