Dichte ohne Kompromisse
RIBA Stirling Prize 2026 für Lion Green Road
Gleich mehrere Stirling-Veteranen versammelte die Shortlist für die höchste nationale Architekturauszeichnung im Vereinigten Königreich – das Rennen machten die einzigen Neulinge. Lion Green Road in Coulsdon, Süd-London, von Mary Duggan Architects mit RUFF Architects (beide London) hat den RIBA Stirling Prize 2026 gewonnen. Mit dem kommunal finanzierten Ensemble aus 157 Wohneinheiten honoriert das Royal Institute of British Architects die architektonische Qualität im sozialen Wohnungsbau. Es ist erst das vierte Wohnungsbauprojekt, das den Stirling Prize in dessen 30-jähriger Geschichte gewinnt.
Das baumbestandene Grundstück am Rand von Coulsdon wies ein Gefälle von acht Metern auf. Die schwierige Topografie machten sich Mary Duggan Architects für eine Bebauung zunutze, die die geforderte Dichte sogar verdoppelte. Fünf unterschiedlich hohe, prismatische Baukörper als „Pavillons im Park“entstanden in der Vorstadtlandschafts Croydons. Die Anordnung nutzt die unterschiedlichen Höhenlagen und Ausblicke des Geländes, um eine „lebendige Landschaft" für 635 Bewohner zu schaffen.
Im Inneren windradartig um einen Erschließungskern organisiert, können alle Wohnungen über Eck durchlüftet werden, eingerückte Balkone bieten private Außenbereiche ohne direkte Einsicht. Drei Brauntöne und subtile Variationen im Ziegelmauerwerk geben jedem Block eine eigenes Auftreten. Bemerkenswert: Das Projekt wurde bei Gesamtkosten von unter 3.000 Euro/Quadratmeter realisiert. Zudem beweise es, so RIBA-Präsident Chris Williamson, Dichte lasse sich erreichen, ohne die Qualität der Orte zu kompromittieren.
Der zweijährig vergebene RIBA International Prize 2026 ging an die Green Field Factory in Rangpur, entworfen von Nakshabid Architects (Dhaka). Die siebenstöckige, 13.450 Quadratmeter große Teppichfabrik stellt den herkömmlichen Industriebau Südasiens infrage: Innenhöfe, tiefe Veranden und dschungelartige Fassadenbegrünung ersetzen mechanische Systeme. Im Zentrum steht das Wohlbefinden der rund 5.000 überwiegend weiblichen Beschäftigten. Jury-Vorsitzender Bijoy Jain (Studio Mumbai) betonte, das Gebäude zeige, dass Architektur weder spektakulär noch technologisch komplex sein müsse, um Veränderung zu bewirken.
Die weiteren Awards im Überblick:
- Neave Brown Award for Housing: Rowan Court, London von Satish Jassal Architects (London)
46 vollelektrische Sozialwohnungen haben brachliegende Garagen und Brachflächen einer 1970er Jahre-Siedlung in Seven Sisters ersetzt. Neue Fußgängerstraßen und ein Quartiersplatz verwandeln unsichere Hintergassen in aktive Nachbarschaft.
- Reinvention Award: Oru Sutton, London von Samuel Chisholm Studio und Takero Shimazaki Architects (beide London)
Ein leerstehendes British Home Stores-Kaufhaus wurde zum 3.400 Quadratmeter großen Community Hub mit Co-Working, Yoga-Studios, Kita, Café und einem Dachgarten mit Regenwassernutzung und Hühnerhaltung.
- Stephen Lawrence Prize und Conservation Award: The Buttermarket, Redruth von Architectural Thread (Wellington, Somerset)
Gleich zwei Auszeichnungen gingen an dieses Projekt: Der Stephen Lawrence Prize, der architektonische Exzellenz bei knappem Budget würdigt, ging an die von der jungen Architektin Jen Boddington geleitete Revitalisierung eines denkmalgeschützten Buttermarkts von 1825 in Cornwall. Der erstmals vergebene Conservation Award honoriert den behutsamen Umgang mit dem Bestand. Der vernachlässigte Ort ist nun ein lebendiger Treffpunkt für Märkte, Konzerte und Workshops.
- Client of the Year: York Minster – für das Centre of Excellence von Tonkin Liu Architects (London)
Zwei Neubauten im Münsterbezirk vereinen Steinmetzwerkstätten, digitale Fertigungstechnik und eine Residenz für Auszubildende, um die vom Aussterben bedrohten Handwerkskünste der Kathedralenpflege zu sichern.
- International Emerging Architect Award: Maker Architecten (Gent) – für YIMBY in Kortrijk, Belgien
Über 18 Parzellen einer Gartenstadt der 1920er Jahre werden rückwärtige Anbauten und Gärten zu einer neuen Straßenfront konsolidiert, über 1.000 Quadratmeter Ziegel und Dachziegel vor Ort wiederverwendet und die Nachbarschaft ohne Abriss für zeitgemäßes Wohnen ertüchtigt.
Die Einreichung für die nächste Runde der RIBA International Awards startet am dem 10. November 2026.
riba.org



