Zickzack fürs Zusammenleben
Wohnprojekt in Berlin von Christoph Wagner, Wenke Schladitz und Böhm Ruic
Vor zwölf Jahren eröffnete die Schwulenberatung Berlin den Lebensort Vielfalt in Berlin-Charlottenburg. Dafür wurde ein typisches Berliner Vorderhaus zum barrierefreien Mehrgenerationenhaus für queere Menschen umgebaut. Nun wurde das Grundstück dahinter nachverdichtet: Anfang 2026 wurde LOV+ fertiggestellt, ein generationenübergreifendes Wohnprojekt für 55 Menschen aus der LSBTIQ+-Gemeinschaft. Beim Besuch der Baustelle 2024 war der Rohbau bereits weitgehend fertig. Geplant wurde der Neubau von Christoph Wagner Architekt*innen in Zusammenarbeit mit Wenke Schladitz und Böhm Ruic Architekten (alle Berlin). Neben der Konstruktion prägt vor allem das fein austarierte Verhältnis von privaten und gemeinschaftlichen Räumen das Projekt.
Wie das Vorderhaus setzt sich der Neubau zwischen die Brandwände der Blockrandbebauung und nutzt das Grundstück damit nahezu vollständig aus. Er besteht aus zwei Volumen, die sich auch äußerlich unterscheiden; dazwischen liegt ein offenes Treppenhaus. Rück- und Vorsprünge, Durchbrüche und Höhenversprünge gliedern die Kubatur und brechen die Geschlossenheit des Baukörpers. Erschlossen wird das Gebäude über Laubengänge, die zugleich das Fassadenbild prägen und als gemeinschaftliche Zwischenräume dienen. 13 Meter lange Holzstützen tragen die auskragenden Gänge, ihre Unterzüge bilden ein auffälliges Zickzack. Eine weitere Treppe liegt am westlichen Ende des Gebäudes.
Im Erdgeschoss liegen die gemeinschaftlich und öffentlich genutzten Bereiche: ein Essraum mit Küche, ein Veranstaltungs- und ein Multifunktionsraum sowie Büros und Beratungsräume der Schwulenberatung. Eine überdachte Terrasse erweitert das Raumangebot nach außen. Nördlich, zum damals von roedig . schop architekten umgebauten Bestandsgebäude, liegt ein gemeinschaftlicher Hof; südlich, an der Grundstücksgrenze, ein Garten.
In den vier Obergeschossen verteilen sich 18 Wohnungen auf unterschiedliche Wohnmodelle. Neben Ein- bis Vierzimmerwohnungen gibt es Wohngemeinschaften für fünf Personen und zwei Clusterwohnungen. Eine davon ist für acht Jugendliche vorgesehen und wird rund um die Uhr betreut. Insgesamt stehen rund 1.800 Quadratmeter reine Wohnfläche zur Verfügung. Die Mischung aus unterschiedlichen Wohnformen und Altersgruppen soll Vereinsamung entgegenwirken und Begegnung fördern. Gleichzeitig bleiben die privaten Bereiche bewusst klein: Die gemeinschaftlich genutzten Räume bilden einen wesentlichen Teil des Wohnangebots.
Besonders deutlich wird das in den Clusterwohnungen. Jede*r Bewohner*in verfügt über ein schmales, nach Süden orientiertes Zimmer mit Balkon oder Loggia und ein eigenes, minimales Bad. Dahinter liegt, am Laubengang, eine großzügige gemeinschaftliche Spange mit Küche und unterschiedlichen Aufenthaltsbereichen. Ein weiteres abgetrenntes Zimmer kann bei Bedarf als Gästezimmer genutzt werden. Vier separate Zugänge ermöglichen es, Nähe und Distanz im Alltag selbst zu bestimmen.
Auch konstruktiv ist LOV+ bemerkenswert. Die Obergeschosse wurden vollständig in Brettsperrholzbauweise errichtet, das Konstruktionsraster beträgt drei Meter. Erd- und Untergeschoss bestehen aus Beton. Auch Aufzugsschacht und Brandwände wurden in Holz ausgeführt – Bauteile, die im mehrgeschossigen Holzbau bislang meist anders gelöst werden. Auffällig ist die Höhenstaffelung des westlichen, längeren Baukörpers. Im Bereich der Clusterwohnungen entstehen dadurch unterschiedliche Nutzungsbereiche. Außen wird die Bewegung des Baukörpers am Laubengang als leichtes Gefälle ablesbar.
Überhaupt setzt das Haus weniger auf ein einheitliches, glatt durchkomponiertes Erscheinungsbild als auf eine gewisse kontrollierte Unruhe. Pastelltöne tauchen an Fassade, Stahlbauteilen und Fensterelementen auf. Die vorgehängte hinterlüftete Fassade besteht aus Wellblech, das aus Restbeständen eines Herstellers zusammengestellt wurde. Zum Einsatz kamen vorhandene Farben – eine pragmatische Entscheidung, die dem Haus trotzdem ein überraschend geschlossenes Erscheinungsbild gibt. (gk)
- Fertigstellung:
- 2026
- Architektur:
- Christoph Wagner, Wenke Schladitz und Böhm Ruic Architekten
- Team Architektur:
- Christoph Wagner, Wenke Schladitz, Florian Böhm, David Ruic, Stefan Tietke, Rainer Krautwurst, Nabih Alshaikh, Kristin Fellerhoff
- Tragwerksplanung:
- DBV Ingenieure, Peter Göhring
- Haustechnik:
- Dernbach Ingenieure, L.U.P.E.
- Garten-, Freiflächenplanung:
- Gabriele Holst
- Brandschutz:
- Brandschutzplus R. Eberl-Pacan
- Holzbauarbeiten:
- CLT Holzbau Hoock
- Massivbauarbeiten:
- HF Bau - Hochbau Falkowski
- Bauherrschaft:
- Schwulenberatung Berlin
- Fläche:
- 3.500 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 7.600.000 €



