Holzgebirge am Park
Wohnhaus in Stockholm von BIG
Mit 79&Park in Stockholm haben BIG ihr erstes Projekt in Schweden fertiggestellt. Katrin Groth hat den Bürogründer Bjarke Ingels vor Ort getroffen.
Von Katrin Groth
Stadt versus Land, Holz versus Beton, Arbeit versus Freizeit. Es sind die vermeintlichen Gegensätze, die Bjarke Ingels an diesem Projekt gereizt haben. Oder vielmehr, wie man sie aufheben könnte. Ländliche Qualitäten in die Stadt zu bringen, darum sei es gegangen, sagt Ingels bei der Vorstellung des Wohnkomplex im Nordosten Stockholms, den sein Kopenhagener Büro BIG geplant hat.
An dem grauen Novembertag, an dem die offizielle Einweihung stattfindet, scheint Ingels’ Idee perfekt zu funktionieren. Im Nieselregen verschwimmen die hügeligen Konturen des Gärdet-Parks, die modernistischen Bauten aus den 1930ern an dessen Rand und alles, was dazwischen liegt, die Spaziergänger mit ihren Hunden und die Schulkinder auf dem Weg nach Hause – und BIGs Neubau 79&Park. Nur die orangfarbenen Rundumlampen eines Lasters leuchten grell, Arbeiter laden gerade Tannen und Fichten für den bald startenden Weihnachtsbaumverkauf ab.
Aber nicht nur der Nebel scheint das Wohnhaus im Stadtteil Ladugårdsgärdet fast zu verschlucken. Es ist BIGs Entwurf, der die Verbindung zwischen den Hügeln des Parks und der Topographie der Stadt schafft. Die Süd-West-Lage sei Glück gewesen, sagt Ingels. Der Architekt entwarf eine Form, vorne zwei- und dreigeschossig, hinten höher, die nicht zufällig an Bauten wie The Mountain, VM Houses oder The 8 House in Kopenhagen oder entfernt an das mit dem Hochbaupreis ausgezeichnete VIA 57 West in New York erinnert. Bauherr Oscar Properties – auch Reinier de Graafs Türme Norra Tornen sind sein Invest – haben BIG genau aus diesem Grund beauftragt. Signature Architecture, eingekauft für Stockholm.
Insgesamt sieben Jahre dauerte die Entwicklung des 25.000 Quadratmeter großen Wohnkomplexes von den ersten Gesprächen bis zur voraussichtlichen Fertigstellung Ende dieses Jahres. Seit dem Frühjahr sind die 35 bis 137 Quadratmeter großen Wohnungen, davon viele zweigeschossig, bewohnt und der integrierte Kindergarten eröffnet. Im Hof setzen Gärtner gerade letzte Pflanzen in hölzerne Kübel. Holz, auch das eine bewusste Entscheidung. Auf dem Land seien alle schwedischen Häuser aus Holz, so Ingels. Er baut mit Zedernholz, das über die Jahre langsam ergraut. Bepflanzte Terrassen und begrünte Dächer mit 270 Grad Parkblick sollen diesen Eindruck noch verstärken. Ein Gebäude als Parkerweiterung.
Der Architekt entwarf für Stockholm eine Konstruktion aus schräg stehenden Würfeln – vorgefertigte Einheiten in standardisierten Größen –, die das massige Volumen optisch reduzieren soll. Kein riesiger Klotz, der alles erschlägt. Stattdessen nehmen die Seiten die Höhenlinien der Nachbargebäude auf. Im Nordosten, wo man dem Park am weitesten entfernt ist, wohnt man bis zu zehn Geschosse hoch, hat dadurch Park- und sogar Hafenblick. Einige hundert Meter nördlich legen die Schiffe nach Riga und Sankt Petersburg ab.
Die vorfabrizierten Würfel sind auch innen noch erkennbar, wenn Stahlträger und -stützen mal skulptural, mal irritierend in den Wohnräumen zu sehen sind, dabei Höhensprünge und Ecken formen. In der Regel aber messen die Räume 2,75 Meter Höhe, manche das Doppelte. Nur an einer Stelle hapert es: Die Balkontüren sind so gut gesichert, dass Ingels, beim Versuch auf den Balkon zu treten, fast an der Kindersicherung scheitert.
Fotos: Laurian Ghinitoiu
Man sollte das Projekt nicht nur am Entwurf messen, sondern auch an der konstruktiven Durcharbeitung. Und die wirft tatsächlich die beschriebenen Fragen auf.
Am Ende jedoch wird den Verrottungsprozess des Holzes niemand mehr für die internationale Öffentlichkeit dokumentieren. Den Ärger haben die Nutzer.
bild 2: attika ohne blech und überstand sieht cool aus, aber nur in den ersten jahren.
bild 18: holzverschalung der fassade über dem balkon, mit vorstehender leiste: wie soll hier das wasser abtropfen?
biler 4 und 23: sockelbereich pflanzkübel...spritzwasser 30cm, oder fällt der regen in stockholm so sanft?
konstruktiver holzschutz pergola? stützen ohen abstand zum boden?
bild 19: die sonnenschutzlamellen, also massivholz in sparrendimension, sehen so lange gut aus, bie sie sich verzogen haben...und sie werden es leider tun.
ich habe anderswo schon einige holzbbauteile gesehen, die nach ein paar jahren nicht mehr zu gebrauchen waren, nur weil die planer zugunsten von scheinbar "schicken" und schlanken details einfache konstruktive regeln missachtet hatten!
PS: ja, stimmt, das gebäude ist nur da so hoch, wo es dem gebäude dahinter auch noch das letzte sonnenlicht abgreift.
Und immer kritisch bleiben. Zumindest jeder 2. Kommentar sieht da so. Warum das so ist? Mir fehlen die Worte. Das hier ist wenn man so will Halen von Atelier 5......knapp 60 Jahre später. Wir können froh um solche Projekte sein. Noch besser wäre es, sie stünden hier und dort in germany. Muss man aber auch erst mal entwerfen. Da ist ein 08/15 Riegel bedeutend einfacher.
Ja, es erscheint teuer, aber das Preisniveau in Skandinavien ist auch deutlich höher als bei uns, insofern relativiert sich das wieder ganz schnell.
Ja, die Fotos der Redakteurin sind nicht so gut wie die der Profis (welch Wunder), aber sie erweitern den Blickwinkel auf das Gebäude und sind daher nicht nur vertretbar, sondern sogar sinnvolle Ergänzung.
#8 möge uns doch erhellen, welche Details / Bauteile "so falsch konstruiert" sind, dass er es hier erwähnt. Wohlgemerkt unter dem Aspekt, dass wir hier Geschosswohnungsbau diskutieren und kein Luxus-EFH in Kampen...
In meinen Augen ist das Gebäude großartig, auch wenn es heraussticht und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ja, es ist verspielt und "laut", aber es ist auch "freundlich" und führt schwer zu vereinende Ziele - hohe Dichte, gute Grundrisse, neue Ansätze, verschiedene Wohnungstypen, gute Belichtungsverhältnisse, Gemeinsamkeit und Privatsphäre - in einem hochwertigen und komplexen Stück Architektur zusammen. Davor ziehe ich meinen Hut und darum beneide ich Stockholm.
PS: Das Gebäude ist nur in einem kleinen Bereich 10 Stockwerke hoch und wird bald deutlich niedriger. Nur mal so als positiver Betrachtungsansatz...