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30.06.2022

So porös wie möglich

Universitätsgebäude in London von Herzog & de Meuron


Das Royal College of Art in London ist eine altehrwürdige, britische Institution, die seit 1837 Studiengänge für Kunst und Design anbietet. Die vier Institute verteilen sich auf drei Standorte in London: South Kensington, White City und seit 1991 auch in Battersea südlich der Themse. Auf dem Battersea Campus ist nun der bislang größte Neubau in der 185-jährigen Geschichte der Universität in Betrieb genommen worden: Der Entwurf stammt von Herzog & de Meuron (Basel), die im November 2016 den zugehörigen Einladungswettbewerb gewonnen hatten und sich dabei unter anderem gegen die Büros Christian Kerez (Zürich), Lacaton & Vassal (Paris), Robbrecht en Daem architecten (Gent) oder Studio Gang (Chicago) durchsetzen konnten.

Der Neubau mit insgesamt 16.850 Quadratmetern Bruttogrundfläche beschreibt mit seinem Grundriss ein großes L an der Howie und der Elcho Street, südlich des bestehenden Campus. An der Howie Street bildet das L eine wuchtige, viergeschossige Struktur aus Backstein mit deutlich sichtbaren, großen Shed-Dächern und Balkonen, deren auf voller Länge durchgezogene Brüstungen dem Volumen eine horizontale Struktur geben. Die Höhe des Riegels und die steilen Shed-Dächer antworten dabei auf die älteren Campus-Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite, darunter das Sackler Building (2009) und das Woo Building (2015), beide vom Büro Haworth Tompkins (London), von dem auch der Masterplan für den Battersea Campus stammt.

Dabei scheinen Herzog & de Meuron alle Spielarten des Backsteins auszuprobieren: als geschlossenes Mauerwerk mit gegeneinander versetzten Steinen, die mit flottem Schattenwurf dreidimensionale Muster formen oder hier und dort als offenes Muster mit sicht- und winddurchlässigen Lücken gesetzt. Man fühlt sich an den Erweiterungsbau der Tate Modern erinnert, oder man kann schon mal überlegen, welchen Gestaltungsaspekt die Architekt*innen auf den Neubau des M20 am Berliner Kulturforum übertragen werden.

Um die Ecke an der Elcho Street setzt sich der Backstein noch als durchlaufender Sockel an den untersten zwei Geschossen fort. Darüber hebt sich ein achtgeschossiger Turm auf rechteckigem Grundriss. Während im langen Riegel an der Howie Street die Studios und Werkstätten auf weitgehend offenen Etagen untergebracht wurden, finden sich im Turm die Büros und Labore für Materialforschung, Soft Robotics, Advanced Manufacturing und Intelligent Mobility, die mehr Abgeschiedenheit benötigen. Als Kontrast zum Backstein wird die schlanke Gestalt des Turms von weißen, sanft geschwungenen Lamellen aus rezykliertem Aluminium geprägt, deren vertikale Linien dieses Gebäudeteil als Hochpunkt auf dem Campus betonen. Auf der obersten Etage befindet sich ein Veranstaltungsraum mit Terrasse, die einen Ausblick über Campus und Stadt bietet.

Neben dem Spiel aus wuchtiger Horizontalität und leichtfüßiger Vertikalität war den Architekt*innen die teilöffentliche Nutzung ein besonderes Anliegen, schreiben sie in der Pressemitteilung. „Der Campus soll so durchlässig wie möglich sein“, wird Projektleiter und Büropartner Ascan Mergenthaler zitiert. „Durch das Verbinden bestehender Straßen und die Schaffung neuer Wege fügt sich das Gebäude nicht nur in das städtische Raster ein, sondern ermöglicht es dem Battersea Campus, eine Einheit zu werden anstatt einer Serie isolierter Gebäude.“ Dafür steht vor allem der sogenannte Hangar, ein etwa 350 Quadratmeter großer, zweigeschossiger Raum im Studio Building, der sich zu beiden Seiten mit einer Fassade aus Glastüren vollständig öffnen lässt. Hier können Ausstellungen, Präsentationen und Veranstaltungen stattfinden, die eine breite Öffentlichkeit oder zufällige Passant*innen ansprechen.

Jacques Herzog
spricht gar von einem „Dorf rund um das Thema Kunst“, dessen architektonische Gestaltung möglichst die gesamte Nachbarschaft einladen möchte, am „ständigen Prozess des Lehrens und Lernens, des Produzierens, Präsentierens und Diskutierens von Kunst teilzunehmen“. Angesichts der übergroßen Panoramafenster, die wie Schaufensterscheiben in die Backsteinfassaden des Erdgeschosses geschnitten wurden, ist so ein „Kunstbummeln“ durchaus vorstellbar. (fh)

Fotos: Iwan Baan



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