Suburbane Variation
Wohnhaus in London von Wadhal
Einhunderteinundzwanzig, einhundertzweiundzwanzig, einhundert… Wer durch die Straßen des Londoner Vororts Ruislip läuft, kann, wie in vielen Suburbs der britischen Metropole, die klassischen Schäfchen durch Häuser ersetzen. Bald schon hat man jegliche Distinktionsversuche der immer gleichen Bautypen gesehen. Spaziergänger sollten allerdings aufpassen, dass sie beim Häuserzählen nicht völlig abschalten, denn sonst könnten sie in den endlosen Reihen einen kleinen Störenfried verpassen: das Wade House.
Das Londoner Büro Wadhal hat sich damit an eine Variation des Immergleichen herangetraut. Ruislip gehört zum sogenannten Metroland. Seine typisch suburbane Bebauung entstand in der Zwischenkriegszeit, als die Metropolitan Railway vor allem Gebiete nordwestlich von London erschloss und anliegende Grundstücke für Wohnsiedlungen vermarktete. Besonders für Entwickler, die Arbeiter*innen ein ländliches Familienleben mit rascher Anbindung in die Stadt bieten wollten, war das attraktiv. Ruislip wuchs so bis 1939 um über 2.200 Häuser – fast ausschließlich in zwei Typen ausgeführt.
Wer beim meditativen Spaziergang schon in den Halbschlaf gefallen ist, dürfte auch das Wohnhaus von Wadhal nicht bemerken. Die zuständige Behörde des Londoner Bezirks Hillingdon schrieb vor, dass der Neubau dem benachbarten Doppelhaus aus den 1930er Jahren gleichkommen müsse. Was die Kubatur angeht, hielten sich die Architekt*innen an die Vorgaben. Der Baukörper, der zwei abgerissene Garagen ersetzt, übernimmt Grundform, Traufhöhe, Firstlinie und Dachneigung. Beim Material allerdings leistete man sich eine freiere Interpretation.
Architekt Fahad Malik, Gründungspartner von Wadhal sagt: „Diese Stadtviertel verdienen mehr als nur eine Nachbildung. Das Wade House wirft die Frage auf, wie man etwas Zeitgenössisches schaffen kann, ohne dabei das Vorherige zu missachten.“ Statt gewöhnlichem Klinker im Sockelbereich lassen Wadhal einzelne Steine hervorstehen. Darüber ersetzt glatter, weißer Putz den Rauputz des Vorbilds.
Den markantesten Teil vereinfachten die Architekt*innen. Wo sich bei den Nachbarn an der Front ein halbrunder Erker mit aufgesetztem, rustikal gestaltetem Giebeldach befindet, sieht man bei Wadhal ein halbes Achteck mit einem Giebel in deutlich schlichterer Holzverkleidung. Die Eingangstür lässt sich als fortgeführte Tradition lesen. Wie auch bei den übrigen Häusern ist sie die Visitenkarte der Bewohner*innen. Hier als Buntglasfenster von Künstler Jack Brindley.
Die 70 Quadratmeter Wohnfläche entsprechen laut Architekt*innen der in London vorgeschriebenen Mindestgröße für ein Wohnhaus mit zwei Schlafzimmern. Innen verzichteten sie auf Flure. Im Erdgeschoss gibt es neben einem kleinen Eingangsbereich und einer Toilette nur ein großes Wohn- und Esszimmer. Eine Kücheninsel auf Rollen erlaubt eine flexible Einrichtung dieses Raums. Hinter der zusätzlichen fest verbauten Küchenzeile windet sich die Treppe nach oben, wo die Schlafzimmer unter der offenen Dachkonstruktion von knapp vier Meter Raumhöhe profitieren. Für das Holz kam Douglasie, für den Boden im Erdgeschoss rote Tonfliesen zum Einsatz. Wadhal sprechen von einer skandinavisch anmutenden Spa-Atmosphäre. (mh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Wadhal
- Statik:
- Constant SD
- Bauherrschaft:
- privat
- Fläche:
- 70 m² Wohnfläche