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17.07.2019

Buchtipp: Architektur hören

Das akustische Argument


Der amerikanische Physiker Wallace Clement Sabine entdeckte um 1900, dass sich die akustische Verständlichkeit in einem gerade fertig gestellten halbrunden Auditorium der Harvard University deutlich verbesserte, wenn er den Raum mit weichen Sitzkissen aus Filz auslegte – ein Initialmoment für die moderne Raumakustik. Binnen weniger Jahrzehnte sollten neue Methoden der Berechnung und Messung das Feld der Akustik aus den Reihen des Zufälligen erheben und zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin machen.

Nachhall. Schallabsorption. Reflexionsarme Räume. Sexy klingt anders, mag da manch einer einwenden. Tatsächlich wird die Raumakustik bis heute oft zum marginalisierten Nebenschauplatz der Architektur degradiert. Dabei sind wir ständige Empfänger und Produzenten von Tönen und Geräuschen und unsere gebaute Umwelt stellt eine fortwährende Kulisse aus „Geräuschmassen, Lärmbergen oder Tonsümpfen“ dar – wie Le Corbusier in Das elektronische Gedicht 1958 lyrisch formuliert. Unwiederlegbar ist die Akustik eine unsere soziale und räumliche Umgebung prägende Bedingung.

Gerät einem nun die Dissertation „Das akustische Argument“ der Schweizer Architektin und Autorin Sabine von Fischer in die Hände, wird man erstaunt sein, in welche – bisweilen dramatischen –Tiefen der Architektur-, Kultur-, Technik- und Wissenschaftsgeschichte man mit von Fischer eintauchen kann, um mehr über das Hören und seine vielfältigen Rollen in der Gesellschaft zu erfahren. Die Autorin führt ihre Leser*innen auf 330 Seiten durch die fünf Kapitel Objektivierung, Regulierung, Isolierung, Übertragung und Erfahrung und fokussiert damit auf jeweils diachron betrachtete Aspekte der Bau- und Raumakustik im 20. Jahrhundert.

Die Reichweite von Sabine von Fischers umfangreicher Recherche ist groß: Erzählt wird von den ersten wissenschaftlichen Laboratorien in den 1920er Jahren in der Schweiz, in denen die Akustik gewissermaßen zur objektiven Wissenschaft diszipliniert wurde, von Nachbarschaft und Privatsphäre im DIN-regulierten Wohnungsbau der Moderne- und Nachkriegsmoderne, vom House of the Future und in die Welt entsandte Wohngeräusche per elektronischem Signal oder von der Debatte um die diplomatische Völkerverständigung im Rahmen des geplanten Hauptsitz für den Völkerbund in Genf im Jahr 1927.

Anhand des legendären Wettbewerbs für den Völkerbund, an dem Architekten wie Le Corbusier und Pierre Jeanneret, Hannes Meyer oder Richard Neutra teilnahmen, ordnet Sabine von Fischer das im Titel versprochene akustische Argument architekturgeschichtlich ein. Die Saalakustik des in der Wettbewerbsausschreibung gewünschten Versammlungssaals mit Platz für fast 2700 Vertreter und Besucher wurde unterschätzt – die überdimensionierte Architektur würde dem Zweck der Verständigung nicht mehr gerecht. Wollte man einen repräsentativen Monumentalbau, in der eine Verständigung nur mithilfe elektrischer Verstärkung möglich sein würde oder eine Architektur, die durch Proportion, Form und Material den modernen Anspruch an Zweckmäßigkeit und Funktionalität würde erfüllen können? Die damit einhergehenden Fragen der Raumakustik wurden zum entscheidenden Argument in der folgenden fast drei Jahre (!) andauernden Debatte.

Nicht nur beim Beispiel des Völkerbundgebäudes, im gesamten Buch thematisiert von Fischer Prozesse der Verständigung, Übertragung und Übersetzung: Wie das Expertenwissen seinen Weg vom Labor in die Baupraxis fand, wie aber auch die subjektive Wahrnehmung und Hörerfahrung im Alltag ein „ständiger und enger, wenn auch nicht immer konfliktfreier Begleiter der Wissenschaft war“. „Das akustische Argument“ geht den Verschränkungen und Verbindungen akustischen und architektonischen Wissens nach, die im gesamten 20. Jahrhundert neue Erkenntnisse hervorbrachte und andere Disziplinen bereicherte.

Text: Kim Gundlach

Das akustische Argument. Wissenschaft und Hörerfahrung in der Architektur des 20. Jahrhunderts

Sabine von Fischer
367 Seiten
gta Verlag, Zürich 2019
ISBN 978-3-85676-354-1
48 Euro



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Das Gehör des Akustikers war bis 1930 wesentlicher Bestandteil der Versuchsanordnung – nicht aber sein Körper, der vom Hals an abwärts in einer Box isoliert wurde. Vivian L. Chrisler als „ Mann in der Kiste“ im Messraum des National Bureau of Standards, Washington, D.C., um 1930.

Das Gehör des Akustikers war bis 1930 wesentlicher Bestandteil der Versuchsanordnung – nicht aber sein Körper, der vom Hals an abwärts in einer Box isoliert wurde. Vivian L. Chrisler als „ Mann in der Kiste“ im Messraum des National Bureau of Standards, Washington, D.C., um 1930.

Auch in Zürich wurden reflexionsarme Laboratorien für akustische Versuche gebaut, zuerst für das Albiswerk, 1945/46.

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Eine „ Lärmvergeltungsmaschine“, um dem Nachbarn im oberen Stockwerk den störenden Trittschall heimzuzahlen. Britische Karikatur aus den 1930er Jahren.

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Der „Poch-Variator“ von Franz Max Osswald war in erster Linie ein Luftschallerzeuger, in vereinfachter Konstruktion auch ein Körperschallerzeuger.

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