Wider den Architekturpopulismus
ARCH+ startet Petition für einen Rekonstruktions-Watch
Der Architekturtheoretiker Stephan Trüby– seit neuestem Inhaber des Lehrstuhls IGMA der Universität Stuttgart – hat kürzlich einen veritablen Shitstorm ausgelöst: In seinem am 8. April 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienenen Artikel (mit Paywall) zeigt er auf, wie Ideologie und Personalien der Rekonstruktionsbefürworter der sogenannten Neuen Frankfurter Altstadt mit der rechten Szene verquickt sind. Es dauerte nicht lange und die Szene reagierte. In neurechten Foren, aber auch im Feuilleton der Welt wird massiv Meinungsmache gegen den Verfasser, das von ihm vertretene Architekturverständnis sowie zeitgenössisch moderne Architektur im Allgemeinen und deren Erbauer betrieben.
Nicht erst seit Trübys Publikation ist offenbar, dass der Diskurs zu (Alt-)Stadtbildern und retrospektiver Architektur von geschichtsvrevisionistisch bestrebten Bewegungen in Beschlag genommen wird. Nun hat die Zeitschrift ARCH+, deren Redaktion derzeit mit Trüby und Markus Miessen eine Ausgabe zu rechten Räumen vorbereitet, eine Petition gestartet, die die Gründung eines Rekonstruktions-Watch fordert. Dabei geht es keinesfalls darum, Rekonstruktionsprojekte wie die Frankfurter Dom-Römer-Bebauung (siehe hier, hier und hier) durchweg als rechts zu stigmatisieren. Vielmehr ist es das Ziel, eine breite Öffentlichkeit für die Vorstellungsorientierung von Architektur im Allgemeinen und die populistischen Tendenzen der Diskussion, die sich mittlerweile unter dem Hashtag #Fachwerk formieren, im Speziellen zu sensibilisieren.
Der offene Brief wendet sich an Stadtbild Deutschland e.V., einen in vielen Städten des Landes aktiven Verein deutscher Rekonstruktions- und Stadtbildinitiativen. Dessen Mitglieder seien, laut Selbstbeschreibung, als vorwiegend 35-Jährige zwar vom Krieg und damit „manchen Facetten der Geschichte“ verschont geblieben, beklagen aber dennoch einen „Schmerz über das Verlorene, vielleicht eine Art Phantomschmerz, allgegenwärtig und umso intensiver, je mehr er durch Auslandsaufenthalte geprägt“ wird.
Die Petition und den offenen Brief „Für einen Rekonstruktions-Watch – und wider den modernefeindlichen Architekturpopulismus“ findet man auf www.change.org. (kms)
Die alte Schwarz-Weiß-Denke ist in gewissen Milieus offenbar immer noch lebendig...
ich habe die Idee im Dezember 2004 entwickelt und in den folgenden Monaten zunächst mit der Jungen Union (nicht rechts und schon gar nicht rechtsradikal) im zuständigen Ortsbeirat und danach in den Frankfurter Fraktionen publik gemacht. Im September 2005 wurde seitens der BFF unabhängig von meinen Arbeiten ein entsprechender Antrag eingebracht, der dann abgelehnt wurde und somit selbst fast keine reelle Auswirkung auf den weitere Verlauf der Diskussion hatte. Der Hintergrund meiner Idee war die besondere Konstruktionsweise der Häuser und auch tatsächlich die Unsichtbarkeit der langen Geschichte des Ortes an dieser Stelle. Da mich jedoch als Tragwerksplaner gerade der konstruktive Aspekt dieser beeindruckenden Häuser, auch als Alleinstellungsmerkmal der Stadt, interessiert hat, habe ich dafür geworben, diese eben als solche Beispiele wieder zu errichten du diesen Aspekt von architektur- und Handwerkshistorie zu veranschaulichen. Gerade das Rote Haus, welches auf dem Schneidepunkt einer Gasse und eines Platzes an einer Traufseite auf drei Eichenstützen gestellt wurde. Wie wurde das gebaut, dass es über 600 Jahre stand, sogar mit einer Aufstockung Mitte des 16. Jhdts.? Nix politisches dahinter, keine Vorbereitung einer faschistischen Revolution (ich bin sehr überzeugter Demokrat, genau genommen sogar mit ein wenig Migrationshintergrund und habe sogar lange Haare), einfach mal alte Konstruktionen verstehen, die angeblich heute überhaupt nicht mehr genehmigungsfähig wären. Das wünsche ich mir heute auch von vielen Architekten beim Erstellen der Planungen. Weniger philosophische Interpretationen von Putzoberflächen im Streiflicht, mal mehr Orientierung an bau- und nutzbaren Entwürfen mit ein wenig mehr technischem Interesse. Die meisten nennen sich ja schließlich "Dipl.-Ing.".
https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-KSP_gewinnen_Wettbewerb_fuer_Zentrum_von_Frankfurt_21347.html