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16.10.2019

Höhepunkte menschlicher Maschinenarchitektur

Happy Birthday. Nicholas Grimshaw ist 80


2019 ist ein beschäftigungsreiches Jahr für Nicholas Grimshaw. Erst erhielt er die Royal Gold Medal, die höchste Auszeichnung Großbritanniens für Architekten (siehe Baunetz-Meldung vom 2.10.2018). Dann übergab er sein gewaltiges Büro „Grimshaw Architects“ mit gut 650 Mitarbeitern und acht Niederlassungen in Europa, Asien, Australien und in den USA an seine mittlerweile 19 Partner. Neben dem neuen Flughafen-Terminal in Istanbul eröffnete dort außerdem das private Kunstmuseum Arter (siehe Baunetz-Meldung vom 13.9.2019). Und nun musste er am Wochenende auch noch die Feierlichkeiten eines sehr runden Geburtstags über sich ergehen lassen: Am 9. Oktober ist Nicholas Grimshaw 80 Jahre alt geworden. Happy Birthday!

Geboren wurde Grimshaw an der englischen Südküste, in Hove bei Brighton. Seine Mutter war eine Porträtmalerin, sein Vater ein Flugzeugingenieur. Dass sich daraus eine Leidenschaft für Architektur entwickeln würde, war laut Grimshaw klar, als er mit seinem Schwager in Edinburgh die Kunsthochschule und insbesondere die Modellbauwerkstatt besuchte: „Das war meine Erleuchtung, ich wusste sofort, was ich tun wollte: ein Leben lang Modelle bauen.“

Von 1959 bis 1962 studiert er in Edinburgh, dann an der AA in London. Einer seiner Tutoren wird Peter Cook, Grimshaw interessiert sich für Archigram, Buckminster Fuller und Frei Otto. 1965 gründet er mit Terry Farrell ein eigenes Büro. Mit den Park Road Apartments bauen sie 1968 eine der ersten modernen Baugruppen in London. Für ein Studentenwohnheim fügen sie einen ausgesprochen archigram-esken, spiralförmigen Turm rückseitig an sechs Viktorianische Wohnhäuser; in dem Turm sind in kleinen, von einem Bootsbauer gemachten Kabinen Toiletten und Waschräume untergebracht. Ihre Architektur ist jung und experimentell, gründet aber gleichzeitig auf hohem technischen Wissen und einer engen Kooperation mit Ingenieuren und Fachplanern. In Bath bauen sie 1976 eine farbenfrohe Fabrik für Herman Miller, deren Fassadenpaneele aus Glas und Glasfasergewebe jederzeit ausgetauscht werden können – ein ähnliches Prinzip wie beim Hauptgebäude der FU Berlin von Josic Candilis Woods, aber in Bath funktioniert es bis heute.

1980 öffnet Grimshaw sein eigenes Büro. Er sucht nach einer Architektur, die effizient und erhaben ist, technisch und konstruktiv auf der Höhe ihrer Zeit – mindestens. Eine ökologisch verantwortungsvolle Architektur ist für ihn, dass schreibt er schon 1980, durch eine leichte und also ressourcensparende Konstruktion zu erreichen. Jetzt entstehen einige seiner bahnbrechendsten Entwürfe: die Eishalle in Oxford (1984), die Druckerei der Financial Times (1988), der Britische Pavillon für die Expo 92 und der Bahnhof Waterloo in London (1993) demonstrieren sein Architekturverständnis in zunehmender Perfektion. Noch fast ohne Computer geht es um eine dreidimensionale Konstruktion, die bis ans Limit berechnet wird und deren Prinzipien und Kraftverläufe auch für Laien sichtbar sind. Dazu große, oft gebogene Flächen aus Glas, Stahl und Aluminium, die passgenau produziert werden, wie im Flugzeug- oder Autobau.

Das Terminal 4 für den Flughafen Heathrow und das fantastisch-utopische „Eden Project“ in Cornwall sind sein endgültiger Durchbruch, die Produktionshallen für Vitra (1981/83), das Ludwig-Erhard-Haus in Berlin (1997), die Igus-Halle in Köln (2000) und die Halle 3 der Messe in Frankfurt am Main (2001) seine ersten Projekte in Deutschland.

Seine Arbeit wird allgemein zur High-tech-Architektur gezählt, Grimshaw (Jahrgang 1939) wird mit Norman Foster (Jahrgang 1935) und Richard Rogers (1933) zum britischen „high-tech pack“. Sie alle bauen Maschinen, Schiffe, glitzernde Raumstationen mit beweglichen Teilen und der neuesten Technik. Anders als beim strengen Foster und beim oft martialischen Rogers kommen bei Grimshaw aber oft humorvolle, augenzwinkernde Elemente hinzu. Deswegen schlägt das Dach des Bahnhofs in Melbourne Wellen: die Beherrschung der raumbildenden Kräfte soll eben auch Spaß machen. Wozu sonst der ganze Aufwand?

Von den dreien ist er der leisere und vielleicht bleibt er deswegen ein wenig mehr im Schatten. So fragt man sich 2019 nicht, warum er die Goldmedaille seines Landes bekommen hat – sondern, warum er sie erst jetzt bekommt. Norman Foster bekam diese Auszeichnung schon 1983, Rogers 1985. Zu Grimshaw hätte sie nach seinem Eden Project gut gepasst, jetzt wirkt die Ehrung ein bisschen wie „Oh, haben wir ihm wirklich noch keine Medaille gegeben?“ Übrigens haben Foster und Rogers auch beide den Pritzkerpreis bekommen – wenn Grimshaw nicht aufpasst, kriegt er auf seine alten Tage auch noch einen. (fh)


Video:


The Eden Project by Grimshaw Architects

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The Eden Project, Cornwall (UK), 2001

The Eden Project, Cornwall (UK), 2001

Southern Cross Station, Melbourne (Australien), 2007

Southern Cross Station, Melbourne (Australien), 2007

Herman Miller Factory, Bath (UK), 1976

Herman Miller Factory, Bath (UK), 1976

Nicholas Grimshaw, 2014

Nicholas Grimshaw, 2014

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