Lübecker Backstein-Variation
Stadthaus von Anne Hangebruch Mark Ammann Architekten
Die Nachkriegsmoderne betrachtete den Wiederaufbau der historischen Innenstädte bekanntlich als ein absolutes No-Go. Auch nach den ersten Ideen in den 1980ern dauerte es noch Jahrzehnte, bis der Rekonstruktivismus schließlich salonfähig wurde. Ob in Frankfurt, Dresden, Berlin oder Lübeck – das Prinzip ist gegenwärtig überall das gleiche: Symbolisch aufgeladene Gebäude wie Frauenkirche oder Stadtschloss werden möglichst originalgetreu wiederaufgebaut. Kleinteilige Altstadtstrukturen hingegen rekonstruiert man mithilfe von moderneren Neuinterpretationen. Ist der Puppenhaus-Charakter bei Durchschnittsbürger*innen auch durchaus beliebt, so stößt er bei Architekt*innen bekanntermaßen immer wieder auf große Bedenken in gestalterischer oder auch politisch-gesellschaftlicher Hinsicht – als Beispiele seien hier die Diskussion um die Frankfurter Dom-Römer-Bebauung und der von der ARCH+ initiierte offene Brief „Für einen Rekonstruktions-Watch – und wider den modernefeindlichen Architekturpopulismus“ genannt.
Die Lübecker Altstadt jedenfalls ist, ähnlich wie die Frankfurter Innenstadt, ein Paradebeispiel für den Wunsch, historische Strukturen wiederaufleben lassen zu wollen. Inmitten des UNESCO-Welterbes plant und baut die Hansestadt seit mehreren Jahren auf den historischen Parzellen des Gründungsviertels. Die Neubauten sollen sich dabei an den lokalen Traditionsformen orientieren, ohne sie zu kopieren, heißt es im Gestaltungsleitfaden „Lübeck gründet auf Form, Funktion und Fantasie“. Wie viel Fantasie hier wirklich zugelassen ist, sei in Frage gestellt. Breite, Höhe, Dachneigung, Materialität und Farbgebung sind selbstverständlich festgelegt. So orientiert sich auch das von Anne Hangebruch Mark Ammann Architekten aus Zürich geplante Wohn- und Geschäftshaus in der Fischstraße 16 sehr stark an den historischen Bauten. Der von Anne Hangebruch 2015 zum offenen internationalen Wettbewerb eingereichte Entwurf ging damals als Preisträger hervor.
Vorbild für das Haus in der Fischstraße 16 war das für die Lübecker Altstadt typische Dielenhaus – giebelständig und mit einem steilen Satteldach sowie einem hohen, von der Straße bis zum Hof durchgehenden Raum im Erdgeschoss, der „Lübschen Diele“. Weiterhin prägend ist die horizontale Gliederung der Dielenhaus-Fassade in drei verschiedene Zonen: Erdgeschoss, Obergeschosse und Giebeldreieck. Die Architekt*innen legten dementsprechend im Erdgeschoss, das zwei Geschäftslokale aufnimmt, einen zweigeschossigen Sockel an, in dem ein großzügiger Raum mit einer Höhe von über vier Metern untergebracht wurde. In den Obergeschossen befinden sich fünf unterschiedlich geschnittene Wohnungen. Darüber thront schließlich ein Staffelgiebel, der sich an den gotischen Backstein-Bürgerhäusern Lübecks orientiert. Wie eine Kulisse verbirgt dieser das dahinter und etwas tiefer liegende Dach. Insgesamt bietet der Bau eine Nutzfläche von 574 Quadratmetern.
Auch wenn die grundlegende Gliederung horizontal ausfällt, wird im Detail die Vertikale betont. So finden sich in den Obergeschossen schlanke Backstein-Lisenen wieder, die oben in einem horizontalen Gesims münden. Das Fassadenrelief ist laut Architekt*innen das zentrale Entwurfsthema der Außenhülle. Insgesamt wurden zehn unterschiedliche Formsteine für seine Ausbildung verwendet. (dsm)
Fotos: Maximilian Meisse
Gerade im nebeneinander zeigt sich schön die entkörperlichung unserer zeit. Fast eine phobie gegen singuläre, geschlossene formen, haus wie fenster. Als wär das nicht genug, noch die materielle halbierung der fassade. Alles symptome die jedes menschenmaß sprengen wollen. Perspektivumkehr von aussen richtung innen
Ein sehr gutes Haus. Ein hervorragender Attikaabschluss des Treppengiebels. Dank geht in die Schweiz an Anne Hangebruch Mark Ammann Architekten, die im Gründungsviertel den Maßstab im Backsteinbau neu setzten. Das Nachbarhaus von Henrik Becker gefällt mir auch ausgesprochen gut. Ich hoffe sehr, dass Kim Nalleweg mit ihrer zeilenartigen Verbauung in der Einhäuschenquerstraße auf einem ähnlichen Level herauskommen können. Dann wäre das Quartier mit vielen weiteren guten Bauten ein voller Erfolg. Zukünftig wären dann auch solche umständlichen und dem Diskurs vor 10 Jahren entsprechenden Einleitungstexte des Artikels nicht mehr nötig. Ideologische Begriffe wie "Rekonstruktismus" für einen gerade so maßstäblichen Städtebau im historischen Zusammenhang zu benutzen, können wir dann vielleicht auch als Architekten beiseite legen und uns der Sache an sich, der Architektur widmen. Was uns erwartet hätte, wenn die Debatte in Lübeck und anderenorts nicht so beherzt und bürgerengagiert verlaufen wäre, dem empfehle ich mal "P&C Lübeck" zu googeln. Dies war der Stein des Anstoßes damals für einen neuen Umgang mit dem kulturellen Schatz der Altstadt bewusster umzugehen. Das Büro welches mit diesem Ungetüm einen der bedeutendsten Hansemärkte des Ostseeraums entstellt hat, baut heute auch passenderweise nur noch Gaga-Texture in Fernost. Die kommende Genration hiesiger Architekten wird diesen Fehler vor dem Hintergrund von Ressourcenschonung intelligent korrigieren müssen. Insgesamt also eine wirklich beispielhafte Entwicklung.