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07.01.2026

Buchtipp: Münchner Modernisten

Von Gagern, Ludwig, von der Mühlen. Bauten von 1958 bis 1998


Die beiden Wohnhochhäuser Orpheus & Eurydike in der Schwabinger Ungererstraße dürfen als das beste brutalistische Projekt Münchens gelten. Und das liegt eindeutig nicht daran, dass die Konkurrenz in der bayerischen Landeshauptstadt eher schwach auf der Brust ist. Zugleich markieren die beiden 1973 fertiggestellten, bewegten Baukörper mit ihren offensichtlich hochwertigen Wohnungen einen wichtigen Wende- und zugleich Höhepunkt im verantwortlichen Büro von Gagern, Ludwig, von der Mühlen. Logisch also, dass das Haus auch auf dem Cover der im letzten Jahr erschienenen Monografie zu finden ist.

Das von Benjamin Eder und Stefan Imhof herausgegebene Buch mit dem maximal sachlichen Titel von Gagern, Ludwig, von der Mühlen. Bauten von 1958 bis 1998 macht die Architektur des Büros mit dem wunderbar kryptischen Kürzel vGLvdM erstmals kompakt greifbar. Knapp zwei Jahrzehnte arbeiteten Jürgen von Gagern (1930–2019), Peter Ludwig (1927–2017) und Udo von der Mühlen (1928–2016), die sich beim Studium kennengelernt hatten, zusammen. 1975 löste sich die Partnerschaft auf, das Buch stellt aber auch Projekte vor, die die drei später in unterschiedlichen Konstellationen realisierten, wobei vor allem von Gagern weiter große Bauten umsetzte.

Gebaut haben vGLvdM vorwiegend für den frei finanzierten Wohnungsmarkt und vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Prosperität. Statt sich in Wettbewerbe zu stürzen, pflegten sie ihre Kontakte zu lokalen Investoren. Die Akquise lag in erster Linie bei von Gagern, der scheinbar ein bestens vernetzter Lebemann war, der sich mit großem Selbstbewusstsein in der legendären Schwabinger Szene bewegte. Die Herausgeber zitieren ihn mit einem provokativen Kommentar zur Amalienpassage (1969–77), die in der breiten Öffentlichkeit anfangs stark kritisiert wurde, da ihr mehrere Bestandsbauten, darunter eine beliebte Studentenkneipe, zum Opfer fielen: „Mein Plan bringt den Fortschritt. Fortschritt muss sein! Fortschritt fordert stets Opfer! Die Schwachen bleiben auf der Strecke! Für die gibt es Sozialhilfe.“ 

Fast von Anfang an bestimmen Schottenbau und die Arbeit mit vorgefertigten Elementen die Projekte des Büros. Nachvollziehbar arbeiten Eder und Imhof heraus, wie es vGLvdM gelang, trotz dieses vermeintlich starren konstruktiven Ansatzes, hochwertige Wohnungen mit großzügigen räumlichen Situationen und Nutzungsvarianten anbieten zu können. Neu gezeichnete Pläne sowie Bildstrecken des Fotografenduos The Pk. Odessa Co machen die Projekte bestens erleb- und studierbar. Vor allem bei den etwas späteren Bauten arbeiteten die Architekten virtuos mit Knicken und Versprüngen der Baukörper, um überzeugende Raumbildungen im Zusammenspiel mit den Grün- und Straßenräumen zu schaffen. 

Unbedingt beachtenswert ist die Eigentumswohnanlage in der Pienzenauerstraße (1968–70) im feinen Stadtteil Bogenhausen. Mit zwölf Wohneinheiten zählt der Viergeschosser zu den kleineren Projekten der Architekten. Involviert waren nur von der Mühlen und Ludwig, die auch als Projektentwickler fungierten und selbst hier wohnten. 240 Quadratmeter Wohnraum mit weißem Kachelboden und betonsichtigen Wänden schuf von der Mühlen für sich und seine Familie. Das ist in quantitativer Hinsicht nicht unbedingt bescheiden. Dass der Architekt aber Erdgeschoss und Souterrain für sich auswählte, mit einem Tiefhof arbeitete und sich quasi im Sockelbereich eines Mehrfamilienhauses einrichtete, erstaunt doch ein wenig. 

Von der Mühlens privates Wohnen kann auch modellhaft gelesen werden für das, was die Arbeit der drei Architekten in ihren besten Fällen charakterisiert: hochwertiges, innerstädtisches und verdichtetes Wohnen in Eigentumswohnanlagen, die sich dem Stadtraum nicht verschließen, sondern mit gut programmierten Erdgeschosszonen die Nachbarschaft aufwerten. Das macht diese Häuser bis heute relevant.

Text: Gregor Harbusch

Von Gagern, Ludwig, von der Mühlen. Bauten von 1958 bis 1998
Benjamin Eder und Stefan Imhof (Hg.)
Gestaltung: PARAT.cc
240 Seiten
Hirmer Verlag, München 2025
ISBN 978-3-7774-4349-2
45 Euro


Zum Thema:

Noch mehr Interesse an der engagierten Wohnungsgrundrissarbeit der deutschen Nachkriegsmoderne? Dann lohnt ein Blick in die vor einigen Jahren erschienene Publikation Hans Scharoun und die Entwicklung der Kleinwohnungsgrundrisse. Die Wohnhochhäuser Romeo und Julia 1954–1959.


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