Neuer Direktor am S AM in Basel
Sechs Fragen an Adam Szymczyk
Seit zehn Monaten ist Adam Szymczyk Direktor des S AM Schweizerisches Architekturmuseum in Basel. Er folgt auf Andreas Ruby, der die Institution nach zehn Jahren Ende 2025 auf eigenen Wunsch verlassen hatte. Szymczyks Berufung irritierte so manche Erwartung: Nicht ein Architekt oder Architekturhistoriker übernimmt das 1984 gegründete Haus, sondern ein Kurator, dessen Laufbahn in der zeitgenössischen Kunst verankert ist. 1970 in Polen geboren, studierte er Kunstgeschichte in Warschau, begründete die Foksal Gallery Foundation in Warschau mit, leitete von 2002 bis 2014 die Kunsthalle Basel, ko-kuratierte 2008 die 5. Berlin Biennale und war 2017 künstlerischer Leiter der documenta 14 in Athen und Kassel. Was hat er vor?
Ich würde Kunst und Architektur nicht als getrennte oder gar gegensätzliche Felder betrachten. Sie haben eine lange gemeinsame Kulturgeschichte. Mich interessiert weniger, beide Disziplinen zusammenzubringen, sondern sichtbar zu machen, wie eng sie ohnehin miteinander verbunden sind.
Wie kann man Architektur heute, im Jahr 2026, ausstellen?
Diese Frage würde ich gerne an die Architektinnen und Architekten zurückgeben. Eine Ausstellung ist ja selbst eine räumliche Erfahrung. Als Kurator arbeite ich mit Ideen, Räumen und Formen der Wahrnehmung – und genau das ist auch für das Architekturmuseum zentral. Mich interessiert, wie Ausstellungsarchitektur Wahrnehmung prägt. Wie sich Besucherinnen und Besucher durch einen Raum bewegen. Welche Rolle Distanz, Transparenz, Materialität oder Atmosphäre spielen. Es gibt dazu eine reiche Geschichte – von modernistischen Ausstellungskonzepten bis zu radikalen und politischen Formen des Zeigens.
Können wir uns also auf räumliche Überraschungen freuen?
Ich hoffe, dass wir mit Architektinnen und Architekten arbeiten können, die den Ausstellungsraum ernst nehmen – nicht als neutrale Hülle, sondern als eigenen Gegenstand. Gleichzeitig interessiert mich das Museum als Institution, seine politische, ökonomische und soziale Geschichte. Wenn ein Haus das Wort „Museum“ im Namen trägt, muss es sich auch fragen, welche Macht- und Wissensordnungen damit verbunden sind.
Das S AM ist interessant, weil es keine klassische Sammlung besitzt. Bei seiner Gründung 1984 ging es damals nicht darum, irgendwo einen Tempel der Architektur zu errichten und darin Architektur auszustellen. Vielmehr wollten Architekturbegeisterte, Kunsthistorikerinnen, Architekten und viele andere das Domus-Haus in Basel vor dem Abriss retten. Mit Unterstützung lokaler Privatpersonen und Unternehmen konnten sie es kaufen und dem Immobilienmarkt entziehen. Erst 2004 zog das Museum in die Kunsthalle Basel am Steinenberg um. Es ging beim S AM also nie nur um Ausstellungen, sondern immer auch um Architektur als kulturelle, räumliche und politische Praxis.
Es heißt Schweizerisches Architekturmuseum. Wie national ist dieses Haus?
Es ist ein Schweizer Museum, weil es in Basel steht. Aber es ist kein Museum der Schweizer Architektur – und das war es auch nie. Der Name ist eher ein Ausgangspunkt für Fragen. Was heißt „Schweiz“? Was heißt „Architektur“? Was heißt „Museum“? Architektur ist immer in globale, politische und kulturelle Zusammenhänge eingebunden. Mich interessiert deshalb ein transnationaler Blick, der nationale Zuschreibungen nicht einfach bestätigt, sondern befragt.
Wie kann sich das S AM für Menschen öffnen, die normalerweise nicht ins Museum gehen?
Es muss Themen aufgreifen, die Menschen unmittelbar betreffen. Die Ausstellung im vergangenen Jahr im S AM über Schweizer Wohnbaugenossenschaften als Labor des Zusammenlebens war dafür ein gutes Beispiel: Plötzlich kamen viele Besucherinnen und Besucher, die sich sonst nicht unbedingt für Architekturausstellungen interessieren, weil es um ihre Wohnrealität ging. Es kommt nicht nur darauf an, Ausstellungen zu bestimmten Themen zu zeigen oder vermeintlich relevante Inhalte aufzugreifen. Das Programm selbst sollte von einer politischen Haltung getragen sein, die sich über die Zeit hinweg entfaltet. Zu spezifischen Themen bezieht das Museum bewusst Stellung. Seine Aufgabe ist es nicht, Wahrheiten autoritär zu verkünden, sondern Räume für Debatten zu schaffen, diese anzustoßen und sich gegebenenfalls auch selbst in die Diskussion einzubringen. Mich interessieren deshalb Formate, die Debatten entstehen lassen.
Die aktuelle Ausstellung Tony Fretton: Practice ist noch bis 3. Januar 2027 zu sehen.
www.sam-basel.org