Gelassenheit mit Silberweide
Freiflächengestaltung am Humboldt Forum von bbz landschaftsarchitekten
Noch zeichnet sich nur eine dünne Silhouette einiger Jungbäume vor dem Humboldt Forum ab, aber in den nächsten zehn Jahren werden die Lederhülsenbäume vermutlich zu einem beachtlichen Hain vor der Nordfassade des wiederaufgebauten Berliner Schlosses heranwachsen. Dabei werden sie mit ihrem bizarren, bis zu 20 Meter hohen Wuchs einen historischen Gebäudeteil des Schlosses nachzeichnen, der in der jetzigen Stella’schen Rekonstruktion übergegangen wurde: den Apothekerflügel. Ob der lauten Berichterstattung um die Eröffnung des Humboldt Forums ging die Nachricht etwas unter, aber mit der Fertigstellung des Berliner Schlosses haben auch bbz landschaftsarchitekten (Berlin) ihre Gestaltung der Freiflächen um das rekonstruierte Bauwerk weitestgehend abgeschlossen.
Lediglich die Arbeiten an der Schlossfreiheit im Westen – mit der noch zu realisierenden, viel debattierten Einheitswippe – werden erst in diesem Jahr begonnen, doch mit den fertiggestellten Bereichen verdeutlichen bbz bereits ihr vielseitiges Konzept einer zeitgemäßen Anlage mit historischen Bezügen einerseits und thematisch-vegetativen Räumen andererseits. Es brachte ihnen 2013 den ersten Preis eines offenen freiräumlichen Wettbewerbs der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. „Die Balance zwischen identitätsstiftender Einheitlichkeit des Freiraums und einer räumlichen Differenzierung der Teilbereiche ist gelungen“, urteilte die Jury damals.
Geradzu lautlos werfen bbz in ihrer historischen Bezugnahme auch das Dilemma zwischen Erhalt, Rekonstruktion und Leerstelle auf, das an diesem Ort in Berlins Mitte auf besonder Weise ausgetragen wird: Im Süden am Vorplatz des heute denkmalgeschützten ehemaligen Staatsratsgebäudes der DDR etwa rekonstruierten bbz in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt originalgetreu den Belagsteppich aus Grauwake Mosaikpflaster und großformatigen Granitplatten. Daneben zeichnet der Hain aus nordamerikanischen Lederhülsenbäumen an eben diesem Vorplatz auch das nicht mehr existierende Gebäudeensemble „An der Stechbahn“ nach.
Jede Seite des Schlosses gestalteten die Landschaftsarchitekten atmosphärisch anders: Folgt die Spreepromenade im Osten mit den zwei Silberweiden am Ufer einem eher romantischen Bild, so vermitteln die Schlossterrassen im Norden den Gedanken des wissenschaftlichen, gestalteten Gartens. Hierfür entwarfen bbz drei verschiedene Pflanzentableaus wie sie Alexander von Humboldt in seinem Konzept zur Pflanzengeografie beschrieben haben soll. Im Süden wiederum wurde mit einer durchgehenden Bepflasterung eine geradezu harte Urbanität geschaffen.
195 Sitzbänke, 135 Stühle und Sessel zur freien Nutzung, 35 historische Schupmannkandelaber, 16 Stelen für Platz- und Fassadenbeleuchtung, 500 Meter Lichtlinien und vor allem: eine 33.000 Quadratmeter große Bepflasterung mit Naturstein auf einer Gesamtfläche von 36.500 Quadratmetern. „Die konsequente Reduktion auf ein Steinmaterial“, schrieb die Jury 2013 zum Wettbewerbsergebnis, „und dessen durchgängiger Gebrauch für vertikale und horizontale Flächen schaffen eine gelassene neue Identität“. Gelassenheit tut gut für einen derart kontrovers diskutierten Ort, es ist bei so viel Pflaster aber eine recht steinerne Gelassenheit. (sj)
Fotos: Lichtschwärmer
Mit seiner egalitären Traufgleiche und seiner schlichten Blockhaftigkeit ist es die Blaupause für unser so geliebtes Gründerzeitberlin. Fast bürgerlich.
Beides sind Städte mit autofreien Zentren, d.h. die großzügigen Freiflächen werden nicht von Straßen zerschnitten sondern von wohlproportionierten Fassaden eingefasst. Dort steht der Mensch auf der Bühne, dem Platz; er ist im Mittelpunkt. Hier haben wir eine autistische Schlosskiste, die plump die Mitte besetzt, um welche sich Restflächen ausbreiten, die mehr oder weniger zufällig an Straßen und "Kanalpromenaden" stoßen. Dem Menschen wird in dieser Konstellation weitaus weniger Raum oder Geltung zugestanden als in Sienna oder Venbedig.
warum müssen wir eigentlich aktuell alles liebenswerte, echte, kleinteilige zugunsten dieser hypercoolen, sterilen, anonymen, steinernen einheitsgestaltung plattmachen? allerorten wird wertvolle historische bausubstanz abgerissen, werden fruchtbare äcker zubetoniert, straßen verbreitert und gärten geschottert. reiche, sensible gestaltung wird also massenhaft durch plumpe, arme, flächige unkultur ersetzt, und irgendwie finden es alle gut?! da muss ich nicht mitmachen, mache ich auch nicht, das ist einfach nur eine große sch...ande. man kann nur hoffen, dass sehr bald eine neue generation von bürgern und architekten nachwächst, die diese einfallslosigkeit endlich stoppt.
Das rekonstruierte Stadtschloss ist städetbaulich äußerst problematisch. Die Lustgartenfassade liegt schief zu Schinkels Museum, das nordwestliche Portal liegt nicht in der Achse des Lusgartens, die Kuppel zeigt ins Nichts, zum Gründungskern Berlins jenseits der Spree liegt zeigt der Bau dagen sienen Hintern. BBZ haben das Beste daraus gemacht. Die freien Flächen helfen hier, die schlimmsten städtebaulichen Missberhältnisse und fehlenden Zusammenhänge notdürftig zu überspielen. Und das alles mit traditionallen Materialien aber ohne kitschig zu werden. Was auf den Bildern nicht rüberkommt: Vorort wirkt die Großmaßstäblichkeit und Einfachheit der Freiflächen sehr passend zu den Dimensionen der angrenzenden Gebäude und Stadträume (Lustgarten, Rathausforum). In Siena oder Venedig stören wir uns ja auch nicht an befästigten Platzflächen. Im Gegenteil; , möchte ich behaupten. Wenn Berlin wieder voll mit Touristen ist, wird von dem Pflaster ohnehin nicht mehr viel zu sehen sein. Mein Fazit nicht die Freiflächen sind das Problem, sondern sie Restflächen, die das Stadtschloss erzeugt.