Kuppeln für indigene Kultur
Unigebäude in Toronto von Formline mit LGA
Ein Wigwam ist eine oft kuppelförmige Behausung indigener Völker Nordamerikas. Seine Konstruktion besteht aus einem Gerüst gebogener Äste oder junger Baumstämme. Auf dem Scarborough Campus der University of Toronto wurde vor Kurzem das Indigenous House eröffnet, dessen Architektur diese Bauform zitiert. Entworfen hat den Neubau Formline Architecture (Vancouver), ein vollständig von indigenen Menschen geführtes Büro, gemeinsam mit LGA Architectural Partners (Toronto).
Das Gebäude steht im Zeichen der 94 „Calls to Action“ der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission von 2015. Der Maßnahmenkatalog formuliert Empfehlungen, um die Folgen der kolonialen Vergangenheit aufzuarbeiten und die Rechte und Lebensbedingungen indigener Bevölkerungsgruppen zu stärken. Auf dem Campus bedeutet das ganz konkret: Der zweigeschossige Neubau beherbergt Büros für indigene Mitarbeiter*innen und Älteste, Bereiche für Forschung und Sprachbewahrung sowie Räume für Ausstellungen, Unterricht und Zusammenkünfte. Erstmals gibt es dort auch einen eigenen Ort für Zeremonien.
Mit rund 1.000 Quadratmetern ist das Projekt für ein Universitätsgebäude vergleichsweise kompakt. Sein Standort auf einem ehemaligen Parkplatz ist von deutlich größeren Nachbargebäuden geprägt, die überwiegend brutalistischen oder modernistischen Formen folgen. Umso stärker fällt die eigenständige Gestalt des Neubaus ins Auge.
Dem formalen Vorbild des Wigwams folgend, liegen an beiden Stirnseiten runde Multifunktionsräume, wobei der östliche etwas größer ausgebildet ist. Vor allem im Obergeschoss entfalten die Räume unter ihren kuppelartigen Decken eine besondere Atmosphäre; das Holztragwerk bleibt sichtbar. Dazwischen spannt sich der längliche Baukörper unter einem gewölbten Dach. Im Grundriss liegt eine Funktionsspange mit Nebenräumen in der Mitte, während sich die Büros entlang der Längsseiten verteilen.
Zum Projekt gehört auch eine umfangreiche Freiraumgestaltung von Public Work (Toronto), die im stark versiegelten Campusumfeld ebenfalls auffällt. Sie umfasst Heilpflanzen, heimische Gewächse – darunter ein kleines Birkenwäldchen – und einen Bereich für Zusammenkünfte im Freien. Rampen erschließen das Gebäude von verschiedenen Seiten und führen bis zum Laubengang im Obergeschoss, der zugleich als Aussichtsplattform auf das angrenzende Waldstück dienen soll.
Eine weitere Besonderheit betrifft übrigens den Brandschutz. Im Indigenous House gibt es laut den Architekt*innen keine Rauchmelder, sondern Wärmesensoren. So sind Räucherrituale im gesamten Gebäude möglich. (gk)
- Fertigstellung:
- 2026
- Architektur:
- Formline Architecture + Urbanism mit LGA Architectural Partners
- Landschaftsarchitektur:
- Public Work
- Tragwerksplanung:
- Equilibrium Engineering
- Gebäudetechnik:
- Introba
- Bauherrschaft:
- University of Toronto Scarborough
- Fläche:
- 995 m²




