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28.02.2022

Zürichs beste Seite

Instandsetzung und Erweiterung von Kongresshaus und Tonhalle durch ARGE Boesch Diener


Das direkt am Zürichsee gelegene Ensemble Kongresshaus und Tonhalle musste in den letzten Jahren einiges überstehen. Der Abriss des altehrwürdigen Baus war vor 15 Jahren schon entschieden, er sollte einem Entwurf von Rafael Moneo weichen. Doch 2013 kam im Zürcher Stadtrat die Kehrtwende und mit einer 2016 Volksabstimmung für die Sanierung wendete sich das Blatt zum Guten. Das Projekt übernahm die ARGE Boesch DienerElisabeth & Martin Boesch Architekten (Zürich) und Diener & Diener Architekten (Basel) –, die den Bestand behutsam sanierten und um einen Neubau erweiterten. Seit der Wintersaison 2021/22 finden wieder Konzerte, Konferenzen und Veranstaltungen statt. Die Sanierung der gut 35.000 Quadratmeter BGF belief sich auf circa 290 Millionen Schweizer Franken (Erstellungs- und Gebäudekosten).

Das heute erhaltene Ensemble der seit 1867 bestehenden Institution setzt sich aus mehreren Zeitschichten zusammen: 1895 entstand die große Tonhalle, entworfen in neobarockem Formenkleid vom Wiener Architekturbüro Fellner & Helmer. Das Schweizer Architektentrio Haeferli, Moser, Steiger plante 1939 eine umfassende Erweiterung mit dem Kongress-, kleinem Musik- und Gartensaal sowie Foyer in einer besonderen Melange aus Fin de Siècle, Art Déco und modernen Elementen – es gilt als ein herausragendes Beispiel des Landi-Stils. Im Zuge einer Gesamtinstandsetzung 1981–85 fügte man im Südosten mit dem Panoramasaal einen markanten Anbau hinzu.

Die Arbeit der ARGE Boesch Diener bestand aus zwei Teilen: Der Vorkriegsbestand wurde denkmalgerecht saniert und erstrahlt wieder in altem Glanz. Der Bauteil aus den 1980er Jahren dagegen musste weichen, hier entstand auf einer großzügigen Terrasse in der ersten Etage ein neuer Pavillon, der als Restaurant dient.

Zur Sanierung: Insbesondere die Bereiche im ersten Obergeschoss sind spektakulär. Bei der Tonhalle erneuerte man die Bühne und verlegte einen klangoptimierten Parkettboden, außerdem wurde die Licht- und Bühnentechnik zeitgenössischen Bedürfnissen angepasst. Die bedenklich reduzierte Fixierung der Gipsdecke samt Kronleuchter hängte man mit rund 1.400 Gewindestangen am alten Stahltragwerk auf, im Dachbereich sind eine neue Lüftung und Dämmung eingefügt. Der große Kongresssaal und die beiden Foyers versprühen wieder einen derart festlichen Charme undogmatischer Moderne, dass man nicht nachvollziehen kann, wie ein Abriss jemals in Erwägung gezogen werden konnte. Geometrische Strenge und verschnörkelte Ornamentik halten sich die Waage. Bei diesen Räumen sind insbesondere die großen Fensterflächen erneuert und viele Elemente im Kleinen wie die Sgraffitos behutsam wiederhergestellt. Die Foyers beleben gläserne, teilweise hängende Wintergarten-Vitrinen, die schon im 1930er Jahre-Bau zu finden waren. Als Teil der Kunst am Bau hat das Künstlerduo Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger im Gartensaalfoyer ein Blumenfenster als „Maskenball der Biodiversität“ inszeniert.

Mancherorts grenzt die Sanierung bisweilen an eine Rekonstruktion, insbesondere beim Erdgeschoss im südwestlichen Bereich des Ensembles, wo auch der Grundriss neu konfiguriert wurde. Teilweise können nun größere Räume durch Trennwände nun untergliedert werden, was im Hinblick auf ihre Funktion für Konferenzen und Veranstaltungen sinnvoll scheint. Hier war die Denkmalpflege bei der Sanierung, die ja hinsichtlich Brandschutzmaßnahmen, neuen Rettungswegen und vielem anderen immer von unzähligen Abwägungen begleitet wird, zu mehr Spielraum bereit. Die zum Wasser nach Süden hin vollverglasten „Seezimmer“ präsentieren sich in gediegener Atmosphäre mit zeitgemäßen Annehmlichkeiten.

Der Neubaubereich im Südosten entstand nach Abbruch des als nicht erhaltenswert eingestuften Panoramasaals aus den 1980er Jahren. Die an den großen Kongresssaal angrenzende (Dach-)Terrasse nimmt hier den größten Bereich ein. Dank einer neu eingefügten, zum See orientierten Außentreppe ist sie öffentlich und unabhängig von den Öffnungszeiten von Kongress- und Konzerthaus begehbar. Davon profitiert auch das in einem neuen einstöckigen Glas-Pavillon untergebrachte Restaurant. Er fügt sich ob dem mit patinierter Kupferverblendung ausgeführten Flachdach angenehm in den Landi-Stil ein und zeigt mit seinem zum Zürichsee vorkragenden Dachbereich dennoch Präsenz. Für die vorgelegten Grünbereiche, die als einladende Geste konzipiert sind, zeichnen Vogt Landschaftsarchitekten (Zürich) verantwortlich.

Elisabeth & Martin Boesch, die zuletzt beim Kurtheater in Baden glänzten, und Diener & Diener gelang mit dem Projekt nicht nur eine vorbildliche Sanierung, sondern auch die Bewahrung eines guten Stücks mondäner eidgenössischer Identität: Zürichs beste Seite. (stu)

Fotos: Georg Aerni, Keystone/ Christian Beutler, Kantonale Denkmalpflege / Urs Siegenthaler


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Das neue Kongresshaus Zürich mit Blick vom See aus mit neuem Aufgang zur öffentlichen Terrasse und Restaurant-Pavillon.

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Die Instandsetzung und Erweiterung übernahm ARGE Boesch Diener. Der Gartensaaltrakt besitzt farbige Gläser in Zusammenarbeit mit Josef Felix Müller.

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Das lichtdurchflutete Konzertfoyer von 1939. Alle Oberflächen wurden restauriert, die Traubenlüster an den ornamentalen Deckenrosetten sind rekonstruiert.

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Im Konzertfoyer wurde das mehrfach überstrichene historische Sgraffitomuster von 1939 auf den Wandflächen freigelegt und fachgerecht restauriert.

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