Introvertiert mit großer Geste
Kirchenanlage in Lissabon von Atelier Bugio und Matos Gameiro Arquitectos
Bairro da Boavista ist ein kommunales Wohnquartier im Westen Lissabons aus den späten 1930er Jahren, das seit einigen Jahren grundlegend neu entwickelt und aufgewertet wird. Dazu gehört auch ein Ersatzneubau für die kleine, 1941 eröffnete Kapelle São José. Igreja e Centro Paroquial de São José da Boavista nennen die Büros Atelier Bugio und Matos Gameiro Arquitectos (beide Lissabon) ihr im letzten Jahr abgeschlossenes Projekt. Doch neben katholischem Kirchenbau und Gemeindezentrum sind noch zwei weitere Funktionen bemerkenswert: die beiden Aufbahrungsräume im Sockel des Pfarrzentrums sowie die aufwendige Platzanlage. Diese zieht sich zusammen mit den Bauten über zwei Ebenen, da das Ensemble in einer für Lissabon nicht unüblichen Hanglage situiert ist. Die Architekt*innen sprechen diesbezüglich von einer Agora, um den sozialräumlichen Aspekt des Platzes im Rahmen der Quartiersentwicklung zu betonen.
Die Agora öffnet sich in erster Linie nach Westen zur Nachbarschaft. An den anderen drei Seiten ist der Platz gefasst. Östlich der Anlage steigt das Gelände an. Hier liegt eine große, neue Grundschule, deren Bau laut Aussage der Stadt Lissabon Abriss und Ersatz des Kirchengebäudes notwendig gemacht habe. Zugänglich ist der Kirchenraum von Osten – sozusagen von hinten – über zwei großzügige Treppen. Die barrierefreie Erschließung erfolgt über ein lange, doppelläufige Rampe an der nördlichen Platzwand, die auf den Fotos leider nicht zu erkennen ist. Umso klarer wird jedoch die monumentale Setzung der Kirche auf nur vier Fußpunkten an den Ecken, sodass der öffentliche Raum unter dem Baukörper hindurchfließt – und dieser wiederum Schutz vor Regen und starker Sonneneinstrahlung bietet.
Asymmetrisch und individuell ausgestaltet wie die vier Punkte, auf denen der Baukörper aufsitzt, ist auch die Kirche selbst. Einschnitte am Eingang und für die Glocken verschleiern, was erst beim genauen Blick auf die Pläne erkennbar ist: dass nämlich der eigentliche Innenraum bedeutend kleiner ist als die weiße Außenhülle vermuten lässt, dass also die stadträumliche Präsenz im Kontrast steht zu einem überraschend intimen Inneren, das sich aber ähnlich mineralisch und streng zeigt wie der Außenraum. Die Architekt*innen arbeiteten auf überzeugende Weise mit klaren stereometrischen Formen, Lichteinfall, glatt poliertem Stein und einer auf das Wesentlich reduzierten Ausstattung. So entstand ein zeitgemäßer und ruhig in sich gekehrter Raum für die Gemeinde. (gh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- João Favila Menezes (Atelier Bugio), Pedro Matos Gameiro (Matos Gameiro Arquitectos)
- Liturgische Beratung:
- Fr. João Norton
- Tragwerksplanung:
- João Paulo Cardoso (PRPC engenheiros)
- Landschaftsarchitektur:
- Lisboa Ocidental SRU
- Bauherrschaft:
- Câmara Municipal de Lisboa, Lisboa SRU




