Wohnen an der Berliner S-Bahn Trasse
Stadtquartier von CollignonArchitektur
Da war eine kleine Berliner Planungskontroverse vorprogrammiert: Ein berlinfremder Investor (aus Dortmund) kommt daher und möchte auf seinem Privatgrundstück Häuser (sieben) mit Wohnungen (296) planen. Die Anwohner wollen aber lieber einen Park. Die Planung des Investors ohne Baurecht, ein gescheitertes Bürgerbegehren verschiedener Anwohnerinitiativen zur Umwandlung seines Grundstücks in eine Parkfläche und ein renommierter Nachhaltigkeitspreis für sein Projekt geben der Debatte zusätzlichen Zündstoff.
Das von der Dr. Wolfgang Schroeder Immobilien GmbH & Co. KG entwickelte Wohnbauprojekt an der Bautzener Straße in Berlin-Schöneberg erzeugt in der Bevölkerung und in Expertenkreisen daher erwartungsgemäß unterschiedliche Resonanz. Die Anwohner der sogenannten Bautzener Brache protestieren gegen die Zerstörung einer „Frischluftschneise“. Gleichzeitig vergibt die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) Ende 2015 eine ihrer bereits vor der Fertigstellung ausgesprochene Auszeichnungen für ökologisches Bauen: die Platin-Plakette. Das Projekt erhält so die höchste Auszeichnung, die je bei einer Vorzertifizierung eines Stadtquartiers in Deutschland vergeben wurde. Der Bezirk gratuliert, die Anwohner zeigen sich konspirativ.
Gesellschafter der Grundstückseigentümerin ist der Baumarktkettenbesitzer Reinhold Semer, der neben dem Hellweg-Baumarkt in unmittelbarer Nähe dreizehn weitere Filialen im Großraum Berlin besitzt. Er möchte an der Bautzener Straße vor allem kleine, bezahlbare Mietwohnungen entwickeln, die in Berlin stark nachgefragt und daher rar sind. Für ihn zeichnen CollignonArchitektur (Berlin) einen Masterplan, der zwar die Höhe der sieben Baukörper an die angrenzenden Gründerzeitbauten angleicht, die typische Gründerzeitblockstruktur aber mit Schneisen zwischen den Baukörpern aufbricht, um den Anwohnern die zur Debatte stehende Frischluft zu gewähren. Zusätzlich sollen die Nachbarn von den neu entstehenden gewerblichen Nutzungen auf den Erdgeschossflächen sowie neuen öffentlichen Stadtplätzen profitieren können.
In unmittelbarer Nähe zum Park am Gleisdreieck und mit S-Bahn-Anbindung scheint das Baugebiet nur einen Makel zu haben: Der Lärm durch die direkt angrenzende S-Bahn-Trasse. Glaubt man dem Baurecht, scheint eine Wohnbebauung hier zunächst ungeeignet. Das mussten bereits Robertneun (Berlin) bei der Planung ihrer Wohnbauten am Lokdepot erfahren, die sich etwas weiter südlich auf der anderen Seite der Gleise befinden. Größte Hürde war die Umwandlung von Gewerbenutzung in Wohnnutzung im Bebauungsplan.
Mit Schallschutzwänden und einem innovativen Belüftungssystem soll der Lärm im Quartier an der Bautzener Straße gedämmt werden. Dafür gab es letztendlich auch Platin. Zusätzlich punkten konnte das Projekt bei der DGNB mit einer Abwasserwärmenutzung, Kraft-Wärme-Kopplung mit einem eigenen Blockheizkraftwerk, und einer Stromerzeugung durch Solarpanels auf den Dächern. Fertiggestellt wird das Stadtquartier voraussichtlich 2017. (df)
Visualisierungen: Nadine Kuhn
Wenn schon Quartier, warum muss es denn so unglaublich trist und einheitlich geplant werden? Keine Ambition, kein Herzblut bei der Planung. Ohne Mehrkosten könnte hier auch eine differenzierte Architektur mit städtebaulichem Gesicht und ansprechenderer, Emotion und Identitätsstiftender Gestaltung entstehen.
Andere Städte schaffen es durch eine gute Steuerung der Neubauvorhaben mehr Qualität in die neuen Häuser zu bringen. In Berlin scheint das weder die Politik zu wollen, noch scheinen wir hier Investoren zu haben denen es am Herzen liegt.
Geld verdienen kann man auch mit mehr Charakter in den Gebäuden!
In der Gründerzeit wurde auch pro Haus ein wenig eigene Gestaltung eingeflochten, mit dem bekannten hoch geschätzten Ergebnis. Eigentlich ist in den Altbautne so gut wie alles gleich, aber jedes Haus hat einen eigenen Charakter. So schwer ist das auch bei Neubauten nicht.
Warum soll ausgerechnet ein "Radschnellweg" kreuzungsfrei sein? Wie schnell fährt man da?
100 wie auf Landstrassen (die nicht kreuzungsfrei sind)?
Das erinnert an Technokratiedenken der 60er und 70er als Kunstwelten wie Milton Keynes entstanden.
Das Projekt wirkt ansonsten eher langweilig, typischer Berliner Einheitswohnungsbau 2016 halt.