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Mein BauNetz

26.05.2016

Reporting from the Front: Sie kommen in Frieden

Über Aravenas Biennale-Ausstellung

Rollentausch in Venedig: Aus Architekten werden Reporter, aus einer Ausstellung ein Handbuch der Ideen. Im Mittelpunkt steht dabei ungewohnt oft der Mensch. Mit seinem Konzept „Reporting from the Front“ schafft es Alejandro Aravena, die Architektur daran zu erinnern, wofür es sie eigentlich gibt.

Von Jeanette Kunsmann und Stephan Burkoff

Auf der diesjährigen Architekturbiennale begegnet einem viel Müll. Müll, der uns ständig umgibt, den wir aber gewohnt sind auszublenden, zu verstecken und anderen das Problem zu überlassen. Aravena konfrontiert die Besucher seiner Ausstellung mit etwas, das man also tendenziell eher nicht sehen will. Das ist der Preis dafür, die Dinge zu sehen, die wirklich Bedeutung haben: ein ehrlicher Deal. Sein Thema „Reporting from the Front“ und die Aufgabe der 88 Architekten, Büros und Institutionen, sich mit einem Problem und dessen Lösung zu befassen, hat dazu geführt, dass eine vielschichtige, uneitle und pragmatische Ausstellung entstanden ist. Nicht eine architektonische Nabelschau, sondern die Probleme unserer Zeit stehen im Zentrum der Beiträge. Alejandro Aravena führt seine Ausstellung dahin, wo es weh tut – und das fühlt sich gut an.

Alle Exponate sollen als Werkzeuge dienen – nicht nur für Architekten, auch für Bauherren, Entwickler und Nutzer. Es wird ein großes „Learning from“: Das amerikanische RURAL Studio hat mit seinem „Teatro of the Usefull“ einen Beitrag geliefert, der die Ausstellungsarchitektur nicht recycelt, sondern als Zwischenstation nutzt. Anstatt etwas zu bauen und dann wiederzuverwerten, wählten sie einen noch radikaleren Ansatz: Die Architekten identifizierten den Bedarf eines venezianischen Sozialzentrums, um ihre Installation schließlich aus genau diesen Materialien zu bauen. Mit dem Ende der Biennale werden Spinde, Bettgestelle und Holzplatten ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt.

Die chilenische Architektin Cecilia Puga untersucht den Übersetzungsprozess von Zeichnungen in die Wirklichkeit, Assemble Studio hinterfragen die Autorenschaft in partizipatorischen Prozessen der Stadtentwicklung und Alexander d`Hooghe liefert mit dem „Monument For An Open Society“ eine Struktur aus sechs Betonfertigteilen, aus denen sich Markthallen zusammensetzten lassen. Und während Christ & Gantenbein mit „More Than A Hundred Years“ die Dauerhaftigkeit von Architektur betonen – auch eine Form von Nachhaltigkeit – stellen andere die Frage „Does Permanence matter?“.

EPM präsentieren ihre erfolgreichen Interventionen um die städtischen Wassertanks in Medellín. Als dunkle Orte einst ein Paradies für Kriminalität, dienen die Areale um die Tanks heute als attraktiver Stadtraum mit Spielplätzen, Parks und Wasserflächen. „Wenn Medellín das schafft, kann man das überall schaffen“, sagt Aravena. Kopieren ist auf dieser Biennale erwünscht.

Aus einer neuen Perspektive widmet sich Hugon Kowalski dem Thema Müll mit seiner studentischen Abschlussarbeit „Lets Talk About Garbage“. Bei seinen Untersuchungen in der indischen Millionenstadt Dharavi tritt zutage, dass Müll dort elementarer Teil eines Kreislaufes ist und Arbeitsplätze schafft.

Auch Aravena recycelt in seinem eigenen Beitrag zur Ausstellung. Dass dies auch durchaus ästhetische Qualitäten haben kann, zeigt der erste Raum im Arsenale. Dort, wo in den letzten Jahren die Sponsoren ihren Auftritt hatten, sind jetzt 10.000 Quadratmeter Gipskarton zu einer zweiten Wand gestapelt, von der Decke hängen insgesamt 14 Kilometer gebogene Aluminiumprofile. Bei Aravena wird schon der erste Raum zu einem Statement – sämtliche verbaute Materialien hat das Team Elemental von der Ausstellungsarchitektur der Kunstbiennale 2015 übernommen – praktischerweise war ja alles schon im Arsenale.

Hier, im ersten Raum, wird auch noch einmal das Vorgehen des Chilenen erläutert: Frage formulieren, Antwort geben, erklären wie der einzelne Beitrag inszeniert werden soll. Die 88 eingeladenen Reporter mussten von Anfang an beweisen, dass ihre Vorschläge interessant und relevant sind – wie in einem mehrstufigen Aussiebungsprozess war damit sicher gestellt, dass das, was am Ende herauskam, auch wirklich gut ist.

„Reporting from the Front“: Die Anlehnung an ein journalistisches Arbeiten erweist sich als guter Twist. Das Konzept ist effizient,  differenziert und vielschichtig. Stets wird Aravenas Grundgedanke, sein systemisches Denken sichtbar. Nichts in unserer Welt lässt sich verändern, ohne dabei auch andere Dinge zu beeinflussen, so eines seiner Mantras. Alejandro Aravena ist es gewohnt, partizipatorische Prozesse zu leiten und dafür Strukturen zu bilden, die am Ende alles auf einen Nenner bringen – so funktioniert seine Architektur, ebenso auch seine Hauptausstellung als Biennale-Direktor in Venedig. „Aravena kam zur richtigen Zeit“, meint Biennale-Präsident Paolo Baratta. „Die Biennale brauchte jemanden, der bereit ist, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Mit Alejandro Aravena haben wir ihn gefunden.“