Alles fließt in Kemnath
Schule von ALN und Gutiérrez-delaFuente
Kemnath ist eine Kleinstadt im Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz. Am nordwestlichen Stadtrand wurde kürzlich die neue Staatliche Realschule fertiggestellt, eingebettet zwischen dem Grünraum des Flötzbachs und den angrenzenden Sportfeldern. Der rund 850 Schüler*innen fassende Schulkomplex mit Dreifachsporthalle bildet damit einen Übergang zwischen Siedlungsrand und Landschaft.
Der Entwurf stammt von der Arbeitsgemeinschaft aus ALN | Architekturbüro Leinhäupl + Neuber (Landshut) und Gutiérrez-delaFuente Arquitectos (Madrid). Die Arge hatte 2019 in einem offenen Ideen- und Realisierungswettbewerb (RPW) den zweiten Platz erreicht und anschließend die Beauftragung erhalten. Zur Straße im Südwesten hin präsentieren sich Schule und Sporthalle als Einheit auf einem gemeinsamen Sockel. Zum Flötzbach im Nordosten hingegen werden die beiden Volumen zu seitlichen Flügeln, die einen weit offenen Schulhof als „Campusgarten“ definieren.
Die Neubauten so in die Topografie eingesetzt, dass sie die Kleinteiligkeit der dörflichen Umgebung nicht überformen: Das begrünte Dach des Verbindungsbaus vermittelt von Südwesten kommend zwischen Gebäude und Landschaft und wird über eine Wendeltreppe als Teil des Schulhofs nutzbar. Im Erdgeschoss schafft eine offene Loggia mit einem „Säulenwald“ einen fließenden Übergang zwischen Innen- und Außenraum.
Im Inneren folgt die Raumstruktur dem pädagogischen Konzept der „Bewegten Schule“: Dort wechseln nicht die Lehrenden das Klassenzimmer, sondern die Schüler*innen. So fällt allen Gemeinschafts- und Verbindungsräumen eine besondere Bedeutung zu. Die Architektur reagiert darauf, indem die Flure breiter sind als üblich und Rückzugsräume bieten. Dabei sorgt die kompakte Form des Schulgebäudes dennoch für kurze Wege. Das Zentrum dieser Bewegungs- und Begegnungsräume formt eine dreigeschossige Aula mit breiter Sitztreppe, die über Dachfenster in der Holzdeckenkonstruktion mit Tageslicht versorgt wird.
Bei der Gestaltung des Leitsystems ließ sich die Arge laut Projekttext von der legendären Signalethik inspirieren, welche Otl Aicher und die HfG Ulm für die Olympischen Spiele 1972 in München entwickelten. Gerundete Ecken greifen das Motiv der fließenden, kontinuierlichen Bewegung durch die Schule auf. Die Markierungen auf den Sportfeldern draußen setzen sich im Schulgebäude fort und durchziehen es wie eine Leichtathletikbahn.
Am Flötzbach wird schließlich auch die Grenze zwischen Schulgelände und Naturraum aufgelöst. Erholungs- und Ruhezonen öffnen den Schulhof zum Bach und zur angrenzenden Landschaft. Da der Bach teilweise als Biotop ausgewiesen ist, kann ein Teil des Schulhofs bei Hochwasser kontrolliert überflutet werden. Damit wird die Schule nicht als isolierter Baukörper verstanden, sondern als Teil der Landschaft. Die Arge hatte bei diesem Projekt auch die komplette Landschaftsgestaltung übernommen. (fh)
- Architektur:
- Arge Architekturbüro Leinhäupl + Neuber GmbH und Gutiérrez-delaFuente Arquitectos
- Bauherrschaft:
- Landkreis Tirschenreuth
- Projektteam GdlF:
- Julio de la Fuente, Natalia Gutiérrez, Franca Sonntag (Projektleitung), Cristina Infante, Daniel Guerra, Gizem Zeyrek, Martin Luque, Mónica González
- Team ALN:
- Markus Neuber und Barbara Neuber, Pentti Marttunen (Projektleitung), Mikaele Macka, Federica Marinelli, Victoria Heck, Alexandra Huber, Tim Eder
- Landschaftsarchitektur:
- ALN + Gutiérrez de la Fuente
- Bauleitung:
- planungsbüro Fischer GmbH
- Projektsteuerung:
- BPM Bau- und Projektmanagment Hartl GmbH
- ELT:
- Varoplan GmbH
- Tragwerk:
- Lammel, Lerch & Partner PartG mbB
- Fläche:
- 16.053 m² BGF
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