Buchtipp: Lehmbau skalieren
Pisé – Hybridkonstruktionen
2,3 Kilogramm bringt dieses Buch auf die Waage – so viel wie ein Leichtlehmstein. Ein Zufall? In Pisé – Hybridkonstruktionen. Tradition und Potenzial geht es um die Kombination von Lehmbauweisen mit Holz, Stahl und anderen Materialien. Architekt Roger Boltshauser und seine knapp 50 Mitautor*innen haben historische wie zeitgenössische Beispiele zusammengetragen und erläutern an ihnen konzeptionelle und konstruktive Überlegungen. Schließlich lautet die Frage: Wie lässt sich der Lehmbau skalieren?
Das Buch knüpft an den Vorgängerband Pisé – Stampflehm an, einer ähnlich umfassenden Veröffentlichung. Obwohl Pisé genau genommen der französische Begriff für Stampflehm ist, sind auf den annähernd 500 Seiten der aktuellen Publiaktion auch andere Bautechniken vertreten. Unzählige Fotos und Zeichnungen belegen die architektonische und konstruktive Vielfalt des Lehmbaus. Die Beispielbauten, einige bereits weit über hundert Jahre alt, stehen in Marokko, Spanien, Portugal, Frankreich und der Schweiz – eine Spur regionaler Cluster von Nordafrika bis in die Alpen.
Die erste Hälfte des Buchs ist der Geschichte des Lehmbaus gewidmet. Leser*innen erfahren, wie die Kasbahs in Marokko mit ihren Lehmwänden und Höfen nicht nur ein kühles Mikroklima in der Hitze schaffen, sondern auch Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht ausgleichen. Material, Gebäude und Städtebau sind hier nicht voneinander zu trennen. Auf der iberischen Halbinsel lassen sich regional unterschiedliche Hybridkonstruktionen mit Gips, Kalk, Steinen oder Ziegeln entdecken. Unter den neueren Beispielen ist sogar ein Schwimmbad im nordspanischen Zamora vertreten.
Zu lesen ist auch, was zum Aufschwung des Lehmbaus in Frankreich seit den 1970er-Jahren führte und wie sich die Pisétechnik in der Schweiz entwickelte, wo deutlich feuchteres und kälteres Klima herrscht als in Marokko. Selbst in postmodernen Architekturen fand das Material Eingang, doch gerade einige der jüngeren Bauten sind umstritten. Wie werden Lehmfassaden in zehn Jahren aussehen, denen etwa schützende Dachüberstände fehlen?
Der zweite Teil des Buchs beleuchtet, wie sich der Lehmbau beschleunigen, industrialisieren und im größeren Maßstab umsetzen lässt. Dazu erhalten die Leser*innen einen tieferen Einblick in die Qualitäten und Problemzonen des Materials, das zwar lokal als Bodenaushub gewonnen werden kann, jedoch eines aufwändigen und langwierigen Verarbeitungs- und Trocknungsprozesses bedarf.
Zu sehen sind Fotos von erfolgreichen Versuchen, Lehm zu gießen oder gar zu werfen, anstatt zu stampfen. Freistehende Gewölbekonstruktionen mit schützender Blechabdeckung, Ringanker und Stürzen aus Beton sowie an Lehmstützen aufgehängte Holz- und Stahltragwerke veranschaulichen den Ideenreichtum der Studierenden und Forschenden an der EPFL in Lausanne, der ETH Zürich und der TU München.
Neben Detailzeichnungen begleiten die Bauberichte auch Diagramme und Grafiken, die beispielsweise Verbesserungen bei Statik, Bauprozessen und der Feuchteentwicklung aufzeigen. Ob der Menge und Diversität an gebauten Beispielen wäre ein Stichwortverzeichnis oder ein Bauwerksregister sicher hilfreich gewesen, um Informationen und Projekte schnell wieder aufzufinden.
Natürlich werden auch die bereits realisierten Projekte von Boltshauser Architekten präsentiert: Neben dem Ziegelei-Museum bei Cham erhielten auch der Schulpavillon Allenmoos in Zürich und das Hotel Leo in St. Gallen einen ausführlichen Beitrag. Sie geben Hoffnung, dass Pisékonstruktionen in unseren Breitengraden wieder mehr Verbreitung finden – auch der Umwelt zuliebe.
Text: Maximilian Ludwig
Pisé – Hybridkonstruktionen. Tradition und Potenzial
Roger Boltshauser mit Mirjam Kupferschmid, Janina Flückiger und Marlène Witry (Hg.)
480 Seiten
Triest Verlag, Zürich 2026
ISBN 978-3-03863-095-1
98 Euro
Dieser Beitrag erschien zuerst auf BauNetz Wissen.



