Buchtipp: Kristallpaläste und Musterhäuser
Von der Weltausstellung zur Bauausstellung. Eine Architekturgeschichte großer Ausstellungen 1851-1957
Als am 1. Mai 1851 im Londoner Hyde Park der im Wesentlichen aus vorgefertigten Gusseisen- und Glaselementen konstruierte und in wenigen Wochen errichtete Kristallpalast für die Great Exhibition eröffnet wurde, galt der gewaltige Ausstellungsbau mit seinen 33 Meter hohen Tonnengewölben zugleich als deren spektakulärstes Exponat. Ein Novum war aber nicht nur die von Joseph Paxton entwickelte Modulbauweise, sondern vor allem auch der Zweck des über 500 Meter langen, temporären Bauwerks. Es bildete die aufsehenerregende Kulisse für die erste internationale Leistungsschau des Industriezeitalters, der bald weitere Weltausstellungen in Europa, später auch in Nordamerika und darüber hinaus folgen sollten. Parallel dazu differenzierte sich der Typus Exposition Universelle auch thematisch immer stärker aus. Bis zur Jahrhundertwende entstanden zahlreiche spezialisiertere Wirtschafts-, Kunst- und schließlich auch Bauausstellungen.
Letzteren widmet sich die Architekturhistorikerin Regine Heß in dem kürzlich erschienenen Band Von der Weltausstellung zur Bauausstellung. Eine Architekturgeschichte großer Ausstellungen 1851–1957. Sie untersucht darin siebzehn Schauen in Deutschland über einen Zeitraum von etwa hundert Jahren. Der Bogen umspannt die frühen Handels-, Gewerbe- und Kolonialausstellungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in München und Berlin, die Kunstgewerbe- und Industrieausstellungen der Reformzeit in Dresden und Köln und schließlich die 1:1 umgesetzten Bauausstellungen der 1920er und 1930er Jahre sowie der Nachkriegszeit. Den Schlusspunkt bildet die Interbau 57 im Berliner Hansaviertel.
Dabei markiert die erste Londoner Weltausstellung den historischen Bezugsrahmen der Studie. Denn neben dem ebenso repräsentativen wie innovativen Glaspalast wurden auf dem Ausstellungsgelände auch andere Architekturen gezeigt, darunter ein vorfabriziertes, modular erweiterbares Musterhaus für Arbeiter. Der sich formierende Wohlfahrtsstaat begegnete der Wohnungsnot mit dem Mittel der Rationalisierung. Präsentiert wurde außerdem das von einem spanischen Siedler nachgebaute Modell einer Hütte aus der Karibik, die großes Interesse weckte, aber auch falsche Vorstellungen und rassistische Rückschlüsse erzeugte. Koloniale Architekturen waren von nun an fester Bestandteil der großen Ausstellungen des 19. Jahrhunderts.
Die Autorin schließt die Lücke zwischen der ersten Universalausstellung 1851 und den Bauausstellungen des 20. Jahrhunderts, indem sie eine Reihe früher Industrie-, Gewerbe- und Kunstgewerbeausstellungen mit Blick auf ihre gebauten Anteile und deren Typenvielfalt aus Palästen, Hallen, Pavillons, Türmen, Kleinarchitekturen, Vergnügungsparks, Landmarks und landschaftlich gestalteten Arealen in die baugeschichtliche Betrachtung einbezieht. Tatsächlich entstand nach dem Londoner Vorbild bereits 1854 für die „Allgemeine Ausstellung deutscher Industrie- und Gewerbs-Erzeugnisse“ des Deutschen Zollvereins in München die erste Eisen-Glas-Halle auf dem Kontinent in verkleinerter Version.
In drei Kapiteln werden die thematischen Schwerpunkte und Stilwandlungen der chronologisch dargestellten großen Ausstellungen vor dem Hintergrund vorherrschender Weltanschauungen, staatlichen Repräsentationsanspruchs und kulturpolitischer Wirkung herausgearbeitet und umfangreich mit Bildmaterial, Plänen und historischen Fotografien illustriert. Kern der Betrachtung sind permanente ebenso wie vorgefertigte temporäre Architekturen und deren landschaftliche Einbettung, die Bezüge zwischen Ausstellungsgelände und Stadt sowie die spätere Weiternutzung der Areale. Ein besonderer Fokus liegt auf Verflechtungen zwischen einzelnen Ausstellungen, Akteuren und unterschiedlichen beteiligten Ländern im Kontext der jeweiligen gesellschaftlichen wie politischen Bedingungen. Dabei wird auch die Rolle zahlreicher in Entwurf, Planung und Organisation involvierter Frauen immer wieder ins Licht gerückt.
Mit der Präsentation neuer Bauweisen und Wohnkultur für eine breite Öffentlichkeit gaben die großen Ausstellungen auch Raum für Experimente und den Austausch über Wertvorstellungen und Zukunftsvisionen, die sich darin abbildeten. Industriell hergestellte Materialien, neue Fertigungstechniken und durchgeplante Baustellenlogistik machten den Typenhaus- und Siedlungsbau möglich. Der Bautyp des Musterhauses erschien zum ersten Mal auf der Dresdner Bauausstellung 1900 und war von da an fester Bestandteil aller folgenden Ausstellungen, teils unter so programmatischen Titeln wie „Sonne, Luft und Haus für alle“ 1932 in Berlin. Es ist ein Verdienst der Studie, auch die 1937 in Düsseldorf abgehaltene „Große Reichsausstellung Schaffendes Volk“ nicht aus dem Kanon auszusparen. Sie bietet einen guten Überblick über die Rolle der Architektur in der Zeit des Nationalsozialismus.
Der Wiederaufbau kriegszerstörte Städte war das Hauptthema der Bauausstellungen der Nachkriegszeit zwischen 1951 und 1957 in Hannover, Darmstadt und Berlin. Im Schlusskapitel werden diese gemeinsam behandelt und auf Fragen nach Kontinuität und Neuanfang hin untersucht. Letztlich ermöglichten die leer gebombten Flächen in Verbindung mit dem endgültigen Durchbruch rationeller Bauweisen und industrieller Vorfertigung eine neue Dimension der Bauausstellung: nämlich mitten in den Stadtzentren 1:1 und dauerhaft neue Bauten und ganze Quartiere zu schaffen.
Der sehr lesenswerte Band bietet einen umfangreichen Überblick zur Geschichte großer Ausstellungen in Deutschland, indem er sie in eine verbindende Entwicklungslinie einordnet und im Zusammenhang darstellt. Durchlaufend wiederkehrende Fragen nach kulturpolitischer Ausrichtung, Rolle der Öffentlichkeit, personellen Netzwerken und die konsequente Einbeziehung der in vielen Funktionen beteiligten Frauen bilden dabei eine schlüssige Klammer.
Von der Weltausstellung zur Bauausstellung. Eine Architekturgeschichte großer Ausstellungen 1851–1957
Regine Heß
376 Seiten
Jovis, Berlin 2026
ISBN 978-3-98612-310-9
42 Euro
Am Donnerstag, 3. September 2026, um 19.30 Uhr wird das Buch im Bücherbogen am Savignyplatz (Stadtbahnbogen 593, 10623 Berlin) vorgestellt. Mehr Infos hier.



