Eingeflochten in Jena
Bibliothek und Bürgerzentrum von pbr Planungsbüro Rohling
Im März 2024 wurde am Engelplatz im Zentrum Jenas ein markanter Neubau eingeweiht, der künftig zwei Einrichtungen aufnimmt: die Stadtbibliothek namens Ernst-Abbe-Bücherei sowie den Bürger- und Familienservice der Stadt. Lange war das Areal zwischen der Kulturarena auf dem Theaterplatz und den Resten des mittelalterlichen Karmeliterklosters eine innerstädtische Brache. 2017 lobte die Stadt, vertreten durch die Kommunale Immobilien Jena einen Architekturwettbewerb aus, den das pbr Planungsbüro Rohling (u.a. München/Osnabrück) gemeinsam mit Stock Landschaftsarchitekten (Jena) gewannen.
Entstanden ist ein fünfgeschossiger Gebäudekomplex, der auf den Bestand des heterogen gewachsenen Quartiers mit seinen unterschiedlichen Bauten reagiert. Darunter ist etwa der erhaltene Kapitelsaal und die Sakristei des denkmalgeschützten Klosters Zum Heiligen Kreuz. Vorhandene Blockränder und Raumkanten wurden in die Gestaltung einbezogen. Durch die bezugreiche Platzierung des Baukörpers innerhalb der Stadtstruktur gelang den Architekt*innen deren Neuorganisation und urbane Verdichtung mit definierten Freiräumen und hoher Aufenthaltsqualität.
Die Fassaden – vorgehängte, vertikale Lamellen aus hell eingefärbtem Glasfaserbeton in Kombination mit überwiegend raumhohen Aluminiumfenstern –, die Betonung von Attika, Brüstungen und Sockelbereichen sowie die Naturstein-Pflasterung der umgebenden Freianlagen sorgen für ein einheitliches äußeres Erscheinungsbild. Im Inneren des Gebäudes mit einer Bruttogrundfläche von rund 10.500 Quadratmetern heben sich dagegen die unterschiedlichen Nutzungen deutlich voreinander ab. Während das Bürgerzentrum mit Servicetheke, Empfangsbereich, Büros und Besprechungsräumen als Verwaltungsort mit hohem Durchlauf und kurzer Verweilzeit funktioniert, ist die Bibliothek als offenes Forum konzipiert. Sie fungiert ebenso als Zentrum für Bildung und Austausch wie auch als sozialer Treffpunkt und dritter Ort der Freizeitgestaltung für Stadtbewohner*innen aller Altersgruppen.
Im Erdgeschoss befinden sich außer dem großzügigen Foyer mit Buchrückgabe, ein Zeitschriften-Salon, Veranstaltungs- und Werkstattbereiche sowie die Kinderbibliothek mit variablen Regalen, beweglichen Sitzmöglichkeiten und multifunktionalen Spielelementen. Das erste Obergeschoss beherbergt die Jugendbibliothek, Comics, Mangas, Konsolenspiele und eine Sitzlandschaft. In den weiteren Geschossen befinden sich die ruhigeren Lesebereiche für Belletristik, Sachliteratur und Musik sowie ein Lernzentrum, eine Digitalwerkstatt und eine kleine Artothek. Die Baukosten werden mit 39 Millionen Euro (KG 200-700) angegeben. (uav)
Fotos: Brigida González
Fünfzehn Bibliotheken weltweit haben wir vergangenen Herbst in unserem Themenpaket „Lesen, leihen, lernen“ zusammengestellt.
Was haben die ganzen kleinen Häuschen der Altstadt in Jena mit Jena zu tun? Genau so wenig. Die übergroße Mehrzahl von denen könnte auch in einer x-beliebigen anderen Altstadt stehen, da ist nichts spezifisch jenaisches dran. Erst weil die so lange in Jena rumstehen, sind sie zu Jena geworden. Zum Gebäude: Fassade streitbar, innen etliche interessante und gute Räume, definitiv ein Mehrwert für Jena.
Fassaden in städtebaulicher Einbettung sind Stiefkinder in der Architektenausbildung. Allerdings muss man schon einmal darauf hinweisen, dass jeweils über zehn bis fünzehn Jahre, die immer gleichen Juryzusammensetzungen in beschränkten Verfahren und auch die schlecht gebildeten Amts- und Bauherrenvertreter für die Auswahl von architektonischen Vorschlägen zuständig sind. Wenn jemand etwas anderes einreicht, hat er/sie kaum eine Chance. In der Bibliothek von pbr gibt es gerade im Inneren ein paar Räume die gut bis ordentlich abgearbeitet sind, oder mit dem Lesesaal auch etwas Besonderes darstellen. Für Stadtbewohner also gut nutzbar sind. Aber wie hier viele schreiben, das Gebäudevolumen in Kubatur im Stadtraum passt nicht zu den Nachbarbauten, die EG-Zone und die darüberliegenden Geschosse wirken überdimensioniert und in Gleichmacherei aller Seiten zu den unterschiedlichen Straßen- und Hofräumen, zu den gelungenen Sanierungen des Stadt-Bestands auch seltsam uninspiriert. Umso erstaunlicher, wenn man den Ort kennt. Ein Zuschlag von Muschelkalk, kann Proportionen, Rhythmen und fehlende Schlüssigkeit, warum diese grob gegliederte Fassade die beste Lösung neben Gebäuden aus anderen Jahrhunderten sein soll, ohne irgendwie Bezug auf diese zu nehmen, nur weil pbr auch einen Sitz in Jena hat, nicht sachlich erklären. Man muss keine Fachbegriffe als Qualifizierungsnachweis verwenden, um eine Aussage dazu treffen zu können. Und nicht jeder Architekt hat Lust dazu, den verbalen Bluff Jahrzehnte durchzuexerzieren.
Das spiegelt sinnbildich tatsächlich auch wieder, wie wir Architekten Architektur dem Bürger vermitteln. Da reicht es einfach nicht aus, wenn man in der Fassaden Analogien zu einem regionalen Rohstoff schafft. Das Gebäude könnte überall stehen, es wäre nirgends wirklich fehl am Platz, aber auch nirgends gute Architektur.