Keine einfachen Antworten, bitte
Zum Auswahlmechanismus der Gründungsdirektion der Berliner Bauakademie
Im November 2016 hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages überraschend 62 Millionen Euro für die „Wiedererrichtung der Bauakademie“ freigegeben. Nun nimmt das wichtigste baukulturelle Vorhaben Deutschlands, die Wiedererrichtung der Berliner Bauakademie, Formen an. Ende des Monats entscheidet eine neunköpfige Findungskommission über die zwei ausgeschriebenen Stellen der Gründungsdirektion der neuen „Bundesstiftung Bauakademie“. Wer sind die Mitglieder der Kommission? Und was bedeutet ihre Entscheidung für den Wiederaufbau des verlorenen Gebäudes gegenüber dem Berliner Stadtschloss, pardon, Humboldt-Forum?
Von Florian Heilmeyer
Seit dem dreiteiligen Dialogforum der Bundesstiftung Baukultur im Jahr 2017 steht der Wiederaufbau der Bauakademie unter dem Motto „So viel Schinkel wie möglich“. Dieses Motto ist biegsam in jede Richtung und dient wohl vor allem der vorläufigen Befriedung der Debatte darüber, wie weit das historische Gebäude originalgetreu rekonstruiert werden muss oder ob es nicht doch zeitgenössisch interpretiert werden darf. Eine Entscheidung darüber ist mit diesem Motto jedenfalls noch keineswegs getroffen. Die Bundesregierung und das Bau- und Innenministerium hatten aber die Ruhe in den letzten 18 Monaten nötig, denn hinter den Kulissen wurde fleißig an der Struktur der neuen Stiftung gearbeitet: Anders als beim Wiederaufbau des Stadtschlosses soll bei der Bauakademie erst über die Inhalte und die damit verbundenen Personalien nachgedacht und entschieden sein, bevor es um die Gestaltung des Gebäudes geht — dies war eine zentrale Erkenntnis aus dem Dialogforum. So wurde statt des geplanten Realisierungs- ein „Programmwettbewerb“ durchgeführt, der 2018 mit einem Potpourri an Ideen, mit fünf Gewinnern und nochmal fünf Ausgezeichneten endete. Wer angesichts der Ergebnisse eine konkrete Entscheidung für die Inhalte der kommenden Bauakademie vermisste, der hatte nicht verstanden, dass es beim Wettbewerb vor allem darum ging, Grundlagen für die noch zu errichtende Stiftungsdirektion zu legen – und den politischen Prozess am Laufen zu halten.
Denn es ist überraschend, wie schadlos die Idee einer neuen Bauakademie erst die Bundestagswahl 2017 und dann die folgenden personellen Wechsel überstanden hat. Dass mit den Staatssekretären Gunther Adler und Florian Pronold zwei maßgebliche Antriebskräfte in andere Arbeitsfelder wechselten, hat den Prozess kaum verlangsamt. Noch bevor Anne Katrin Bohle neue Baustaatssekretärin wurde, gründete die Bundesregierung im Januar 2019 die neue Bundesstiftung Bauakademie, finanziert hauptsächlich vom Bund und vom Land Berlin. Im Juni wurden die beiden Direktionsstellen ausgeschrieben, die Bewerbungsfrist endete am 20. Juli. Die erste Runde der Bewerbungsgespräche ist bereits abgeschlossen. Es ist von einem „extrem kleinen Kreis“ an Bewerbern die Rede, die sich Ende September vor der neunköpfigen Findungskommission vorstellen werden. Diese entscheidet über die zweiköpfige Gründungsdirektion der neuen Bauakademie, denn gesucht wird eine Doppelspitze für die kaufmännische einerseits und für die inhaltliche Kompetenz andererseits. Erst diese Doppelspitze soll dann, die Ergebnisse des Programmwettbewerbs nutzend, die inhaltlichen Grundlagen für die neue Institution festlegen. Wie viel Autonomie die Direktion für ihre Entscheidungen reklamieren kann, wird auch vom Gewicht der gewählten Personen abhängen.
Stiftungsrat und Findungskommission
Bevor die Entscheidung der Kommission verkündet wird, lohnt sich ein Blick auf die Mechanismen dieses Prozesses: Im Januar wurde der neunköpfige Stiftungsrat benannt, der sich satzungsgemäß aus Vertretern der beteiligten Ministerien, des Landes Berlin sowie aus fünf Abgeordneten des Bundesrats zusammensetzt. Namentlich sind dies: Staatssekretärin Anne Katrin Bohle für das Bauministerium, Bettina Hagedorn (SPD) für das Finanzministerium und Michelle Müntefering (SPD) für das Auswärtige Amt sowie Senatsbaudirektorin Regula Lüscher für das Land Berlin. Die fünf Abgeordneten sind Michael Kießling und Torsten Schweiger für die CDU/CSU, Johannes Kahrs für die SPD, Hagen Reinholt für die FDP und Frank Magnitz für die AfD. Dass weder Grüne noch Linke im Stiftungsrat vertreten sind, entspricht dem Proporz des aktuellen Bundestags. Die Fachkompetenz dieses Gremiums für den Bereich Bauen scheint hauptsächlich durch die Personen Bohle, Lüscher und Kahrs abgedeckt.
Von den wenigsten aus dem Stiftungsrat sind bisher klare Äußerungen zur Bauakademie bekannt. Bohle hat bislang eher den Wohnungsbau als Thema beackert. Neben Bohle könnte die interessanteste Person in diesem Kreis Johannes Kahrs sein, seit vielen Jahren Mitglied im Haushaltsausschuss. Seit 2014 ist er auch haushaltspolitischer Sprecher der SPD, was eine gewisse Macht mit sich bringt: In den Haushaltsausschüssen werden die Gelder verteilt, Kahrs, als Freund von historischen Fassadenrekonstruktionen bekannt, gilt hier als versierter Politiker, der mittels Geldverteilung aktiv Politik gestaltet. Sicher war er auch einer der Weichensteller für das Projekt, als der Haushaltsausschuss 2016 die 62 Millionen Euro bewilligte. Neben dem Platz im Stiftungsrat sitzt Johannes Kahrs auch in der neunköpfigen Findungskommission, die im Mai vom Stiftungsrat benannt wurde und die über die Bewerbungen für die Direktion der Bauakademie entscheiden wird. Dass er sich sowohl für einen Platz im Stiftungsrat als auch in der Findungskommission zur Verfügung stellt, ist ein klares Zeichen dafür, dass er dem Projekt nach dreijähriger Diskussion nun auch bei der Realisierung persönlich ein wenig mehr Schwung verleihen möchte.
Insgesamt hat die Findungskommission neun Köpfe, die vom Stiftungsrat benannt wurden: Neben Kahrs haben Hagedorn, Bohle, Müntefering und Schweiger hier einen Platz. Hinzu kommen aus dem BMI Ralf Poss, Leiter der Unterabteilung Bundesbauten, sowie Christine Hammann, Leiterin der Abteilung Bauwirtschaft, Bauwesen und Bundesbau. Diese beiden werden mit großer Wahrscheinlichkeit später auch direkt mit der Umsetzung des Baus zu tun haben. Außerdem wurden mit Barbara Ettinger-Brinckmann und Hans-Ullrich Kammeyer Präsidentin und Präsident der Bundesarchitekten- und der Bundesingenieurkammer hinzugeladen.
Auffällig ist, dass in dieser „Jury“ zwar politische und bauliche, aber nur wenig kuratorische oder künstlerische Expertise zu erkennen ist – obwohl doch von den Bewerbern insbesondere auch kuratorische Fähigkeiten verlangt werden. Die Kommission folgt eher derselben politischen Besetzungslogik wie der Stiftungsrat. Während dort aber die Zusammensetzung für eine Stiftung im Aufbau sinnvoll erscheint, wäre in der Findungskommission ein Mehr an fachlicher Expertise für die kommenden Inhalte im Haus wünschenswert. Denn womit werden die Bewerber antreten, wenn nicht mit einer inhaltlichen Konzeption für die Bauakademie? Doch nicht mit ihren Vorstellungen, wie viel Schinkel in der Fassade möglich ist?
Wie viel Schinkel wird es denn nun?
Die Entscheidung über die zwei Personen der Gründungsdirektion ist mehr als eine Personalfrage. Es ist eine Frage der Konzepte. Die neue Direktor*in und Vizedirektor*in werden den Entstehungsprozess der Bauakademie in erheblichem Maße bestimmen, lange bevor der erste Bagger am Kupfergraben steht. Laut Stellenausschreibung gehört zu ihren ersten Aufgaben die „Entwicklung eines tragfähigen inhaltlichen Konzepts“, aus dem das „bauliche Programm für das Gebäude“ und also die Grundlagen für den Realisierungswettbewerb abgeleitet werden. Und das wird wohl der Knackpunkt im weiteren Verlauf: Für welche Inhalte wird die Gründungsdirektion und damit auch die Neue Bauakademie stehen? Man muss es so oft wie möglich sagen: So eine Chance kommt äußerst selten. Eine neue baukulturelle Stiftung, die erst über ihre Inhalte und dann über ein historisch eminent wichtiges Gebäude entscheidet. In einem sind sich wohl alle einig: Eine überzeugende Bauakademie kann nur im Einklang von Inhalt und Form entstehen. Nur eine schlüssig von innen nach außen führende Argumentation wird die umstrittene Frage, wie viel Schinkel möglich ist, beantworten können.
Man kann in diesem Zusammenhang derzeit noch hoffen, dass die neue Direktion diese Frage nicht zu einer persönlichen macht und dass der kommende Realisierungswettbewerb entsprechend so offen ausgeschrieben wird, dass jede überzeugende Antwort zulässig bleibt. Denn nur dann bliebe genug Raum für die teilnehmenden Architekten und eine so ungewöhnliche und mutige architektonische Lösung, wie es zum Beispiel Kuehn Malvezzis Backstein-Stadtschloss gewesen wäre, müsste nicht wieder mit einem ungewöhnlich hoch dotierten Sonderpreis abgespeist werden.
Neue Inhalte mit einer historischen Hülle zu verbinden, stellt eine komplexe Aufgabe dar, die schwer zu lösen ist – misslungene und nicht so misslungene Beispiele dafür lassen sich entlang des Berliner Kupfergrabens genügend bestaunen. Mit der anstehenden Personalentscheidung wird vermutlich bereits deutlich werden, wie ernst alle Beteiligten die Gedankenoffenheit für den weiteren Prozess nehmen. Es ist aber gerade bei diesem wichtigen Projekt zu wünschen, dass die Offenheit jener Offenheit gleichkommt, die die historische Bauakademie einst überhaupt erst möglich gemacht hat. Die Antwort auf die komplexen Fragestellungen dieser „Wiedererrichtung“ fallen hoffentlich endlich einmal nicht allzu einfach aus.
Der Autor verfolgt die Initiativen zur Wiedererrichtung der Berliner Bauakademie seit langem intensiv. 2017 beteiligte er sich am Dialogforum der Bundesstiftung Baukultur und veröffentlichte zusammen mit Oliver Elser und Ulrich Müller Zehn Thesen zu einer neuen Bauakademie.
Mehr zur Berliner Bauakademie in der BAUNETZWOCHE #498 „Was heißt hier Schinkel?“
Es dreht sich um das Bauwesen im weitesten Sinne. Architektur belegt in diesem Rahmen allerdings nur ein kleines Feld. In der Bundesstiftung Bauakademie soll zunächst ein Bespielungs- und Verwaltungskonzept erarbeitet werden. Das ist die Aufgabe eines Intendanten und keines künstlerischen Leiters. Es ist also jemand mit Verwaltungserfahrung gefragt. Und darüber dürfte der ernannte Gründungsdirektor verfügen.
Sie beweisen eindrucksvoll, wie falsch es ist Fachfremde an die Architektur zu lassen.
Die Opposition ist nicht neu, trifft die Situation aber nicht. Es ist zwar zutreffend, dass die Stellenauscchreibung recht hoch gestochen war und diese auf den Ernannten wortwörtlich genommen zum Teil nicht zutrifft. Die Kritiker der Entscheidung übersehen aber unverändert, dass die von Schinkel gebaute aber bereits 1799 gegründete Bauschule wieder belebt werden soll, und dass die Themen um Architektur, Bauwesen und Stadtentwicklung unter dem Motto "so viel Schinkel wie möglich" im Fokus stehen sollen. Da können museale Bestandteile einbezogen sein, sie stehen aber nicht im Vordergrund. Vielmehr kommt es jedoch darauf an, künftig dem Bereich der Wertschöpfungskette Bauen, die einen der größten Beiträge zum Bruttosozialprodukt in Deutschland leistet, die dringend erforderliche Plattform hinsichtlich Wissenschaft und Forschung auf diesem Gebiet, um den Ausbau dieser Position, die an frühere Traditionen anknüpft, zu bieten, wenn die Deutsche Bauwirtschaft im umfassenden Sinne bei Berücksichtigung der Folgen der Digitalisierung eine führende Stelle in der Welt wieder einnehmen will. Ferner gilt es, einen Ort zu schaffen, um den bedeutenden preußischen Architekten, Maler, Denkmalschützer und Beamten zu würdigen. Herr Staatssekretär Pronold hat sich seit dem Beschluß des Bundes, die Bauakademie wieder zu errichten, mit dem Thema Bauakademie intensiv befaßt. Im Auftrag des seinerzeitigen BMUB führte die Bundesstiftung Baukultur im 1. Halbjahr 2017 öffentlich gut besuchte Bauakademieforen unter Mitwirkung von Herrn Staatssekretär Pronold durch, die mit einer Machbarkeitsstudie endeten. Diese sollte dann in einen Realisierungswettbewerb Eingang finden. Der Bund mißt dem Bauwesen eine hohe Bedeutung zu. Für die Umsetzung der Baumaßnahme dürfte in dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) die nötige Fachkompetenz gegeben sein. Daß für die Leitung der Bundesstiftung Bauakademie dann jemand verantwortlich sein soll, der sich langjährig mit dem Bauwesen beschäftigt hat, ist – auch unter Berücksichtigung des Finanziers und Grundstückseigentümers – zwingend. Und dafür ist ein architektonischer Hintergrund allerdings nicht zwangsläufig wie eine z.B. eine Schauspielhausintendanz keiner künstlerischen Ausbildung oder Erfahrung bedarf; ja, diese könnte sogar schädlich sein, wie Beispiele zeigen. Dies trifft auch auf das Aufgabengebiet der Bundesstiftung Bauakademie zu. Insoweit ist die Wahl eines Juristen statt einer Architektin oder eines Architekten bzw. einer Museumsfachfrau bzw. eines Museumsfachmanns eine durchaus richtige sachbezogene Entscheidung.
Lassen Sie doch verschiedene Ideen gegeinander antreten und dann möge die Beste gewinnen. Der Förderverein kann ja gerne wieder mit antreten, so wie beim Programmwettbewerb. Und gestatten Sie mir eine letzte Bemerkung, die mir wichtig ist: die zur Verfügung stehenden "Fördermittel" des Bundes "verfallen" nicht. Öffentliche Gelder verfallen nie. Sie werden nur für etwas anderes (und vielleicht im Zweifelsfalle sinnvolleres) verwendet. Beste Grüße.
Hallo, lieber Herr Lars K Hier ein kleiner Rückblick. Heute vor genau 66 Jahren wurde zum 2. Mal das Richtfest für die Rekonstruktion der Bauakademie nach dem Zweiten Weltkrieg begangen. In dem Gebäude sollte die "Deutsche Bauakademie der DDR" untergebracht werden. Daraus wurde jedoch nichts, da dem Richtfest keinen weiteren baulichen Aktivitäten folgten. Die Bauakademie stand der seinerzeitigen sozialistischen Stadtplanung im Wege. Sie wurde abgebrochen, um auf dem Schinkelplatz das Außenministerium der DDR zu errichten. Der Plan, die Bauakademie vor dem Gebäude der ehemaligen Reichsbank wieder zu errichten, verlief im Sande, und die Institution Bauakademie wurde im Bereich des Baumysteriums untergebracht. Wenn es sich um den Wiederaufbau der Bauaakdemie dreht, dann ist das Äußere, also die Fassade etwas, was im Lauf der Zeit bis 1961 fast nicht verändert worden. Im Inneren gab es jedoch mehrere Veränderungen, von denen die, welche Richard Lucae vorgenommen hat, die aufwendigsten, wenn auch sinnvollsten waren. Das neue Treppenhaus diente der besseren Erschließung des Gebäudes. Wenn man die Baupläne für den Wiederaufbau 1953 von Richard Paulick wählt, dann gäbe es eine weitere Fassung. Da das Innere der Bauakademie laufend nutzungsorientiert umgebaut worden ist, wäre das auch in den Jahren nach 1953 geschehen, um auch neue Vorschriften umzusetzen. Insoweit können aktuelle Vorschriften durchaus umgesetzt werden wenn die durch die Fassade vorgegebenen Schinkelschen Proportionen und Raster berücksichtigt werden. Die Arbeitsgemeinschaft des Fördervereins Bauakademie, die sich an dem Bauakademieprogrammwettbewerb beteiligte, hat diesen Spagat gewagt, und auch vorgeschlagen einige Räume im Original nachzugestalten. Details können Sie der Homepage des Fördervereins entnehmen (www.foerderverein-bauakademie.de). Ihrem Vorschlag, nur die Fassade wieder zu errichten und im Inneren das Biotop zu belassen (und zu entwickeln), ist nicht zielführend, da dann ein großer Teil der zur Verfügung stehenden Finanzierungsmittel verfallen würden. Dann könnte auch eine preiswertere Lösung, nämlich die Erneuerung der Simulationsplanen bei Sicherung des Gerüsts vorgenommen werden. Aber auch dann bliebe das Biotop letztlich von außen unsichtbar. Ihr Vorschlag, die Ausschreibung offen zu lassen, führte letztlich dazu, die bereits Jahrzehnte lange Diskussion über die Sinnfälligkeit von historischen Rekonstruktionen, kritischen Rekonstruktionen, Errichtung von Gebäuden als Weiterentwicklung und Interpretationen im Geiste Schinkels, zeitgenössische gegenwartsbezogene Architektur und neue - also noch nicht bekannte Architektur von vorne zu beginnen. Dabei geht doch allein schon aus dem Wort Wiederaufbau, das in dem Bundestagsbeschluss zur Bauakademie verwendet wird, hervor, was gemeint ist. Warum wird das immer wieder in Frage gestellt?