Forum der Physik am Englischen Garten
Wettbewerbsentscheidung für Neubau der LMU München
„Beste Lage für Weltklassephysik“ nennt es Bernd Sibler, bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst bei der Verkündung einer Wettbewerbsentscheidung am vergangenen Montag, die einen prominenten Baustein für den neuen Physik-Campus der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München hervorbringen wird. Direkt am Englischen Garten entlang der Königinstraße entstehen nach einem Masterplan des Büros kleyer.koblitz.letzel.freivogel gesellschaft von architekten in drei geplanten Bauabschnitten insgesamt acht verschiedene Neubauten für Forschung, Lehre und Technologie. Baubeginn für das Forum der Physik am südwestlichen Rand des Areals ist für 2025 geplant, eine Fertigstellung bis Ende 2027.
Bis vor wenigen Jahren noch stand das Gesamtbauvorhaben an diesem Standort unter etwas brisanteren Vorzeichen. Das Gelände besetzt ein historisch gewachsenes Ensemble von Institutsgebäuden der Tierärztlichen Fakultät der LMU, die nach Oberschleißheim in den Norden von München zieht. Die Bestandsgebäude sind nun dem Abriss geweiht, was nicht überall auf Wohlwollen stieß. Mit einer Petition und Gesuchen beim Landesamt für Denkmalpflege versuchte vor allem die Initiative Altstadtfreunde München das großformatige Neubauvorhaben zu verhindern. High-Tech-Forschung brauche jedoch moderne Gebäude, lautete 2016 die Forderung des damaligen Wissenschaftsministers Ludwig Spaenle und des amtierenden LMU-Präsidenten Bernd Huber.
Der Neubau des Physik-Forums, nach dem bereits eingeweihten Nano-Institut von ebenfalls kleyer.koblitz.letzel.freivogel ein zweiter Pfeiler des Gesamtprojekts, soll sowohl städtebaulich als auch inhaltlich eine Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit schaffen. Das Areal wird sich dabei anders als bisher sowohl zur Stadt als auch zum Park hin öffnen. Der erste Bauabschnitt markiert von der Veterinärstraße kommend den südlichen Zugang zum Campus. Auf 4.800 Quadratmetern finden nicht nur Hörsäle, Seminarräume und Student*innenarbeitsplätze, Büro- und Laborräume für drei Lehrstühle der Meteorologie mit Wetterwarte sowie der Lehrstuhl für Didaktik Platz. Auch sollen Ausstellungs- und Veranstaltungsräume und eine Cafeteria den Dialog mit der Öffentlichkeit fördern und dabei helfen, aktuelles Forschungsgeschehen nach außen zu vermitteln.
Der 1. Preis aus 23 eingereichten Arbeiten ging an das Architekturbüro agn Niederberghaus & Partner (Ibbenbüren). Bei der Jury unter Vorsitz von Markus Hammes kam insbesondere der gläserne Sockel, der die Schnittstelle zum öffentlichen Raum und Diskurs abbildet, gut an. Es habe sich bei der Entwurfsaufgabe darüber hinaus die Frage gestellt, wie viel Eigenständigkeit innerhalb des Campus ein solches Gebäude entwickeln darf oder ob es eher als Teil einer gestalterischen Einheit verstanden werden sollte. „Insgesamt besticht der Entwurf durch seine präzise Durcharbeitung, das spannende räumliche Angebot, die klare ästhetische Haltung wie auch die Interpretation des Bebauungsplanes als eine gestalterische Ganzheit“, so die Antwort der Jury im abschließenden Statement.
Die Preise und Anerkennungen verteilen sich wie folgt:
- 1. Preis: agn Niederberghaus & Partner (Ibbenbüren)
- 2. Preis: Reinhard Bauer Architekt (München) mit Hackl Hofmann Landschaftsarchitekten (Eichstätt)
- 3. Preis: HENN (München) mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten und Stadtplaner (München)
- 4. Platz: AV1 Architekten (Kaiserslautern) mit HDK Dutt & Kist (Saarbrücken)
- Anerkennung: Bär, Stadelmann, Stöcker Architekten und Stadtplaner (Nürnberg) mit Jetter Landschaftsarchitekten (Stuttgart)
- Anerkennung: Schulz und Schulz Architekten (Leipzig) mit Därr Landschaftsarchitekten (Halle)
Für den Abriss der Tierärztlichen Fakultät und den Neubau der Physik sind die Weichen also gestellt. Ebenfalls am vergangenen Montag fand jedoch zufällig unweit des LMU-Campus der Festakt zum 50. Jubiläum der Bayerischen Architektenkammer statt. Passenderweise ging es hier um die Thematik ähnlich gelagerter Neubauprojekte. Während die geladene Politikprominenz immer noch für das „Bauen, Bauen, Bauen“ plädierte, konnten unter anderem Anna Heringer und Muck Petzet eindringlich deutlich machen, dass Umbau das Gebot der Stunde ist, wenn Architektur klimagerecht und zukunftsorientiert sein will. So stehen derzeit auch an anderen Stellen im Münchner Stadtraum dem Tod geweihte Großstrukturen, die Platz für neue Ersatzbauten machen sollen.
Während der Wunsch nach einem High-Tech-Neubau im Kontext eines Physik-Instituts vielleicht verständlich ist, bleibt am Ende also trotzdem die Frage, ob öffentliche Bauvorhaben nicht mit gutem Beispiel vorangehen sollten. Die Fachdiskussion am Abend konnte dahingehend als deutlicher Appell an die Politik für ein neues Bestandsbewusstsein verstanden werden. (sab)
ich geb ja zu großen Teilen Recht, ABER dennoch muss man ja irgendwo mit einer Transformation
anfangen...und das wäre tatsächlich
mal eine Öffnung/Änderung der hiesigen Verfahren !
Mal auch sogar Universitäten oder andere Disziplinen in Verfahren involvieren, mehr junge Büros, mehr Wille seitens der Politik und Bauherren zur Veränderung.
Sonst wird sich nie etwas ändern.
nach fast 18 jahren im geschäft verliere ich u.a. durch solche wettbewerbsergebnisse, letztlich durch die allgemeine situation in der deutschen architekturlandschaft, immer mehr die lust, in diesem verkorksten und vermurksten wirtschaftszweig mitzumischen. das eine sind wettbewerbsjurys, die vermutlich in basisdemokratischer mutlosigkeit entscheidungen treffen wie in dem hier gezeigten verfahren. das andere: wir architekten reiben uns auf zwischen ständigen kostenüberschreitungen, energetischen und anderen bauphysikalisch-brandschützerisch-technischen zwängen sowie heuchlerischen nachhaltigkeitsdiskussionen. dabei haben wir vielfach mit geschmacklosen, rechthaberischen bauherren zu kämpfen, denen ihr auto, ihr gasgrill und die pflegeleichtigkeit ihrer immobilien (schottergärten!) wichtiger sind als solide bauweise und gestaltung. die technokratische richtigkeit der baulichen ausführung wird schlussendlich unter zuhilfenahme von gutachtern erstritten, weil das maßlos überteuerte handwerk aufgrund von personal-/nachwuchsmangel und fehlender kompetenz nicht mehr in der lage ist, selbst die einfachsten aufgaben abzuarbeiten.
aber unter uns architekten sieht es auch nicht besser aus. schon einem großteil der studierenden fehlt es an elementaren fähigkeiten und kenntnissen - kaum einer kann anständig zeichnen, von handwerklichen kenntnissen ganz zu schweigen. beides wäre ganz praktisch als grundlage für den architektenberuf. den jungen leuten kann man es nicht vorwerfen, sie haben es weder in der schule noch zuhause gelernt, nachdem sie ihre jugend vor fernseher und gaming-pc verbracht haben. im studium lernt man es dann auch nicht mehr, wenn man von professoren unterrichtet wird, die in ihren büros wettbewerbsbeiträge wie die hier gezeigten produzieren.
kurz: ich glaube, das problem liegt viel tiefer. es geht nicht um irgendwelche wettbewerbsjurys, es geht um die ganze gesellschaft, deren struktur zu genau diesen ergebnissen und zu genau dieser oft tristen gebauten umwelt führt. ein paar junge wilde können und werden das nicht retten. leider.
Und des glei von alle Büros.
Ois a Brei von Gestern.
Zeit werds, dass Zeit werd für de Jungen Wuiden!!!