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18.01.2019

Buchtipp: Nicht von Pappe

Shigeru Ban. Material, Structure and Space


In der Architektur wie anderswo: Der Mensch neigt zur Vereinfachung. Und so ist Shigeru Ban vor allem für seine jahrelange Beschäftigung mit Kartonröhren und Papier als grundlegende Konstruktionsmaterialien bekannt. Sowohl sein Eintrag bei Wikipedia als auch die Laudatio anlässlich der Verleihung des Pritzker-Preises 2014 würdigen insbesondere seine kreativen und in vielen Anwendungen immer weiter verfeinerten konstruktiven Experimente mit diesen ungewöhnlichen Werkstoffen.

Dass er aber viel mehr ist als ein „Papierarchitekt“, zeigt das Buch „Shigeru Ban. Material, Structure and Space“, das seinen Weg von den allerersten Bauten 1988 bis heute nachzeichnet. In 16 Kapiteln erzählt Ban selbst in präzisen, kurzen und stellenweise sehr persönlichen Texten, was ihn bis heute geprägt hat. Wie er schon als Kind Architekt werden wollte und ihn dann zwei Ausgaben von A+U überzeugt haben, dafür in die USA zu gehen: Um die damals aktuelle Diskussion um die „New York Five“ und insbesondere John Hejduk kennenzulernen. Wie ihn die sehr unterschiedlichen Ansätze an der SciArc und an der Cooper Union beeinflusst haben. Wie er in New York bei David Shapiro jede Woche ein Gedicht schreiben musste und er erst im Nachhinein begriff, dass die Beschäftigung mit der streng reduzierten Struktur der Wörter in der Poesie sein Denken über architektonische Strukturen veränderte. Und wie er lernte, dass die Moderne nicht für sich steht, sondern sich Mies sehr stark mit Schinkel und Le Corbusier mit Palladio auseinandergesetzt hatten, um zu einem „neuen“ Ausdruck zu finden.

All diese grundsätzlichen Aussagen, die Ban zu Beginn des Buchs in aller Offenheit und Unbefangenheit tätigt, bieten einen Schlüssel zum Verständnis seines sehr umfangreichen Werks, das er in den folgenden Kapiteln auffächert. Die handeln von seinen ersten Häusern, für die er sich mit Hejduk und dessen berühmten „Nine Square Grid“ beschäftigte, davon, wie er sich dann den Themen Konstruktion und Form widmete, um sich später dem Raum, bestimmten Materialien und architektonischen Elementen zuzuwenden: Rollläden, bewegliche Elemente, Glas, „Case Study Houses“, „Courtyard Houses“, „Houses with Framed Views“ und ja, auch „Experiments Leading Toward Paper“ und „Paper Tube Structures“. In eingängiger, lockerer Erzählweise erleben wir mit, wie die Projekte dabei immer größer und der Umgang mit bestimmten Materialien und Konstruktionsweisen immer raffinierter und ausgefeilter wurde.

Das Buch macht die Evolution eines findigen Architekten nachvollziehbar, der, wie er selbst schreibt, das Glück hatte, seine Überlegungen über 35 Jahre hinweg immer direkt beim Bauen umzusetzen – und dabei viele großartige Projekte in allen Größenordnungen geschaffen hat. Seine Beschäftigung mit Kartonröhren und möglichst einfachen Raumknoten, die er vielfach auch auf geniale Weise für soziale und humanitäre Zwecke eingesetzt hat, bildet dabei eine sehr wichtige und gesellschaftlich relevante Episode – aber sie ist eben nur eines von vielen Themen, die auch zu Gebäuden wie dem Centre Pompidou in Metz (2010), dem Haesley Golf Clubhouse (2010), dem Aspen Art Museum (2014) oder jüngst zum La Seine Musicale in Paris (2017) geführt haben.

Dass die Arbeit an solchen repräsentativen Gebäuden und die Beschäftigung mit der Katastrophenhilfe kein Widerspruch sein muss, beweist dieses Buch. Dass es dann auch noch in einem ganz wunderbaren Schutzumschlag mit zwei verschiedenen, sehr japanischen Banderolen kommt, die sich zum Poster entfalten lassen, ist ein Gimmick von Toto Publishers, das wir sehr gerne mitnehmen.

Text: Florian Heilmeyer


Shigeru Ban. Material, Structure and Space

Shigeru Ban (Hg.)
Texte von Shigeru Ban, Tomoharu Makabe und Riichi Miyake
400 Seiten
Japanisch und Englisch
Toto Publishers, Tokio 2017

ISBN 978-4-88706-364-8
39,80 Euro


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Das Buch hat einen Schutzumschlag mit zwei Banderolen, die sich zum Poster entfalten lassen.

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