Buchtipp: Europas größte Gefechtsübungsstadt
Ruins in Reverse. Schnöggersburg 2013-2025
Einfamilienhäuser ohne Fenster, im Nichts endende Straßen, durchfurchte Sandflächen. Von 2013 bis 2020 fuhr Künstler Michael Disqué regelmäßig nach Schnöggersburg in Sachsen-Anhalt, um dort den Aufbau der größten Gefechtsübungsstadt Europas zu dokumentieren. Nun hat er eine Publikation mit den dabei entstandenen Fotografien vorgelegt. Nüchtern hält sein Blick die jahrelange Baustelle fest, viel Sichtbeton ist zu erkennen und viel Sand, denn das Gelände befindet sich in der Colbitz-Letzlinger Heide. Bedingung waren: Keine Namen beteiligter Firmen und möglichst keine Menschen durften zu sehen sein. Und keine Veröffentlichung ohne Freigabe der Bundeswehr.
Die künstliche Stadt verfügt über rund 550 Gebäude, einen U-Bahn-Tunnel und einen künstlichen Flusslauf. Es gibt Einfamilienhäuser mit roten Dächern, öffentliche Gebäude wie ein Rathaus und einen Sakralbau, aber auch ein „Elendsviertel“, das aus übereinandergestapelten Containern besteht. Eine merkwürdige Gleichzeitigkeit zeichnet die Bilder aus, handelt es sich doch um Neubauten, die aussehen wie Ruinen. „Lebendig tot“ lautet die treffende Überschrift des Textes von Fotografietheoretiker Philipp Reinfeld im Buch.
Immer wieder bleibt der Blick an leeren Fenstern hängen oder wundert sich über die fragmentierte urbane Infrastruktur. Der Eindruck einer Geisterstadt drängt sich auf. Man denkt an Zombie-Filme. Das hängt auch damit zusammen, dass es so wirkt, als sei dieser Ort aus dem Nichts heraus errichtet worden, obwohl sich bis in die 1930er Jahre auf dem Gelände ein Dorf befand. Unweigerlich fragt man sich, wer sich dieses urbane Gefüge ausgedacht hat. Waren da Architekt*innen im Spiel? Welche Einsatzorte wurden durchgespielt? Welche Szenarien imaginiert?
Vor dem Hintergrund der zur Zeit stattfindenden Aufrüstung bekommt das Buch eine dringliche Aktualität. Ironie der Geschichte: Die ehemaligen Nutzer*innen des Geländes – bis 1994 handelte es sich um ein Übungsgelände der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland – sind zu den häufig beschworenen Angreifern geworden, die die enormen Ausgaben für das Gelände rechtfertigen. Finanziert wurde der Bau der Übungsstadt durch eine Public-Private-Partnership zwischen Bundeswehr und Rheinmetall. Investitionen in die militärische Infrastruktur sind zugleich Wirtschaftsförderung, könnte man daraus schlussfolgern. Ironie der Geschichte II: Disqué erzählt, dass die lokalen Betriebe, die auf dem Gelände tätig waren, auch deshalb anonym bleiben wollten, weil sie Angst davor hätten, keine Aufträge mehr zu bekommen.
Gestaltet ist das Buch wie eine Zeitung, gedruckt auf leicht grauem, dünnem Papier. Das ist ein stimmiges Format, es wertet den Ort nicht künstlich auf. Schön auch, dass das von Hannes Drissner gestaltete Buch in der Mitte nochmals gefaltet ist, sodass sich beim Aufklappen immer wieder neue Kombinationen zwischen den großen Querformaten auf der einen und den im Raster angeordneten Fotos auf der anderen Seite.
Das Highlight aber ist eine doppelseitig bedruckte Karte mit Collagen, die Disqué aus dem Fotomaterial entwickelt hat. Zehn unterschiedliche Motive gibt es, und man will sofort alle haben. Die Gebrochenheit der Landschaft – sowohl auf historischer Ebene durch die wechselhafte Nutzung, als auch in Bezug auf den (dys-)funktionalen Status des Übungsplatzes – übersetzen sich hervorragend in dieses Medium und bringen die mitunter etwas redundanten Aufnahmen in produktive Spannung.
Doch statt ein Buch nur mit diesen Collagen zu machen und damit den Übersetzungsprozess in den Fokus zu stellen, hat sich Disqué entschieden, eine Auswahl seiner über 20.000 Fotografien zu veröffentlichen – und die Collagen in Form eines Films zu präsentieren. Eine konzeptuell nachvollziehbare aber auch bedauerliche Entscheidung.
Ruins in Reverse. Schnöggersburg 2013–2025
Michael Disqué
Gestaltung: Hannes Drissner
160 Seiten
Vexer Verlag, St.Gallen/Berlin 2026
ISBN 978-3-907690-30-7
32 Euro



