976 Stampflehmklötze in Oberbayern
Campusgebäude in Traunstein von Studio Anna Heringer
Der erste freitragende und bewitterte Lehmbau Deutschlands befindet sich in Traunstein in Oberbayern auf dem Campus St. Michael der Erzdiözese München und Freising. Dessen Architektur spiegelt ein Bildungsangebot, in dem Mensch und Natur im Mittelpunkt stehen. Für das neue Gebäude, das als öffentliches Forum dient, legte sich die Bauherrin, die Stiftung Erzbischöfliches Studienseminar, früh auf Lehm als Baumaterial fest. Mit Anna Heringer (Laufen) gewann sie eine Architektin, die zahlreiche Lehmbauten im globalen Süden realisiert hat und ihre Erfahrung nun in Deutschland einbringt.
Der flache, rund 70 Meter lange und 55 Meter breite Baukörper aus Lehm liegt im Zentrum des Campus. Seine Gebäudeflügel mäandern zwischen dem denkmalgeschützten Bestand von 1929, dem Kindergarten und dem 2024 eröffneten Internatsholzbau, den ebenfalls Studio Anna Heringer plante. Im Osten öffnet sich ein Hofplatz mit Brunnen. Steinstufen führen auf das begrünte Dach in einen Garten mit Kräutern und Insektenhotel, Wegen und Plätzen. Von hier reicht der Blick bis zu den weißen Bergspitzen an der Grenze zu Österreich.
Für den Campusbau wurden 976 Stampflehmelemente in der Werkhalle von Lehm Ton Erde Baukunst im österreichischen Schlins vorgefertigt und getrocknet. Wie Bauklötze wurden die bis zu 75 Zentimeter dicken Elemente auf der Baustelle montiert. „Als ob die Erde sich nach oben schieben würde“, beschreibt Heringer die Wirkung. Die Wände bestehen aus reiner Erde ohne Zusatzstoffe. Wird das Haus nicht mehr gebraucht, können seine Mauern weiterverwendet oder der Natur zurückgegeben werden.
An den Fassaden zeichnen sich Nester mit Kieselsteinen ab. Sie stabilisieren die unbehandelten Mauern und schützen sie vor Feuchtigkeit. Helle Streifen aus Trasskalk durchziehen die Lehmschichten und beugen Erosion vor. Im Westen wechseln sich große und kleine Fenster unregelmäßig ab, gerahmt von Kalkstreifen, die Patina ansetzen dürfen. „Ich habe mich ganz auf die Kraft des Materials verlassen“, sagt Heringer, die das Lehmhaus in einer Arge mit Architekten + Stadtplaner Romstätter (Traunstein) realisierte. Der Genehmigungsprozess sei eine Herausforderung gewesen, weil Normen oft wie Naturgesetze behandelt würden, der Klimaschutz zu wenig Gewicht hätte.
Das vielseitige Raumprogramm macht den Neubau zur zentralen Anlaufstelle des Campus. Er beherbergt ein Inklusionscafé, Stiftungsbüros, Coworking-Bereiche für nachhaltige Start-ups, einen Secondhandladen, einen Saal für Veranstaltungen sowie die Mensa der Internatsschüler. Alle Räume gruppieren sich um zwei Innenhöfe. Die Korridore weiten und verengen sich, sie werden als Aufenthaltszonen genutzt. In den tiefen Fensterlaibungen laden Sitznischen, inspiriert von islamischer Architektur und marokkanischer Wohnkultur, zum Verweilen ein.
Im Planungs- und Bauprozess organisierte Heringer Workshops mit allen Beteiligten, etwa für ein skulpturales Sitzmöbel aus Lehm neben der Teeküche. Die rauen Stampflehmwände verbessern die Akustik und sorgen für ein angenehmes Raumklima. Böden und Tischplatten sind mit Kasein beschichtet, Möbel gebraucht gekauft oder von regionalen Handwerksbetrieben gefertigt. Sitzkissen von Dipdii Textiles aus Rudrapur verweisen auf ein Herzensprojekt Heringers. Auf dem Campus St. Michael bringt sie den globalen Süden und das bayerische Oberland zusammen. Es wird Zeit, dass die Architektur der Industrienationen von Entwicklungsländern lernt.
Text: Sandra Hofmeister
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Anna Heringer, Studio Anna Heringer
- Partnerarchitekten:
- Hans und Johannes Romstätter, Architekten + Stadtplaner
- Fachplanung Lehmbau:
- Martin Rauch, Lehm Ton Erde Baukunst
- Landschaftsarchitektur:
- Die Grille / Mühlbacher-Hilse
- Statik:
- gdb Constructiv Thinking
- Bauherrschaft:
- Stiftung Erzbischöfliches Studienseminar
Zum Interview mit Anna Heringer bei BauNetz interior|design



