Wo die Welt sich trifft
Zum Tod von Meinhard von Gerkan
Von Friederike Meyer
Es war ein überaus erfolgreiches Architektenleben, das am 30. November 2022 in Hamburg zu Ende ging. Meinhard von Gerkan ist im Alter von 87 Jahren gestorben. 57 Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit Volkwin Marg seine Diplomarbeit zum Wettbewerb für den Flughafen Berlin-Tegel einreichte – und gewann. Die darauf basierende Bürogründung ist so legendär wie der Mut der damaligen Berliner Verwaltung, frisch gebackenen Architekturabsolventen eine derartige Planungsaufgabe zu übertragen.
Was mit einer Anzeige im Hamburger Abendblatt „Architektenzeichnungen fertigen billigst, Tel.: 451026“ begann, haben von Gerkan und Marg über die Jahrzehnte zu einem der größten deutschen Architekturbüros mit heute rund 600 Mitarbeiter*innen an sieben Standorten entwickelt. Und so ist der Name gmp inzwischen mit über 500, zum Teil großmaßstäblichen Projekten wie Stadien, Bahnhöfen, Flughäfen ebenso verbunden wie mit dem deutschen Architekturexport vor allem in Richtung Asien. Oft sind es Bauten, in denen die Welt sich trifft. Zu den bekanntesten in Deutschland zählen neben Berlin-Tegel die Flughäfen in Hamburg und Stuttgart, der Berliner Hauptbahnhof sowie der Christus-Pavillon für die Expo 2000, der heute im Kloster Volkenroda steht.
Allein 170 Projekte sind in den vergangenen 20 Jahren in China entstanden. Auch dort war es ein gewonnener Wettbewerb, für die Deutsche Schule in Peking, der den Grundstein für die erste gmp-Niederlassung in China legte. Messegelände in Shenzhen und Xi’an folgten ebenso wie Theater in Qingdao, Nanning und Tianjin, Museen in Shanghai, Changchun, Lingang und mit Lingang New City bei Shanghai gar eine ganze Stadt. Als 2011 in Peking das Chinesische Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens eröffnete, stand die Arbeit von Architekten für autoritär regierte Staaten bereits in der Kritik. „Ich denke nicht, dass es eine Aufgabe der Architektur ist, eine ‚kritische Distanz‘ zu wahren oder auszudrücken“, antwortete von Gerkan damals im Baunetz-Interview. Drei Jahre zuvor hatte er sich mit Christoph Ingenhoven öffentlich zum Thema „Bauen für Despoten“ gestritten.
In der gestern veröffentlichten Pressemitteilung des Büros blickt Volkwin Marg dankbar auf die gemeinsame Zeit mit seinem Büropartner. „Unsere Arbeitsweise hat sich im Laufe unserer mehr als fünfzigjährigen Berufsehe nur unwesentlich geändert. Frei nach General Moltkes Devise ,Getrennt marschieren, vereint schlagen‘ haben wir unsere Entwürfe getrennt bearbeitet, in allen grundlegenden Belangen einander aber stets konsultiert ... Wir hatten das Glück, in Friedenszeiten zu starten, in einer Demokratie zu leben. Städtebaulich wie architektonisch hatten wir die Freiheit, auf unterschiedlichsten Ebenen Antworten auf die Fragen der Umweltgestaltung zu finden. Beide gleichermaßen empfanden wir es als Verpflichtung, unsere Erfahrungen auch außerhalb unseres Büros an die junge Generation weiterzugeben.“
Bevor von Gerkan 2007 die gmp-Stiftung und die Academy for Architectural Culture (aac) mitgründete, die sich als gemeinnützige Einrichtung der Weiterbildung von Absolvent*innen und jungen Architekt*innen widmet, prägte er als Hochschullehrer an der TU Braunschweig mehrere Generationen. 1974 hatte er von Friedrich Wilhelm Kraemer den Lehrstuhl A für Entwerfen übernommen und ihn bis 2002 neben mehreren Bürostandorten und Projekten geführt. „Man musste nie länger als zwei Wochen auf eine Korrektur von ihm persönlich warten“, erinnert sich der ehemalige Baunetz-Redakteur und einer seiner Schüler Benedikt Hotze an einen plausibel argumentierenden und druckreif formulierenden Lehrer.
Mit dieser Gabe hat von Gerkan als Autor und Kritiker in Büchern, Texten und Vorträgen die eigene Praxis reflektiert und sich immer wieder in die Architekturdebatte eingemischt. Stellvertretend hierfür steht sein Buch „Black Box BER. Vom Flughafen Berlin Brandenburg und anderen Großbaustellen. Wie Deutschland seine Zukunft verbaut“, in dem er seine Sicht auf den skandalösen Bauprozess am Flughafen Berlin Brandenburg, aber auch auf andere Großbauprojekte darlegte.
Obwohl seinem Büro im Laufe der Planungen gekündigt worden war, blieb er dennoch bis zum Schluss im Gespräch mit diesem schwierigen Projekt. Ein Flughafen sei kein Zustand, sondern ein Prozess. Da werde ständig weitergebaut, sagte Meinhard von Gerkan 85-jährig beim Presserundgang anlässlich der Fertigstellung des BER über den zehnten Flughafen seiner Karriere. So wird er vielen auch als Mensch in Erinnerung bleiben, der mit den schwierigsten Bauherren umzugehen verstand und dabei seine architektonische Vision nie aus den Augen verloren hat.
In der BAUNETZWOCHE#451 spricht Meinhard von Gerkan über seine erste Zeit in Peking, chinesischen Optimismus und Gebäude, die alles und jeden in den Schatten stellen.
Im Archlab-Video spricht Meinhard von Gerkan über das städtebauliche Konzept von Lingang.
Die meisten Gebäude, die von gmp heute gebaut werden, gefallen mir nicht, aber der Berliner Hbf und der Flughafen Tegel haben wirklich gutes Konzept.
Gleichzeitig war ich von jedem neuen Staatsbau für die chinesische KP immer mehr enttäuscht. Hier und da gab es interessante und spannende Projekte, welche die oben gefasste Maxime glaubhaft erscheinen ließen - auch in China. Aber je größer und näher am Zentrum der Macht die Bauten dort, wie auch in anderen Despotien saßen, desto statischer und unmenschlicher wurden sie. Da war keine Zukunft und kein Prozess mehr nur noch unbeweglicher Stein. Vielleicht ist es nicht anständig das in diesem Rahmen zu schreiben; wenn ich damit jemand verletze tut mir das Leid. Aber vielleicht gehört das auch zu der Dialektik Gerkans. Was aber auch zu diesem Architektenleben gehört, sind die vielen kleinen und kleineren Projekte wie die wundervoll transzendentale Kapelle in Hofgeismar und der Ausstellungspavillion an der TU Braunschweig der Cool ist ohne kühl zu sein und sich bei dieser Übung nichtmal anstrengen muss. Diese Architekturen sind selten und schön und hier wird Gerkan wirklich fehlen.
Größte Bewunderung für das Feuer für die Profession. Das muss keiner und es macht aktuell keiner. Es bedarf des Sinnes für die Vergänglichkeit und für die Empathie. Dazu bedarf es offensichtlich der ostpreussischen Hartnäckigkeit, des weiten Horizonts und dem allgegenwärtigen Fleiss und Pragmatismus. Gender und Gedöns haben mit diesem Schöpfer nichts zu tun.
@Christian Kleine: Im Text der Meldung wurde vielleicht etwas verkürzt die Diplomarbeit des Verstorbenen als Basis von Tegel benannt. Unbestritten ist allerdings die dahinter stehende Information: Gerkan und Marg haben von Anfang an getrennte Projekte verfolgt, mit Ausnahme von Tegel. Dafür firmieren sie offiziell beide (und Klaus Nickels). Inzwischen ist aber wohl Konsens, dass Tegel im wesentlichen von MvG entworfen wurden, in Weiterentwicklung seiner Diplomarbeit. So zumindest mein Wissensstand per heute.
Im Heidenreich hängt, scheint´s, der Himmel nicht voll Gendersternen!? Doch sollte dies kein Grund sein, auch zu meiden die Adverbien?