Buchtipp: Saudi Modern
Jeddah in Transition 1938–1964
Dieses Buch ist offenkundig ein Herzensprojekt! Genauer gesagt ist es das Projekt der Brüder Abdulrahman und Turki Gazzaz, die 2015 das gemeinsame Architekturbüro Bricklab in Dschidda (Jeddah) in Saudi-Arabien gründeten. Dschidda ist auch die Stadt, in der sie geboren wurden; der eine 1985, der andere 1988. Nun steht sie im Mittelpunkt ihres Buches Saudi Modern. Jeddah in Transition 1938–1964.
Noch bis in die 1960er Jahre zählte Dschidda kaum mehr als 100.000 Einwohner*innen. Die Altstadt mit ihren engen Gassen und alten Häusern aus Holz und Korallenstein gehört seit 2014 zum Unesco-Weltkulturerbe. Rings um dieses Zentrum allerdings ist Dschidda in den letzten 60 Jahren explosionsartig gewachsen, heute leben knapp vier Millionen Menschen im Großraum. Bedeutung hat die Stadt vor allem als See- und Flughafen für den Hadsch. Einmal im Jahr kommen Millionen von Pilger*innen gleichzeitig hier an und reisen von hier ins nahe Mekka oder Medina. Das eigens dafür nach einem Entwurf von SOM errichtete Hadsch-Flughafenterminal (Eröffnung 1981) gilt als größte Dachkonstruktion der Welt. Den Bahnhof an der Hochgeschwindigkeitsstrecke Mekka-Medina, der 2019 in Betrieb ging, planten von Foster+Partners.
Das Buch der Gazzaz aber behandelt diese Star-Architektur nur am Rande. Stattdessen fokussiert Saudi Modern auf die Modernisierungsgeschichte des Landes und hat dafür einen passenden Zeitrahmen abgesteckt. Von 1938, als am 4. März die kommerzielle Erdölförderung in Saudi-Arabien begann, bis 1964, als der erste städtebauliche Rahmenplan für das „Greater Metropolitan Area“ von Dschidda verabschiedet wurde.
Das Buch interessiert sich für das weitgehend unkontrollierte und explosionsartige Wachstum der Stadt in diesen nur 26 Jahren. „Diese früheste Ära der Modernisierung“, schreiben die Herausgeber, „wird als bedeutende Transformationsphase heute oft übersehen, bildet aber einen wichtigen Teil der urbanen Identität.“ So würde das bauliche Erbe dieser Zeit oft ohne genauer hinzuschauen abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Dabei sei es gerade heute, wo Saudi-Arabien mit dem staatlichen Programm „Saudi Vision 2030“ entschlossen in eine nachhaltige und post-fossile Zukunft steuern möchte, umso wichtiger, sich die eigene Modernisierungsgeschichte vor Augen zu führen.
Im ersten Kapitel „The Myth of Al Balad“ geht es hauptsächlich um das historische Zentrum und dessen vormoderne Entwicklung sowie das erneuerte, mitunter romantische Interesse an der Altstadt, das durch Dschiddas Wachstum im 20. Jahrhundert entstand. Das zweite Kapitel „From Coral to Concrete“ dreht sich um den Wachstumsschub durch eine industrialisierte und zunehmend entfesselte Moderne, die sich auf den weiten Flächen rings um die lange ummauerte Altstadt austobte und den traditionellen Baustoff – den vor der Küste abgebauten Korallenstein – durch Beton ersetzte. Das abschließenden dritte Kapitel „Legacies“ thematisiert die Menschen in Dschidda und wie sich deren Lebensumstände in diesem Zeitraum verändert haben.
Die drei Kapitel geben dem Buch eine übersichtliche und kluge Grundstruktur. Was die Lektüre dabei so überaus vergnüglich und empfehlenswert macht, ist die Vielzahl an unterschiedlichen Blickwinkeln von größtenteils lokalen oder regionalen Stimmen, die von den Herausgebern in dieser stabilen Struktur untergebracht wurden. Ein wahres Füllhorn wird über uns Leser*innen ausgeschüttet: Da finden sich Auszüge aus einer eher Moderne-kritischen Dissertation (verfasst 1978 vom 1938 in Dschidda geborenen Stadtplaner Abdulla Y. Bokhari) neben Arbeiten des libanesischen Fotografen und Filmemachers Safouh Al Naamani (der den Hadsch seit 1954 immer wieder dokumentierte und dabei auch das Wachstum der modernen Infrastrukturen mit positiver Neugierde erforschte). Diese Arbeiten werden ergänzt durch einen eigens für dieses Buch erstellten Foto-Essay des Berliner Fotografen Laurian Ghinitoiu, der sich der aktuellen Stadt widmet.
Das zweite Kapitel enthält unter anderem Auszüge aus einer wissenschaftlichen Untersuchung von Sameer Al Layali aus dem Jahr 1990 über die traditionellen Bauweisen der Altstadthäuser in Dschidda, wobei der in Mekka geborene Architekt auch die sozialen Strukturen erforschte, aus denen die Gebäude entstanden. Zudem zeigen Bricklab hier in 15 hinreißenden Fallstudien die Schicksale einzelner Gebäude aus diesem Zeitraum: vom privaten Stadthaus über Apartmentblöcke speziell für Pilger*innen bis zur Zweigstelle des Außenministeriums. Durch kurze Texte, Fotos von früher und heute sowie je eine Isometrie werden die Porträts dieser Häuser sehr greifbar.
Für das dritte Kapitel konnten die Herausgeber die südafrikanische Architektin Sumayya Vally gewinnen. Außerdem arbeiteten sie mit dem Projekt Saudi Ethnographic Diary zusammen, das seit 2017 persönliche Geschichten und Erinnerungsstücke sammelt und bewahrt. Auf diese Weise dokumentiert das Projekt die „soziokulturellen Landschaften in Medina und Dschidda“, die durch Stadterneuerungsprojekte bereits verdrängt wurden oder aktuell bedroht sind.
Entstanden ist damit ein sehr empfehlenswertes Buch. Von seinem handlichen und bequemen Äußeren sollte man sich nicht täuschen lassen. Es liegt zwar gemütlich in der Hand wie ein weicher, warmer Ziegelstein, aber im Inneren entfalten sich beinahe endlose Informationslandschaften. Die immer wieder wechselnden Beitragsformate – Fotostrecken, historische Beiträge, Auszüge aus wissenschaftlichen Arbeiten und persönlich gehaltene Essays – halten das Interesse und die Freude am Lesen über 320 Seiten wachhalten. Die Modernisierungsgeschichte irgendeiner Stadt ist selten besser, anschaulicher und vielschichtiger dokumentiert worden als die von Dschidda in Saudi Modern.
Text: Florian Heilmeyer
Saudi Modern. Jeddah in Transition 1938–1964
Abdulrahman und Turki Gazzaz / Bricklab (Hg.)
320 Seiten
Englisch
ArchiTangle, Berlin 2025
ISBN 978-3-96680-030-3
48 Euro




