Freudvoller Eingriff
Umbau einer Textilfabrik bei Barcelona von NUA arquitectures
Mit einem „freudvollen Eingriff“, wie sie es selbst beschreiben, transformierten NUA arquitectures (Tarragona) die Büro- und Gemeinschaftsbereiche einer Fabrik des Textilherstellers Tuvatèxtil. Den Umbau des Bestands – ein gewachsenes Industrieensemble am Rand des historischen Ortskerns von El Pont d’Armentera – wollen die Architekt*innen auch als Hommage an die außergewöhnliche Industriegeschichte der kleinen katalanischen Gemeinde in der Provinz Tarragona verstanden wissen.
Diese reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als am Fluss Gaià mittelalterliche Walkmühlen entstanden. Ihren Höhepunkt erreichte die Textilproduktion im heute gerade einmal 500 Einwohner*innen zählenden Örtchen Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit zwölf Fabriken zählte El Pont d’Armentera damals zu den bedeutendsten Textilzentren Süd-Kataloniens. Eines der wenigen Unternehmen, die diese Tradition bis heute fortführen, ist Tuvatèxtil. Der Hersteller produziert Outdoor-Gewebe für Markisen, Garten- und Terrassenmöbel sowie Polsterstoffe für den Innenbereich und vertreibt seine Produkte international.
„Die Erinnerung an eine verlorene Tradition feiern“ nennen die Architekt*innen ihr Leitmotiv für den Umbau, der im Wesentlichen zwei Maßnahmen umfasst: die Aufwertung des Außenraums und den Umbau der Büro- und Gemeinschaftsbereiche im Inneren der bestehenden Industriehallen.
Mit dem neuen Platz transformierten NUA eine ursprünglich dem Verkehr dienende Fläche in einen Aufenthaltsort für Mitarbeitende und Besucher*innen. Eine Pergola mit drei Gewölben öffnet die kleine Freifläche zur von Weinbergen geprägten Landschaft. Die wiederverwendeten Stahlbetonstützen der Pergola tragen eine filigrane Metallkonstruktion, deren verwoben wirkende Struktur das Motiv der Textilproduktion aufgreift. Auch die Steine einer abgebrochenen Bestandsmauer wurden für eine neue niedrige Mauer wiederverwendet, die als Sitzgelegenheit dient.
Ein Durchgang verbindet den Platz mit dem Inneren der Fabrik. Ein rötlicher Keramikboden – von den Architekt*innen augenzwinkernd als „roter Teppich“ bezeichnet – führt durch einen Übergangsraum und setzt sich über eine Treppe und einen Laubengang im Inneren fort. Die Keramik findet sich als verbindendes Material auch an der Fassade des neuen Eingangsbereichs sowie in den Sitzgelegenheiten wieder.
Die Fertigteil-Betonkonstruktion der bestehenden Hallen ergänzten NUA durch ein leichtes Holzsystem, das als Raum-im-Raum-Struktur funktioniert. Das Holz und die räumliche Offenheit fügen dem industriellen Bestand eine gewisse Leichtigkeit hinzu – die sich in der Tat als „freudvoll“ beschreiben lässt. Im Erdgeschoss befinden sich Gemeinschaftsbereiche, Sanitäranlagen, Umkleiden und Aufenthaltsräume. Im Obergeschoss sind offen organisierte Büros untergebracht, die durch modulares Holzmobiliar gegliedert werden.
Entlang der Innenfassade der Holzkonstruktion bilden die von NUA als „Schornsteinräume“ bezeichneten Bereiche mit Nebenräumen und Büros einen akustischen Puffer zwischen Produktion und Hauptarbeitsplätzen. Haubenartige Aufsätze leiten hier Tageslicht aus den bestehenden Oberlichtern in die Räume. Die Tragstruktur der Hallen blieb vollständig erhalten. Holz und Keramik stammen laut Architekt*innen aus regionaler Produktion. (dsm)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- NUA arquitectures
- Team:
- Arnau Tiñena, Ferran Tiñena, Maria Rius, Dani Muñoz, Paula Roch, Jordi Canela, Júlia Franquet, Silvia Ledda, Chiara Cabras
- Tragwerksplanung:
- Windmill Structural Consultants
- Ingenieurplanung:
- Pellicer Enginyers
- Kostenplanung:
- Albert Vilà
- TGA:
- Totalinstant
- Bauherrschaft:
- Tuvatèxtil
- Fläche:
- 327 m²
Eine ähnliche Materialsprache verwendeten NUA auch bei ihrem Umbau eines Hauses an der Costa Daurada zum Aparthotel.