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02.06.2008

München darf nicht noch schöner werden

Diskussion zum Auftakt der Architekturwoche


Es dürfte jetzt fünfzehn Jahren her sein, dass eine Anweisung aus dem Ministerium an die bayerische Denkmalpflege erging. Inhalt: Auf die Unterschutzstellung von Bauten der Nachkriegszeit sei generell zu verzichten. Ein starkes Stück. Aber die Begründung ist noch viel besser: Es gäbe angeblich keine Denkmale aus dieser Zeit.

Das sieht der BDA München anders. Und daher befasst sich die Vierte Architekturwoche München (A4) mit fünf exemplarischen Münchener Orten der Nachkriegsmoderne (siehe BauNetz-Meldung vom 28. März 2008).
Am gestrigen Sonntag, 1. Juni 2008, begann die A4 mit einer hochkarätigen Podiumsdiskussion in der Residenz. Das Thema dementsprechend: Die Nachkriegsmoderne an den fünf Orten Sonnenstraße, Münchener Freiheit, Residenz, Olympiazentrum und Theresienhöhe.

Zu Beginn fragt die Moderatorin Sabine Reeh vom Bayerischen Rundfunk jeden Teilnehmer nach seinem Lieblingsort. Andreas Denk, Chefredakteur des BDA-Blattes „Der Architekt“ und mit dezentem Borussia-Dortmund-Sticker am Revers als Ruhr-Lokalpatriot ausgewiesen, benennt für München (neben Olympia)  die Sonnenstraße. „Weil es kein Denkmal ist. Da kann man ja nichts schützen!“ In der Tat sind die Gebäude einzeln kaum schutzwürdig; erst das Ensemble macht die Wirkung aus. Und das findet Claudius Seidl von der F.A.Z. schön: „Ein geschlosssenes Ensemble etwa gleich großer Häuser. Wer das hässlich findet, sollte seinen Geschmack noch verfeinern“, lässt der Feuilletonist großzügig wissen, und: „Schaut euch das Zeugs an; es ist doch schön!“

Die neue Stadtbaurätin Eisabeth Merk glaubt, dass Bauten wie die Sonnenstraße bei der Bevölkerung gar nicht so unbeliebt seien, wie immer gesagt werde. Vielmehr verbänden sie damit etwas Positives wie den Wiederaufbau. Hier bekommt sie Widerspruch. Andreas Denk glaubt: „Die Leute sind an die Sonnenstraße gewöhnt; sie wird aber nicht als ästhetisches Ereignis wahrgenommen.“ Seidl eskortiert: „Die mangelnde Wertschätzung dieser Bauten ist messbar, nämlich an ihrer Disponibilität. Sie bleiben einfach nicht stehen!“

Der Kunsthistoriker Norbert Huse weiß auch den Grund: „Diese Bauten sind jetzt im Rentenalter. Ihre Lagen sind für Investoren einfach zu interessant!“ Er beklagt den Verlust der Bauten für Alte Chemie und Naturwissenschaften und die mangelnde Wertschätzung der Bahnsteighalle von Franz Hart.

Huse benennt als „seinen“ Ort die Münchner Freiheit, wo er seit 1971 wohnt. Die feine Ironie in der Ankündigung der A4-Kuratoren, dort das Hertie-Hochhaus und das Schwabylon wiederbauen zu wollen, ist ihm allerdings entgangen – wie uns übrigens beim ersten Lesen auch. Er nimmt den Vorschlag ernst – und ist strikt dagegen. „Das hat der Franz Hart“ – Architekt des Hertie-Hochhauses – „nicht verdient!“ Was sagt die Stadtbaurätin dazu? „Die Rekonstruktion schlägt zurück!“ Lachen im Saal.

Chris Dercon, Belgier, Direktor im Haus der Kunst und auf dem Podium so etwas wie das Enfant terrible, benennt die Theresienwiese: „Als Ausländer liebe ich die Leere der Theresienhöhe. Das ist die einzige Stelle, wo München mit Berlin mithalten kann! Man kann sie aufladen mit Erinnerung und menschlichen Aktivitäten.“

Claudius Seidl schließlich bringt das Olympiazentrum ins Gespräch: „Olympia ist die selbstbewussteste Botschaft, die München jemals an eine Zukunft geschickt hat!“ Er weist darauf hin, dass das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, dem er damals angehörte, für den integralen Erhalt des Olympiastadions gekämpft hat wie niemand sonst. „Bis der Behnisch kapituliert hat!“ Günter Behnisch hatte – sehr spät – sein Urheberrecht geltend gemacht, und daher wurde das alte Stadion unangetastet gelassen und das neue in Fröttmaning gebaut. Dercon macht sich derweil Sorgen über den Einfluss von BMW: „Man muss aufpassen, dass das ganze Olympiadorf nicht bald blau-weiß ist!“

In einer kleinen Schlussrunde fragt die Moderatorin schließlich nach dem Traum jedes Diskutanten für München. Die Antworten sind teils erratisch. Merk: „Ich hätte gern ein Belvedere.“ Dercon fordert eine Nachtbeleuchtungsplanung für die Sonnenstraße: „Im Moment ist sie nachts eher eine Mondstraße!“ Claudius Seidl wünscht sich, die Werkbundsiedlung Wiesenfeld doch noch zu bauen, während Norbert Huse vor Alpträumen warnt:  „Alle Stadtutopien sind gescheitert, weil sie die Menschen überfordern“. Noch treffender auf den Punkt bringt es Dortmund-Fan Denk: „München darf nicht noch schöner werden!“

Benedikt Hotze


Zum Thema:

www.vierte-architekturwoche.de/muenchen

Eine ausführliche Fotoreportage von den fünf Orten der A4 finden Sie in der BAUNETZWOCHE#80 (Download PDF, 4 MB )


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Dercon, Huse, Merk, Reeh, Denk, Seidl

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Huse, Merk

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Denk, Seidl

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Reeh, Denk

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