Göttlicher Irrsinn
Wohnturm von Farshid Moussavi in Montpellier
In einem Außenbezirk südostlich der Stadt Montpellier haben Farshid Moussavi Architects (London) einen Wohnturm mit 36 Appartments auf einer ehemaligen Industriebrache realisiert. Der Folie Divine ist Teil des Stadtentwicklungsgebiets Îlot M2, das nach einem Masterplan von Christian de Portzamparc entwickelt wird und insgesamt zwei der hier französisch bezeichneten folies vorsieht. Diese „gebauten Narreteien“ ohne unmittelbare Funktion dienten in der historischen französischen und englischen Gartenbaukunst der spielerischen Bereicherung der Natur. Heute werden sie gerne in der zeitgenössischen Stadtentwicklung als Landmarks interpretiert – wenn auch meist wie hier in Montpellier mit eindeutigem Programm.
Die Narretei des Neubaus ist denn auch vor allem in der Fassade zu suchen, deren Wellenbewegungen durch einen rigiden vertikalen Kern und geschickt gesetzte, tragende Fassadenelemente ermöglicht werden. Das erlaubte es auch, mehr als die fünf geforderten verschiedenen Wohntypen zu gewährleisten. Auf jedem der neun Geschosse konnten die Wände flexibel platziert werden, was sehr individuelle Grundrisse erlaubte. Einer der Eigentümer fasste sogar zwei Etagen zu einer Wohneinheit zusammen. Das Appartementgebäude erreicht die maximal im Masterplan zugelassene Höhe, was einigen Bewohnern den Blick aufs Meer oder Stadtzentrum ermöglicht. Außerdem lässt der kompakte Baukörper eine Gartenfläche von 260 Quadratmetern auf dem Grundstück zu.
Die markante Fassade wird von dem gewelltem, anodisiertem Aluminium sowie den kurvenförmigen Boden- und Deckenplatten bestimmt. Diese sind so platziert, dass die Privatsphäre der Balkone und Außenbereiche respektiert wird. Auch doppelgeschossige Bereiche entstehen, weil die Wellen leicht versetzt sind. Die verschiedenen Maßstäblichkeiten des Aluminiums unterstreichen die kurvige Form noch zusätzlich. Ihre Materialität wird mit grauen Vorhängen, die nicht nur als Sicht-, sondern auch als Sonnenschutz fungieren, optisch fortgeführt.
Das Appartementhaus ist bereits der zweite Auftrag des französischen Wohnungs- und Bürobauunternehmens Les Nouveaux Constructeurs, das seine Qualität durch die kleinen Details und viel Flexibilität im Wohnraums erhält. Zusammen mit Bauten von Jacques Ferrier oder Jean-Paul Viguier entsteht damit in der südfranzösischen Stadt fast ein lokaler Trend. (rc)
Fotos: Paul Phung
Die Frage der Rettungswege ist in Frankreich m.W. unabhängig von der Eigenschaft als Hochhaus: Ist das Gebäude nicht anleiterbar, so muß ein "geschütztes Treppenhaus" vorhanden sein. Das ist unabhängig davon, ob das Gebäude nun aufgrund der Höhe (über 22 m, wie in Deutschland) oder aus anderen Gründen nicht anleiterbar ist. Durch eine Höhe von mehr als 22 m wird also ein sicherer baulicher Rettungsweg erforderlich, aber das Gebäude wird aus diesem Grund noch nicht zum Hochhaus, genausowenig, wie wenn die Anleiterbarkeit aufgrund von Hindernissen vor dem Haus nicht gegeben wäre.
Interessant ist, daß in Frankreich ein Treppenhaus als sicherer Rettungsweg gilt, wenn es lediglich durch eine entsprechende Tür vom Flur getrennt ist. In Deutschland ist hierfür bekanntermaßen entweder eine Druckbelüftung plus Sicherheitskaskade (also zwei zwischengeschaltete Räume) oder ein offener Gang erforderlich.
Es wäre sicher aufschlußreich, nachzuforschen, welche praktischen Erfahrungen die Franzosen mit dieser Lösung gemacht haben, also wieviele Menschen in den vergangenen Jahrzehnten bei Hochhausbränden ums Leben gekommen sind, die gerettet worden wären, wenn der Rettungsweg deutschen Vorschriften entsprochen hätte.
Daraus könnte man dann schlußfolgern, ob die französischen Vorschriften grob fahrlässig oder die deutschen Vorschriften leicht übertrieben sind ...
Dass die Rettungswegsituation hier den Vorgaben entspricht, nehme ich mal an. Die interessante Frage ist daher: Wieso ist in Frankreich eine gewendelte Treppe in einem Nicht-Sicherheitstreppenhaus als einziger Fluchtweg möglich und bei uns nicht? Haben die Feuerwehren längere Leitern? Ist das Gefahrenbewusstsein geringer? Gibt es eine Sprinkleranlage im Haus?
aber sieht sehr leicht und elegant aus :) gefällt mir besonders die Fassade Material und Vorhänge....