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25.04.2019

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Videokunst im Berliner US-Hauptquartier

Sauerbruch Hutton gestalten Privatmuseum


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Es ist Gallery Weekend in Berlin, und die Stadt bekommt einen prominenten Neuzugang im Sektor Privatsammlung mit Museum. Der Softwareunternehmer Markus Hannebauer ist mit seiner Videokunstsammlung Fluentum ins ehemalige US-Hauptquartier nach Dahlem gezogen. In den nächsten Tagen sind die von Sauerbruch Hutton umgebauten Räume frei zugänglich, und was dort zu sehen ist, hinterlässt Eindruck. Ein Besuch anlässlich der Eröffnung am gestrigen Abend.

Von Stephan Becker

Es ist eine verführerische Konstellation, die sich seit kurzem in der Berliner Villengegend Dahlem darbietet: Eine ihrer Natur nach eher flüchtige Videokunstsammlung trifft auf schweren Marmor und gediegenes Holz. Da sorgt allein schon die Materialität für eine gewisse Erdung, die Kunst kann aber zugleich durch ihre Andersartigkeit glänzen. Dass es sich beim Ausstellungsort allerdings um jene von den Nationalsozialisten einst als Luftgaukommando errichtete Anlage handelt, die später als US-Hauptquartier diente, verkompliziert die Sache. Sauerbruch Hutton waren für die Umgestaltung der Innenräume verantwortlich, bei der die Frage nach einer adäquaten Annäherung im Mittelpunkt stand.

Geplant und realisiert wurde der Gesamtkomplex ursprünglich von Fritz Fuß, der 1935 den entsprechenden Wettbewerb gewinnen konnte. Ernst Sagebiel errichtete hier außerdem eine ergänzende Wohnhausgruppe. Den Krieg überstand die Anlage weitgehend unversehrt, Muthesius-Sohn Eckart setzte sie 1945 für die Amerikaner instand. Jegliche unmittelbare Nazisymbolik wurde entfernt, und der Marmor diente jahrzehntelang als beliebter Hintergrund für die Empfänge verschiedener US-Präsidenten. Nach Abzug der Militärs standen die Gebäude eine Weile leer, um schließlich ab 2011 von einem Investor unter dem Namen „The Metropolitan Gardens“ in Eigentumswohnungen umgebaut zu werden. Diese Transformation erfolgte nach den Plänen von Meier-Hartmann Architekten, die auch den heute als Kennedy-Wing bezeichneten Gebäudeteil, in dem das Fluentum untergebracht ist, fassadensaniert haben.

Doch zurück in die Gegenwart, zur Sammlung und der Innenraumgestaltung von Sauerbruch Hutton. Seit rund zehn Jahren sammelt Markus Hannebauer zeitbasierte Kunst. Das Fluentum entstammt dem Wunsch, diese auch öffentlich zu zeigen. Vertreten sind aktuelle Künstler*innen wie Lynne March, Omer Fast, Hiwa K oder Hito Steyerl. Zur Eröffnung ist eine Einzelausstellung mit dem niederländischen Künstler Guido van der Werve zu sehen, und das sicherlich ganz bewusst. Seine spielerischen, zugleich stark auf den eigenen Körper bezogenen Auseinandersetzungen setzen einen Kontrapunkt zur Monumentalität der Architektur. Öffentlich zugänglich sind nämlich primär die repräsentativen Räume des Gebäudes – mit der doppelgeschossigen Treppenhausrotunde, mehreren Seitennischen und dunklem Marmor stellt sich dort ein fast schon sakral-barocker Eindruck ein. Der Sammler selbst wohnt hier übrigens auch, zu seinen Privaträumen gehört unter anderem der heute ebenfalls nach Kennedy benannte Empfangssaal im Obergeschoss.

Beauftragt wurden Sauerbruch Hutton, nachdem Hannebauer 2016 den rund 1.000 Quadratmeter großen Mittelteil der Immobilie gekauft hatten. Die Architekten nähern sich den Räumen, die in ihrem düsteren Luxus noch immer deutlich ihre Vergangenheit zeigen, mit einer ebenso simplen wie subversiven Strategie: Nicht zuletzt auch mit Blick auf den Denkmalschutz blieb die Wirkung der Räume grundsätzlich erhalten. Durch Entfernen der Deckenverkleidung wird diese jedoch zugleich als Kulissenkunst entlarvt. Tatsächlich funktioniert dieses Changieren zwischen einer historischen und einer zeitgenössischen Ästhetik noch besser, als es die auf die Horizontale fokussierenden Fotos erahnen lassen.

Dass die Ertüchtigung der Baustruktur deutlich aufwändiger war, als man auf den ersten Blick erfassen kann, erzählt Hannebauer eher beiläufig. Insbesondere die elegante Decke über der Rotunde, die mit einer integrierten Kühlung komplett neu aufgebaut wurde, lässt dies aber erahnen. Darüber hinaus gibt es viele weitere kluge Details. Im Kennedy-Saal wurde zum Beispiel das desolate Parkett in einem vergrößerten Verlegeraster erneuert und so der Raum entmonumentalisiert.

Als neues Museum für zeitbasierte Kunst sind also rundum interessante Räumlichkeiten entstanden. Dass die mediale Kunst hier eben nicht in kleinen Kisten gezeigt werden muss, sondern – dank entsprechender technischer Ausstattung und perfekt integrierten Verdunkelungsmöglichkeiten – auf großen Wänden frei im Raum präsentiert werden kann, macht den Charme des Fluentum aus. Der Marmor bietet den konsequent zeitgenössischen Arbeiten dabei einen gewissen historischen Widerstand, den diese ob ihrer Leuchtkraft gut aufzunehmen wissen. Und jeder zufällige Blick zur Decke stellt sicher, dass die Brüche dieses Ortes und seiner Geschichte nicht zu übersehen sind.

Fotos: Moritz Hirsch, Adele Simon, Jan Bitter


Zum Thema:

www.fluentum.org

Zum Gallery Weekend vom 25. bis zum 28. April 2019 ist das Fluentum täglich von 11 bis 18 Uhr öffentlich zugänglich, danach nur nach Absprache.


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Kommentare

2

Johann Maier | 27.04.2019 10:00 Uhr

Schön,

dass es Menschen gibt, die sich so etwas leisten können.

1

feingefühl | 26.04.2019 11:16 Uhr

aber mit wucht

sehr gekonnt! super.

 
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