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08.01.2020

Buchtipp: Abkühlung einer hitzigen Debatte

Architektonische Konzepte der Rekonstruktion


Die kürzliche Wiedererrichtung eines ganzen Altstadtquartiers in Frankfurt am Main oder das Wiederaufbauvorhaben der Garnisonkirche in Potsdam sind nur die aktuellsten Beispiele, die belegen, dass Rekonstruktionen historischer Bauten in Deutschland immer wieder heiß diskutiert werden. Dabei geht es vor allem um die moralische Frage nach dem „Ob” von Rekonstruktionen – weitaus seltener dreht sich die Debatte um das „Wie”. Auf welche Art historische Bauten nach Zerstörung oder Verlust wiedererrichtet werden können, geht der Kunsthistoriker und Baunetz-Autor Alexander Stumm in seinem Buch Architektonische Konzepte der Rekonstruktion nach, das in der Reihe Bauwelt-Fundamente erschienen ist. Mit seiner Darstellung unterschiedlicher praktizierter Ansätze zeichnet Stumm die 150-jährige geistige Geschichte der Denkmalpflege nach. Vor allem aber legt er zu einem aktuellen Reizthema eine wohltemperierte Klärung des Rekonstruktionsbegriffs vor.

Fünf architektonische Konzepte macht Stumm als maßgeblich in der europäischen Denkmalpflege aus, die er anhand von 18 Fallbeispielen aufschlussreich erläutert: die „historistische Rekonstruktion”, die „interpretierende Rekonstruktion”, die „archäologische Rekonstruktion”, die „konzeptionelle Rekonstruktion” und die „historische Simulation”. In den gegenwärtigen Rekonstruktionsprojekten Berlins sieht Stumm schließlich eine Vermengung all dieser verschiedenen Konzepte. Für Franco Stellas Stadtschloss etwa attestiert er ein „undialektisches, sich drängendes Nebeneinander” von Simulation, historistischer Rekonstruktion und zeitgenössischen Bauteilen, das „keine Grenzen kennt“.

„Weltgeist“, „Aura“, „Rhizom” – Stumm greift immer wieder auf abstrakte Termini zurück. Er muss, denn will er den verschiedenen Rekonstruktionsbegriffen auf den Grund gehen, betritt er unweigerlich philosophisches Terrain. Sehr klar bettet er die verschiedenen denkmalpflegerischen Ansätze in Theorien ein. Er verknüpft etwa John Ruskins Gedanken zur materiellen Substanz als Denkmal mit Hegels linearem Geschichtsverständnis. Und er zieht eine Linie zwischen Walter Benjamins hochkomplexen Überlegungen zur Übersetzung von Texten und der konzeptionellen Rekonstruktion von Gebäuden. Die konzeptionelle Rekonstruktion eignet sich nämlich den Vorgängerbau nur „selektiv“ an, vergleichbar mit Benjamins Gedanken zur Übersetzung eines Textes, die diesen lediglich berühre wie die Tangente einen Kreis. Der Wiederaufbau der Kreuzkirche in Dresden von Schilling und Gräbner (1897–1900) oder der Umbau des Bankside Power Station zur Tate Modern von Herzog & de Meuron (1995–2000) sind ihm Beispiele für diesen abstrahierenden Ansatz.

Stumms aufschlussreiche theoretische Verknüpfungen fixen durchaus an, doch lässt er die eingestimmten Leser*innen ein wenig an der Oberfläche sitzen. In seinen Ausführungen ruft der Autor nur eine Idee davon wach, welch große gesellschaftliche Dimension die Frage nach der Art einer Rekonstruktion von Gebäuden haben kann. Hier bleibt Stumm zurückhaltend. Mit seinem Band will er lediglich einen „praktischen Leitfaden für Denkmalpfleger und Architekten“ aufstellen. Die kritische Interpretation der gesellschaftlichen oder gar ethischen Bedeutungen der verschiedenen Wiederaufbaukonzepte überlässt er seinen Leser*innen. Dafür aber gibt der Autor ihnen solides geistiges Rüstzeug auf den Weg.

Text: Sophie Jung

Architektonische Konzepte der Rekonstruktion
Alexander Stumm
224 Seiten
Birkhäuser Verlag, Basel 2017
ISBN 978-3-0356-1336-0
29,95 Euro


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