Buchtipp: Räume, die flimmern
Nanda Vigo Interiors
Licht, Spiegel, Glas, Neon, Aluminium – und das in zuweilen wilden Kombinationen. Doch die daraus entstehende visuelle Fülle reicht längst nicht aus, um das Werk von Nanda Vigo (1936–2020) zu beschreiben. Vielmehr laden die Entwürfe der Italienerin dazu ein, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.
Um in diese flimmernde Welt einzutauchen, erschien vor Kurzem die umfassende Monografie Nanda Vigo Interiors. The Metaphysics of Everyday Life, herausgegeben von der Architekturhistorikerin, Kuratorin und Hochschullehrerin Silvia Groaz. Mit fast 500 Seiten ist der zweisprachige Hardcover-Band eine regelrechte Wucht von Buch – und der Inhalt hält, was der Umfang verspricht.
Vigo wurde 1936 in Mailand geboren. Ihr Architekturstudium schloss sie in Lausanne ab, anschließend bildete sie sich in San Francisco weiter. 1959 kehrte sie nach Mailand zurück und gründete ihr Studio. In den folgenden Jahren wurde sie zu einer wichtigen Akteurin der Mailänder Avantgarde und engagierte sich auch für die Vermittlung der internationalen ZERO-Bewegung in Italien. Damit spielte sie eine große Rolle in einer Szene, deren kunsthistorische Rezeption bis heute vor allem von Männernamen dominiert wird.
Im Buch wird schnell klar, wie viel Vigo plante und gestaltete. Ihre Arbeiten bewegten sich zwischen Architektur, Kunst und Design: von Wohnungen und Ladengeschäften über Möbel bis hin zu Installationen und szenografischen Entwürfen. Auch ihre Beschäftigung mit Film und Popkultur wird sichtbar. Groaz setzt Vigos Werke dabei in Beziehung zu Arbeiten anderer Künstler*innen und Architekt*innen aus ihrem Umfeld. Darunter finden sich etwa Entwürfe von Gio Ponti, mit dem sie Mitte der 1960er-Jahre das Wohnhaus Lo Scarabeo sotto la foglia in Malo gestaltete.
Wenn man sich nicht schon an den Fotografien der dunklen, schillernden, beinahe psychedelischen Interieurs verliert, dann spätestens in Vigos handgezeichneten Entwürfen. Die oft in kräftigen Farben gehaltenen Perspektiven, Grundrisse und Wandabwicklungen öffnen Räume für eigene Vorstellungen. Ganz im Gegensatz zu heutigen fotorealistischen Renderings, die nichts mehr offen lassen.
Wer nun denkt, es handle sich um einen reinen Bildband, irrt. Neben mehr als 350 Abbildungen finden sich Briefe, Postkarten, Magazinbeiträge und Essays, aber auch Berichte von Wegbegleiter*innen und Gedichte Vigos selbst. Hinzu kommt umfangreiches, teilweise bislang unveröffentlichtes Archivmaterial. Viele von Vigos Innenräumen haben die Zeit nicht überdauert. Umso wichtiger ist ihre Dokumentation in diesem Band. Für alle, die sich für italienisches Design und experimentelle Innenarchitektur der Nachkriegsjahrzehnte interessieren, ist diese Publikation eine große Fundgrube.
Das pinke Cover ziert übrigens kein x-beliebiger Raum, sondern eine Ecke aus Vigos Zuhause und Studio, wie sie es bis zu ihrem Tod 2020 bewohnte und nutzte. Zu sehen: Bilderrahmen in eigenwilliger Anordnung, eine ihrer Lichtinstallationen, ein Sessel, Leoprints, ein Stapel Hefte und natürlich ein Zollstock – die enigmatische Einrichtung einer schillernden Gestalterin.
Nanda Vigo Interiors
Silvia Groaz (Hg.)
496 Seiten
Englisch, Italienisch
Birkhäuser Verlag, Basel 2026
ISBN 978-3-0356-2921-7
78 Euro



