Wie Architektur Machtverhältnisse zementiert
Über Katharina Pistors Code des Kapitals
Die Geldpolitik der letzten Jahre hat die Bauwirtschaft enorm beflügelt und den Mittelstand, der mühsam eine Immobilie zu erwerben versucht, frustriert zurückgelassen. „Der Code des Kapitals“, das aktuelle Buch der Rechtswissenschaftlerin Katharina Pistor, zeigt, wie Gesetzgebung als zentrales Instrument ungleicher Vermögensverteilung fungiert. Für unseren Autor eine Anregung, um auch an die Architekturpraxis einige grundsätzliche Fragen zu richten.
Von Christian Welzbacher
„Wer baut, hat recht“, formulierte Friedrich Achleitner einmal. In der Tat: Bauen ist immer eine starke Geste. Unmissverständlich, unübersehbar, bisweilen ganz schön aufdringlich. Und natürlich steht hinter jedem Bauwerk – dem Bürokomplex auf der grünen Wiese, der integrativen Schule, der Villa oder dem geförderten Wohnungsbau – eine Potenz. Sie verweist auf den „Absender“, die Bauherrin. Wer baut, hat also nicht nur recht, sondern offensichtlich auch „das Zeug“, seine Rechthaberei im Raum zu manifestieren. Wer baut, hat Macht.
Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass Macht in unserer Gesellschaft ungleich verteilt ist. Das wird im Angesicht der Architektur besonders deutlich. Denn Bauen kostet Geld. Selbst bei Kleinprojekten wie dem Häuslebau einer Familie liegt die Investitionsschwelle bei einer Höhe mehrerer Jahreseinkommen. Viele Bauherren müssen ihr Kapital über Kredite heranschaffen. Was wiederum Abhängigkeiten nach sich zieht: Verlustrisiko und Mehrkosten – eine Form der Machtlosigkeit. Denn bis zur erfolgten Tilgung bleibt der Kreditgeber der eigentliche Häuslebesitzer.
Gerade was die Kosten betrifft, haben wir zehn atemberaubende Jahre hinter uns (und es bleibt abzuwarten, wie Corona die Preisbildung beeinflusst). Die Leitzinssenkungen infolge der EZB-Geldpolitik als Reaktion auf die Banken- und Eurokrise drückten die Kreditmargen ins Bodenlose. Das beflügelte die globale Bauwirtschaft auf historisch wohl einmalige Weise. Dadurch drängten institutionelle Anleger großflächig ins Immobiliensegment. Preiskämpfe, wie zuvor nur aus Metropolen wie New York, Paris oder Hong Kong bekannt, prägten plötzlich ganze Landstriche. Die Grundstücks- und Baukosten galoppierten davon.
Die Häuslebauer und Kleinanleger konnten den inflationären Tendenzen nur kopfschüttelnd zuschauen. Wer über Jahre sein Geld zusammengekratzt hatte, stellte fest: Es reicht nicht mehr. Wieder machtlos. Aus Sicht der Mittelschicht also macht die wirtschaftliche Gesamtentwicklung angemessene Teilhabe fast unmöglich. „Ermächtigung“ wird verhindert.
Die Oberschicht sieht das anders. Nicht nur, dass hier Kapital und damit Baugeld reichlich vorhanden sind. Auch das Polster durch bereits vorhandenes „Betongold“ ist üppig. In Deutschland wird jährlich ein Vermögen von gut 400 Milliarden Euro vererbt, davon ein erheblicher Teil als Immobilien, teils seit Generationen in Familienbesitz.
In diesem Zusammenhang ist Katharina Pistors eben auf Deutsch erschienene Studie Der Code des Kapitals aufschlussreich. Die Professorin an der Columbia Law School in Chicago erörtert den Zusammenhang von Macht und Recht als Herausforderung unserer Vorstellung von politisch-sozialen Grundsatzfragen. Die geltende Gesetzgebung sei das Instrument der ungleichen Vermögensverteilung. Vom Bürgertum zum eigenen Vorteil konzipiert, schütze es besonders jene Eigentumsstrukturen, die bei uns seit dem 18. Jahrhundert vom Allgemein- in den Privatbesitz überführt worden seien: Grund und Boden – die Machtbasis. Da der „Code“ bis heute gilt, heißt das: es gibt dauerhaft systemisch Benachteiligte. Einmal machtlos, immer machtlos.
Pistor stößt mit ihrer Analyse ins gleiche Horn wie die Journalistin Daniela Dahn, die in ihrem fulminanten Essay „Wir sind der Staat“ 2013 gefordert hatte, die Bevölkerungsmehrheit müsse endlich in eine basisdemokratisch legitimierte Gesetzesreform (letztlich: die ausstehende Verfassungsdebatte) mit dem Ziel echter Gleichheit einbezogen werden. Beide Autorinnen wollen also an die Wurzel unserer sozialen Probleme. Sie wollen die Gründe für die immer drastischere „Ungleichheit“ beseitigen – zumal sich in der Praxis kaum etwas ändert, wie zuletzt die verhaltene Erbrechtsreform gezeigt hat.
Was könnte das Thema aus Sicht von Architekt*innen bedeuten? Vielleicht zunächst eine Veränderung der Selbstauffassung. Architektur verleiht ja nicht nur den Machtverhältnissen ihren formalen Ausdruck. Planer*innen sind durch den Gesetzesrahmen, in dem sie agieren, auch direkt an diese Verhältnisse gebunden. Wenn daraus folgt, dass es ausschließlich eine „Architektur der Macht“ geben kann – wie ist dann eine Architektur der sozialen Verantwortung möglich? Wenn aus rechtlicher wie wirtschaftlicher Perspektive ein Bauwesen jenseits der nackten Bruttogeschossfläche gar keine Relevanz hat – wäre dann „Baukultur“ bloß das hübsche Deckmäntelchen der noch viel hübscheren Rendite?
In jüngster Zeit haben Verbände, Organisationen, Webforen und Zeitschriften mutige und fruchtbare Grundsatzdebatten zur Architektur angestoßen. Klima und Ressourcen, Soziales, aber auch die Ästhetik wurden und werden diskutiert. Dringt man von hier aus in die Bereiche Recht und Wirtschaft vor, so zeigt sich, dass viele dieser Fragen auf höherer Ebene miteinander verzahnt sind – und nur auf dieser Ebene beantwortet werden können. Auch die Machtfunktionen der Architektur sind durch den Code, das Gesetz, festgeschrieben. Wenn wir daran rütteln wollen, sollten wir das Thema ins Debattenjahr 2021 mitzunehmen.
Zur Lektüre über die Feiertage empfohlen:
- Katharina Pistor, Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, Suhrkamp, Berlin 2020
- Daniela Dahn, Wir sind der Staat. Warum Volk sein nicht genügt, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013.
- Julia Friedrichs, Wir Erben. Warum Deutschland ungerechter wird, Piper, Berlin 2015
- Florian Hertweck (Hg.), Architektur auf gemeinsamem Boden. Positionen und Modelle zur Bodenfrage, Lars Müller, Zürich 2020
Parteien treiben die Sau "Bezahlbarer Wohnraum" bei jedem Wahlkampf seit gefühlt mehr als einem Jahrzehnt durch das Dorf, die Kammer redet auch immer wieder lang und breit davon und zeigt so wie andere Fachjournaillen dann einzelne Musterbeispiele auf, andere Berufsverbände, aka BDA geben Positionspapiere zu Bestand und Nachhaltigkeit "Das Haus der Erde" heraus. Schön. Es bleibt völlig fragmentiert, solange dieser mühsame Systemumbau nicht auch beherzt und mit Wirkung an den vielen kleinteiligen Stellschrauben angegangen wird. Dafür jedoch ist sich jeder in der ewigen Gegenwart und in Anbetracht eigener Geschäftsvorteile und damit zusammenhängender eigener Eitelkeiten zu Schade. "Was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart", sagte der große Ost-Berliner Dramaturg Heiner Müller schon 1990. Und solche Stimmen wie hier @1 Karl walzen ohnehin alles als unbegründet nieder. Das (marktkonforme) Geschehen gibt ihnen da fast Recht. @Karl hat sogar kluge Aussagen in seinem Verriss: "Bauen ist ein menschlicher Impuls. Er wird ausgelebt, wenn es Ressourcen gibt. Dabei kann auch Mangel ein guter Lehrmeister sein." Diesen Impuls also in einen dringend erforderlichen Systemumbau einzuordnen: das bleibt die entscheidende Herausforderung für die Bauschaffenden. Zumal für eine Zeit aus einer Pandemie heraus, in die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts hinein. Es wäre schön, wenn diese Debatte insofern auch verstärkt hier weiter und breiter geführt werden würde. Vielleicht unter dem Ressort "Architektur und Gesellschaft". Wie dem auch sei. Danke.
Kann am Interesse der Industrie an beweglichen Arbeitskräften liegen. Auch sind Eigenheimbesitzer nicht unbedingt linke Wähler. Also eine unheilige Interessenkoalition gegen breiten Besitz. Die Entwicklung ist nicht gesund und betrifft die wesentliche Lebensqualität von uns allen hier. Also besser früher als später was tun.
"One size fits it all" geht in den seltensten Fällen. Da bedarf es immer kleinteiliger Stellschrauben, an denen man drehen muss.