Flussbad vs. Wippe in Berlin
Warum die Kritik der Denkmal-Initiatoren zu kurz greift
Die Initiatoren des Freiheits- und Einheitsdenkmals vor dem rekonstruierten Berliner Schloss sehen die Wirkung ihres Projekts durch eine Freitreppe gestört, die später Teil des Flussbades werden könnte. Ihr Anliegen fügt sich ein in eine größere Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über den öffentlichen Raum in Berlins historischer Mitte. Welche Aktivitäten sind hier in Zukunft erwünscht, wer darf und soll partizipieren? Mit ihrer Fundamentalkritik am gesamten Flussbad-Projekt konterkarieren die Denkmal-Freunde zugleich den Geist von Freiheit und Demokratie, der ihrem Vorhaben zugrunde liegt.
Von Stephan Becker
Bei vielen Bauvorhaben werden vonseiten der Gegner Scheinargumente ins Feld geführt, um eine längst gefasste, grundsätzlich ablehnende Haltung vordergründig sachlich zu untermauern. Jüngstes Beispiel ist die Kontroverse um eine Freitreppe vor dem Berliner Schloss, die bis 2023 umgesetzt werden soll. Die Treppenplanung durch bbz Landschaftsarchitekten ist letztlich der Teil der Freiflächengestaltung des Humboldt Forums, sie geht aber zurück auf das langfristige Flussbad-Projekt im Berliner Spreekanal zwischen Museums- und Fischerinsel. Die Idee von Jan und Tim Edler, die noch aus den wilden 1990er Jahren stammt, wurde im letzten Jahrzehnt zunehmend konkret. Ende 2019 gab der Senat schließlich mit dem Stadtumbaugebiet „Umfeld Spreekanal“ einen rechtlichen Rahmen für weitere Planungen vor. Und die könnten, zumindest perspektivisch, tatsächlich öffentliches Badevergnügen zurück in die historische Mitte bringen – wo es beispielsweise mit der „Badeanstalt hinter den Werderschen Mühlen“ bis vor 100 Jahren ja auch seinen festen Platz hatte.
Schon seit Jahren regt sich gegen das Flussbad-Projekt – für das noch viele Weichen zu stellen sind – aus konservativer Richtung Kritik. Offenbar möchte so mancher seine schöne Museumsinsel nicht durch fröhliche Nackte beeinträchtigt sehen. Hermann Parzinger, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz quasi der ideelle Hausherr, fürchtet beispielsweise Partys und Vermüllung und wünscht sich, dass die Menschen lieber in der Kunst baden, wie Niklas Maak lesenswert in der FAZ notierte. Dass gerade die Idee einer auratisch inszenierten Hochkultur letztlich nur später Ausdruck einer problematischen frühmodernen Reinheitsphantasie ist, die angesichts des tatsächlichen historischen Durcheinanders rund um Museumsinsel und Schloss jeglicher Grundlage entbehrt – geschenkt.
Nun folgte im Mai ein offener Brief an Bürgermeister Michael Müller, in dem dieser aufgefordert wird, den Bau der Freitreppe zu stoppen. Der kommt allerdings aus dem Umfeld eines Projekts, dem eigentlich eine weitaus menschenfreundlichere Haltung zugrunde liegt: Dem längst nur noch als „Wippe“ bezeichneten Freiheits- und Einheitsdenkmal, das an jener Stelle vor dem Hauptportal des Schlosses stehen wird, wo sich einst das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal befand. Dort soll nämlich nach Willen des Senats und finanziert im Rahmen des Programms „Nationale Projekte des Städtebaus“ direkt neben dem gerade im Bau befindlichen Denkmal besagte Freitreppe bis hinunter ans Wasser entstehen. Die könnte tatsächlich eines Tages Teil des Flussbades werden, sie hätte – man betrachte zahllose Vorbilder in anderen Städten – aber auch unabhängig von ihrer potenziellen Funktion als Badestelle ihren Reiz.
Gestern bekräftigten die Freitreppen-Kritiker ihre Haltung noch einmal im Rahmen einer Pressekonferenz vor Ort. Mitinitiatoren des Denkmals wie der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der einstige BBR-Präsident Florian Mausbach argumentierten, dass ein für die barrierefreie Erschließung der Freitreppe notwendiger Aufzug zu nah an das Denkmal rücke und damit dessen konzeptionelle und politische Wirkung beeinträchtigt werden könnte. Die Denkmal-Gestalter erwägen sogar eine Klage. Was aber im Brief zunächst nach einem diskussionswürdigen Einwand klingt, verrät dann wenige Zeilen später seine Stoßrichtung, wenn es heißt, das „sogenannte Flussbad“ sei „allein wegen immenser ökologischer Verwerfungen und sehr hoher Kosten völlig unrealistisch“ und damit abzulehnen. Mausbach wird in einem Beitrag in der Morgenpost schließlich noch deutlicher, wenn er sich ganz grundsätzlich wünscht, „lieber das Flussbad selbst zu versenken“. Und Thierse spricht beim Vor-Ort-Termin mit Blick auf das Flussbad gar von einer „baulichen Verachtung des Denkmals, das an das glücklichste Ereignis der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert“ erinnere.
Die in einem Verein organisierten Flussbad-Macher antworteten auf die Fundamentalkritik vor wenigen Tagen selbst mit einem offenen Brief an die Denkmal-Initiatoren. Sachlich und besonnen erläutern sie darin den bereits erwähnten Unterschied zwischen Treppe und Flussbad, die sich weder konzeptionell noch organisatorisch bedingen. Und des Weiteren weisen sie darauf hin, dass mit dem Schreiben der Gruppe um Mausbach und Thierse „wahllose und haltlose Behauptungen“ gegen das Flussbad verbreitet werden. Als Gegenargument führen sie fundierte Studien und Stellungnahmen von Institutionen wie den Berliner Wasserbetrieben an, die von einer grundsätzlichen Machbarkeit des Flussbad-Projekts ausgehen.
Das Polemisieren mit ungefähren Behauptungen ist es dann auch, was an der Kritik der Initiatoren des Berliner Freiheits- und Einheitsdenkmals so bedenklich stimmt. Schließlich wird hier ein demokratischer Prozess torpediert, der gerade für jene freiheitlichen Werte steht, die auch dem Denkmal zugrunde liegen. Und nicht zuletzt wäre das entspannte Nebeneinander von Sonnenbadenden und Gedenkenden das perfekte Sinnbild für jene genießende Stadtgesellschaft, die in Berlin nicht nur ganz unmittelbar der friedlichen Revolution von 1989 entsprungen ist. Sondern die hoffentlich auch als Garant gesehen werden kann gegen jegliche autoritäre Tendenzen, wie wir sie in Deutschland im letzten Jahrhundert mehrfach erleben mussten.
Auch ich hatte mich ursprünglich über den Standort und die Form des künftigen Freiheits- und Einheitsdenkmals sehr gewundert. Doch nach tieferen Informationen kann ich diesen gewählten Standort mit Beschluss und bereits erfolgtem Baubeginn verstehen. Ursprünglich stand nahezu an gleicher Stelle das von Kaiser Wilhelm II. in Auftrag gegebene Nationaldenkmal. Durch die Umbilden des 2. Weltkrieges, verbunden mit der Beseitigung der Schlossruine mit Nationaldenkmal durch die SED-Machthaber nach 1945, wurden neue Bedingungen geschaffen. Jetzt, mit der sehr gelungenen Nachschöpfung des Berliner Schlossbildes ergibt sich ebenfalls ein umfangreicher Zusammenhang mit neuer Symbolkraft an gleicher Stelle neu das Freiheits- und Einheitsdenkmal entstehen zu lassen, unter demokratischen Gesichtspunkten. Über die Form, Größe und deren umfangreicher Mechanik kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein, vielleicht wäre weniger mehr!? Ich würde es auch begrüßen, wenn neben dem Freiheits- und Einheitsdenkmal an der Spreemauer eine breitangelegte Freitreppe entstehen würde. Mit Booten könnten dort die Bürger und Touristen anlegen, über die Freitreppe neben dem neuen Denkmal laufen und stünden dann vor dem imposanten Eosander-Portal. Diese Realisierung würde ich und sicherlich viele meiner Mitbürger als ein gelungenes Ensemble empfinden. Viele Besucher von der Metropole Berlin finden mit dem Humboldt- Forum und neuen nachgegliederten Einrichtungen ein sehr großes Erlebnis vor. (Ein zu errichtendes Freibad in dieser Gegend und in diesem Ambiende finde ich völlig unpassend, zumal im Bereich der Oberbaumbrücke eine schon ähnliche Bademöglichkeit besteht.) Mit freundlichen Grüßen, Dietmar Philipp/ 31.10.2021
Und die Antwort sollte eben nicht sein: sie gehört der Vergangenheit! Gerade ein Stadtzentrum muss viel mehr sein, als nur musealisierte Demonstration bürgerlicher Werte oder touristischer Interessen, moralischer Selbstvergewisserung und Fixierung von Zeit. So gehen aktuell nicht wenige "historische" Stadtzentren Europas vor die Hunde und werden ihren Bürgern als zentraler Ort der Begegnung genommen. Vielmehr sollte die Stadt der Zukunft gehören! Und sie sollte Orte des Miteinanders einer offenen und nachhaltigeren Stadtgemeinschaft haben - Ausdruck eines demokratischen Verständnis von öffentlichem Raum. Und das gerade im Zentrum. Sich einem selbstverständlichen Miteinanders der für diesen Raum geplanten Elemente zu verwehren, erscheint mir, wie der Versuch sich ein exklusives Parthenon zu schaffen. Das kann und wird nicht gutgehen.
eben DET IS BERLIN! nicht die kranzniederlegenden schlipsträger die betreten daherschauen, im schloss prosecco trinken und dann wieder zurück in ihren landkreis fahren....